Chronik
19.11.2017

Ein Weihnachtsmärchen aus Marokko

Wie die Österreicherin Patricia Kahane behinderten Frauen in Marrakesch ein neues, selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Alle Jahre wieder öffnet der Weihnachtsmarkt am ersten Adventwochenende im Wiener Museumsquartier seine Pforten. Dieses Jahr können hier vom 1. bis 3. Dezember ganz besondere Weihnachtsgeschenke gefunden werden. Und mit dabei ist – wie schon in den vergangenen Jahren – der Stand von Alnour, einem Sozialprojekt der Wienerin Patricia Kahane.

"Ich habe seit vielen Jahren einen wunderbaren Rückzugsort in einem alten Riad in Marrakesch. Bei meinen Spaziergängen durch die Medina sind mir immer wieder behinderte Frauen aufgefallen, die am Straßenrand gebettelt haben. Sie sitzen in teilweise selbst gebastelten oder sehr alten Rollstühlen, die kaum funktionstüchtig sind. Und so ist in mir der Wunsch entstanden, diesen Frauen zu helfen", erzählt Patricia Kahane. Sie sitzt in der Werkstatt von Alnour inmitten "ihrer" Frauen und bespricht, welche Waren für den Weihnachtsmarkt produziert und nach Wien geschickt werden. Exklusiv für den KURIER durften wir bereits einen Blick auf die neue Kollektion werfen.

Kunstvolle Kreationen

Was die Alnour-Kreationen so besonders macht, sind kunstvolle Stickereien. Jede Mitarbeiterin von Alnour beherrscht die marokkanische Tradition des Stickens – deshalb werden diese Frauen auch "Künstlerinnen mit Nadel und Faden" genannt. Unglaublich, wie die – meist durch ein körperliches Handicap beeinträchtigten - Frauen arbeiten. Einigen von ihnen fehlen seit Geburt einige Finger – trotzdem haben sie sticken gelernt und stellen Tag für Tag ihre Kunstfertigkeit unter Beweis.

Neben kleinen Mitbringseln wie herrlich duftenden Lavendelsäckchen, Taschentüchern, Armbändern und Servietten werden für den Weihnachtsmarkt Kleidungsstücke für liebevoll und kreativ bestickt – für Damen, Herren und Kinder aller Altersstufen.

Ganz neu im Alnour-Sortiment sind wunderbar bestickte Buttons. Bereits mit dem Preis für einen Anstecker (€ 15.-) sind die Kosten für die Verpflegung einer Frau für eine ganze Woche gedeckt. "Ich hoffe, dass auch dieses Jahr wieder viele KundInnen zum Weihnachtsmarkt im MQ kommen und mit ihrem Einkauf unsere Alnour-Frauen unterstützen", meint Patricia Kahane, die dafür sorgt, dass Alnour in vielerlei Hinsicht ein herausragendes Projekt darstellt.

Alphabetisierung & Arbeit

Die Alnour-Frauen sind angestellt sowie sozial- und krankenversichert – in einem Land wie Marokko ist dies nicht überall Standard. Sie werden fair entlohnt und bekommen an ihrem Arbeitsplatz Frühstück und Mittagessen. Eigens engagierte LehrerInnen unterrichten Französisch und für jene Frauen, die weder schreiben noch lesen können, werden Alphabetisierungskurse angeboten.

Sie erhalten Verkaufsschulungen und werden trainiert, wie sie sich im Alltag in einer noch immer von Männern dominierten Gesellschaft behaupten können. Für die Kinder der Mitarbeiterinnen gibt es sogar eine Kinderbetreuungsstätte.

"Seit Alnour im vergangenen Jahr in ein neu gebautes Haus gezogen ist, in dem neben der Werkstatt auch ein großer Verkaufsraum eingerichtet wurde, macht uns die Arbeit noch viel mehr Spaß" erzählt Haribou, eine junge Frau, deren Rückgrat gebrochen ist, als sie als Baby von einem Tisch auf den Boden gefallen ist. Mit ihrer Behinderung hat sie keine Anstellung gefunden und war von ihrer Familie abhängig.

Neben ihren fünf noch minderjährigen Geschwistern musste der alleinverdienende Vater auch Haribou ernähren – was selbst in Marokko mit einem Durchschnittslohn von ungefähr 300 Euro nicht einfach war. Heute ist die kleine, aber willensstarke Frau stolz darauf, dass sie ihre Familie mit ihrem Einkommen unterstützen kann.

Stolz & Selbstständig

Ihre Kollegin Fatima, die seit Geburt im Rollstuhl sitzt, da sie ohne Beine geboren wurde, erzählt, dass sie außerhalb von Marrakesch wohnt und nie in die Stadt fahren konnte, da es keinen behindertengerechten öffentlichen Bus gibt. Auch Taxifahrer hätten sich geweigert, eine Rollstuhlfahrerin ohne männliche Begleitung mitzunehmen. Heute wird sie täglich vom Alnour-eigenen Bus, der extra für die Bedürfnisse der behinderten Frauen umgebaut wurde, abgeholt und abends wieder nach Hause gebracht.

Prothese statt Rollstuhl

"Ich bin glücklich wenn ich sehe, wie die Frauen sich verändert und entwickelt haben, seit sie bei uns arbeiten" erzählt Patricia Kahane nicht ganz ohne Stolz und stellt uns Rachida vor. "Mit ihrer neuen Beinprothese, die Alnour ermöglicht hat, kann sie sich endlich selbstständig bewegen und ist nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen."

"Ajiw taklo – kommt essen", ruft die Köchin Naima aus der Küche. Fünf Minuten später sitzen alle Frauen an einem langen Tisch und essen gemeinsam aus einer großen Schüssel das herrlich duftende, frisch zubereitete Couscous. Auch die Kinder aus dem Kindergarten sind mit ihrer Betreuerin gekommen und genießen die Mittagspause mit ihren Müttern. Die Pause ist aber schnell wieder vorbei, da eine Gruppe italienischer Touristen vor dem Geschäft steht und an die Türe klopft."Eine Freundin, die unlängst in Marrakesch war, hat uns begeistert von Alnour erzählt und so haben wir einen Besuch hier im Laden fix vorgesehen." Gioa, eine Bibliothekarin aus Rom, lässt sich Wäschesäcke, die mit dem Schriftzug "Merry Christmas" bestickt sind, einpacken. "Diese Säcke sind das ideale Geschenk für die Weihnachtseinladungen zu Hause." "Merci pour votre visite – Danke für Ihren Besuch" rufen die Frauen den Touristen nach und beugen sich wieder über ihre Handarbeiten. Noch ein paar Weihnachts-Wäschesäcke und Schals müssen verziert werden. Danach wird die Ware nach Wien geschickt, damit sie rechtzeitig im Museumsquartier eintrifft.

Von Alexandra Czernin-Morzin

Alnour im MuseumsquartierALNOUR beim Weihnachtsmarkt im MQ:
Freiraum (Eingang Mariahilferstraße)
Museumsplatz 1, Hof 2, 1070 Wien
Fr; 01.12. von 14:00 – 20:00 Uhr
Sa; 02.12. von 10:00 – 20:00 Uhr
So; 03.12. von 10:00 – 19:00 Uhr
www.weihnachtsquartier.at
www.alnour-textiles.com