Riesenrad im Wiener Wurstelprater

© KURIER/Franz Gruber

Saisonstart
03/11/2017

Für immer jung: Der Mythos Wurstelprater

Der Prater startet in die neue Saison. Die Strizzis sind passe, Adrenalin gibt es noch immer

von Michael Berger

Der rote Heinzi, in den 80ern Wiens Unterweltgröße hielt gerne Hof im Knusperhäuschen. Nicht selten saß Hofrat Max Edelbacher, damaliger Chef des Sicherheitsbüros am selben Tisch. Man wusste mit sich umzugehen.

Zu dieser Zeit war der Wurstelprater kein Aushängeschild für die Stadt. Schmuddelige Spielhallen, abgehalfterte Fahrgeschäfte, wenig motivierte Hutschenschleuderer und kaum Besucher.

Doch der Prater hatte sogar zu dieser Zeit sein Image. Halbstarke dominierten die Straße des ersten Mai. Spätpupertäre Jugendbanden gab es schon damals.

"Heute", sagt Peter Petritsch, Chef des Riesenrades, "ist der Wiener Wurstelprater ein pulsierender Touristenmagnet: 772.000 Gäste 2016 geben unserer Vermarktungs-Strategie recht. 2015 hatten wir am Riesenrad 700.000 Besucher. Wer hat schon eine zehnprozentige Steigerung? Den Mythos der halbseidernen Unterhaltung haben wir längst abgestreift."

Stefan Sittler-Koidl, Spross einer Prater-Dynastie und kürzlich wiedergewählter Präsident der Prater-Unternehmer hat ebenfalls gut lachen: "4,2 Millionen Besucher. 1400 Arbeitsplätze. Wir nutzen das Momentum des 250-Jahres-Jubiläums. Auch für die heurige Saison wurden wieder an die sechs Millionen Euro investiert."

Adrenalin-Junkies werden ihre liebe Freude haben. Ein 80 Meter hoher Freifallturm bringt Grummeln in die Magengrube. Am Novomaticplatz (das Casino musste wegen der kleinen Glücksspiel-Verordnung geschlossen werden) sorgt eine neue Achterbahn für Stimmung. Wer es etwas ruhiger mag, lässt sich im Schokolademuseum verwöhnen und Gäste mit Kunstsinn können in den neuen Pratergalerien den Mythos Prater erleben.

US-Präsident Carter

Zeitzeuge Hermann Molzer, seine Familie unterhält seit 1920 die Pratergäste (Piratenschiff, Geisterbahnen, Schießbuden usw.) sieht den Wandel des Wurstelpraters ziemlich profan: " Strizzis, Prostitution und Lausbuben haben wir locker überlebt. Und das Wirtschartswunder war eine Initialzündung. Heute sind wir eine Destination. Der Wurstelprater ist weltweit eine Trademark." Molzer, heute Filmemacher lächelt verschmilzt und plaudert aus dem Nähkästchen: "Sogar der damalige US-Präsident Jimmy Carter und seine Frau waren in den 80ern bei mir Gäste. Unsere Geisterbahnhaben den mächtigsten Mann der Welt und seine Gattin fasziniert."

Verantwortung

Stichwort Gäste: Auch das Schweizerhaus darf sich jedes Jahr über Gästerekorde erfreuen. Aber nur Bier und Stelze sind zu wenig. Die Kolarik-Dynastie zeigt Jahrzehnte lang vor, wie der Prater tickt. "Entspannung und Erholung vom Alltag. Das wollen und suchen unsere Gäste", weiß Biergartenchef Kolarik. Und er vergisst dabe nicht die Politik: "Wir hatten im Happel-Stadion die Fußball-Euro. Auch die U 2-Verlängerung war ein Segen. Und der neue Uni-Campus vor den Toren des Praters ist ein Umsatz-Geschenk. Das verlangt Verantwortung."

Michael Prohaska, Geschäftsführer der Prater GmbH, eine Tochter der Stadt Wien und Vermieter der Parzellen bringt den Prater-Mythos auf den Punkt: "Wir streiten nicht mehr. Die Unternehmer ziehen an einem Strang. Perfektes Entertainment funktioniert nur gemeinsam."

Historie

Vom kaiserlichen Spielplatz zum Vergnügungspark: 1766 machte Josef II. das einstige Jagdrevier für das Volk zugänglich. Da der Monarch auch Gastronomiebetriebe ermöglichte, wurde der Prater schnell zur Freizeitoase der Wiener. Es siedelten sich Wirte, Kaffeesieder und Lebzelter an. Auch das Vergnügen kam nicht zu kurz. Schaukeln, Ringelspiele und Kegelbahnen ließen die Wiener das harte Tagesgeschäft - zumindest für ein paar Stunden vergessen. Die Wirtschaftskrise hatte das Volk im Griff, die Cholera wütete in der Stadt. 1873 richtete Wien die Weltausstellung aus. Der Prater wurde zur Bühne der Innovation. Der Prater expandierte danach auch flächenmäßig. Die Venediger Au wurde mit Kanälen und Grachten zum Venedig von Wien.


Der Zweite Weltkrieg hätte den Wurstelprater beinahe ausgelöscht. Bomberstaffeln visierten den benachbarten Nordbahn an, viele Bomben trafen aber auch den Prater. Vom Riesenrad blieb nur ein Stahlgerippe mit drei Gondeln übrig, nur drei Schaubuden überstanden den Bombenhagel.
Seit den 50er-Jahren versuchten die „Hutschenschleuderer“ ihr Glück. Bis heute prägen einige Traditionsfamilien das Erscheinungsbild des Vergnügungsparks. Zu Differenzen zwischen der Stadt und den Unternehmern kam es zu Beginn des neuen Millenniums, als ein Masterplan für den Prater präsentiert, und auch umgesetzt wurde. Trotz Kritik gilt der Mongon-Plan bis heute als Initialzündung für den Prater.
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