Chronik
03.05.2017

Land wird von Fälschungen überschwemmt

Falsche Reisepässe, Führerscheine und andere Dokumente landen zu Tausenden bei den Experten des Bundeskriminalamtes.

Mit einer Lupe mit zehnfacher Vergrößerung untersucht eine Dokumenten-Expertin des Bundeskriminalamts (BK) den italienischen Reisepass. Auch wenn sie sich nach nur wenigen Sekunden schon sicher ist, dass es sich um eine Fälschung handelt, wird ein Original-Pass aus der rund 30.000 Dokumente umfassenden Sammlung hervorgeholt und mit dem "Corpus Delicti" verglichen. Die Sicherheitsmerkmale stimmen nicht einmal annähernd überein.

"Ein gefälschter Personalausweis, Führerschein oder Reisepass ist die Grundlage für jegliche Art von Verbrechen. Weil die Strafandrohung für Urkundenfälschung mit bis zu einem Jahr aber sehr gering ist, wird es immer noch als Kavaliersdelikt angesehen. Jugendliche kommen sich sogar gut vor, wenn sie ihren ersten Schülerausweis fälschen", sagt Johann Fuchsluger. Er leitet im Bundeskriminalamt das Referat für "Dokumenten- und Handschriften-Untersuchungen".

Über zu wenig Arbeit kann sich das vierköpfige Team nicht beschweren. Im Gegenteil: Europa wird von gefälschten Dokumenten geradezu überschwemmt. 2006 wurden in Österreich knapp 5000 Urkundenfälschungen und dazugehörige Delikte angezeigt; 2016 waren es bereits 6137. Wenn, wie zuletzt in einem Lkw am Grenzübergang Spielberg, Zehntausende gefälschte Blanko-Reisepässe sichergestellt werden, zählt dies in der Statistik nur als ein einziges Delikt.

Dunkelziffer

Viel mehr als die bekannt gewordenen Fälle bereitet der Polizei aber die Dunkelziffer Sorge. "Mittlerweile werden sehr gute Fälschungen mit einfachen Office-Geräten von zu Hause aus produziert", erklärt eine Fälschungs-Expertin des BK.

In Niederösterreich flog zuletzt eine international agierende Fälscherbande auf, die sich auf die Herstellung polnischer Führerscheine spezialisiert hatte. Es genügte ein Passfoto, eine Blanko-Unterschrift und eine Kopie des Reisepasses, um für rund 650 Euro an einen täuschend echt aussehenden Führerschein inklusive falschem Meldenachweis und Fahrschulzeugnis zu gelangen. "Das riesige Problem dabei ist, dass man diese gefälschten Papiere überall bei der Behörde in Österreich gegen ein gültiges österreichisches Identitätsdokument (Anm. Führerschein) ausgetauscht bekommt. Wenn es Zweifel an der Echtheit gibt, sollten die Papiere zu uns zur Überprüfung kommen", sagt Fuchsluger.

Im vergangenen Jahr wurden etwa 1500 Fälle mit Zehntausenden Dokumenten von den Experten des BK überprüft. Ein Mitarbeiter hat sich beispielsweise der Flut gefälschter nigerianischer Führerscheine angenommen und bereits mehr als 500 Falsifikate dokumentiert.

Mit der Flüchtlingswelle sind neue Herausforderungen auf die Kriminaltechniker zugekommen. Auf ihren Tischen landen exotische Dokumente, von somalischen Geburtsurkunden über syrische Schulzeugnisse bis zu afghanischen Heiratsurkunden. Auch in großen Wirtschaftskrimis wie dem Finanzskandal des Landes Salzburg, oder im Fall der Testamentsfälschungen in Vorarlberg ermitteln die Dokumenten-Experten – und fanden Testamente die mit einer Schreibmaschine aufgesetzt wurden, die zum Zeitpunkt der angeblichen Testaments-Verfassung noch gar nicht auf dem Markt war.

Uniformierte Polizei wird geschult

Die Polizei reagiert auf die Zunahme der Dokumentenfälschungen. In jedem einzelnen Bundesland werden zur Zeit eine Handvoll "Landestrainer für Dokumentensicherheit und Personenverifizierung" ausgebildet. Diese sollen ihr Fachwissen in eigenen Schulungen an die uniformierten Beamten weitergeben, die auf der Straße Dienst versehen.

Kontrollinspektor David Reinisch ist Landestrainer bei der Landespolizeidirektion Niederösterreich. Seit Anfang des Jahres hat er im regulären Dienstbetrieb acht gefälschte Führerscheine und Personendokumente erkannt und aus dem Verkehr gezogen. "Die Palette reicht von Leuten, die Ausweise fälschen um einen Handy- Vertrag zu bekommen, bis hin zum Kriminellen, der mit falschen Papieren ein Auto anmietet und damit verschwindet", so Reinisch.

Neben Fachwissen und dem geschulten Auge steht der Polizei in Österreich eine elektronische Datenbank namens "Argus" mit mehr als 4000 abgespeicherten Dokumenten im Polizei-Computer zur Verfügung. Hat ein Beamter Zweifel an der Echtheit eines Reisepasses oder ausländischen Führerscheins, kann er das Papier oder die Scheckkarte in den meisten Fällen am Computer mit dem Original vergleichen.

Argus wird ständig mit neuen Dokumenten und Sicherheitshinweisen aktualisiert. "Es gibt laufend Fortbildungen, damit man auch mitbekommt, was auf den Flughäfen oder am internationalen Sektor an Fälschungen alles passiert", so Reinisch.