Chronik
04.03.2018

Der Anblick ist kostenlos

Lost Places: Hobbyfotograf stieg in aufgelassenes Hotel ein, Besitzer wollte abkassieren.

Auf den ersten flüchtigen Blick sieht das offenbar nobel eingerichtete Hotelzimmer bezugsfertig aus. Perserteppich, Stehlampe, antikes Sofa und ein säuberlich aufgebreitetes Tischtuch, als würde gleich der Nachmittagstee serviert. Bei genauerem Hinschauen sieht man den Schimmel, der über die gesamte Wand kriecht.

Bei einem solchen Anblick gerät der Hobbyfotograf Stefan Baumann ins Schwärmen. "Die Besitzer hören das nicht so gern, aber die Objekte reifen", sagt der 36-Jährige: "Man kann beobachten, wie der Schimmel den Raum übernimmt. Das ist surreal, wie aus einem Film."

Baumann gehört zu einer international vernetzten Gruppe von Fotografen, die man unter dem Markennamen Lost Places kennt: Sie spüren verlassene Plätze auf der ganzen Welt auf, leer stehende Hotels, aufgelassene Krankenhäuser, Schulen, Gefängnisse, recherchieren den geschichtlichen Hintergrund und dokumentieren den Verfall. Etwa die Irrenhäuser aus dem Faschismus in Italien. "Die haben eine ähnliche Geschichte wie Steinhof, auch schon von der Architektur her." Gerade kommt Baumann von einer 4500 km langen Reise zurück: Florenz, Genua, Neapel in vier Tagen

Ein Reiz ist das gewaltfreie Überwinden von Hindernissen wie Zäune, Türen, Nachbarn, um in die Objekte zu gelangen. "Wir knacken keine Schlösser und schlagen keine Scheiben ein", erzählt Baumann dem KURIER: "Wir tauchen unten durch. Wir suchen zum Beispiel nach einem Kanal, durch den wir über den Keller hinein kommen." Heikle Begegnungen bleiben ihm und seinen Begleitern dabei nicht erspart. "In einem aufgelassenen Gefängnis, eine Traumlocation, waren gerade Kupferdiebe zugange. Die haben mit der Flex Gitterstäbe rausgeschnitten und uns zu verstehen gegeben, dass sie die Flex auch für etwas anderes verwenden würden. Das war knapp."

Ausgeforscht

Besonders angetan hat es Baumann – von Beruf Sozialarbeiter – der marode Charme von Bad Gastein. Das Eindringen in eines der leer stehenden Hotels aus dem 19. Jahrhundert, das schon bessere Zeiten gesehen hat, hätte aber fast das Ende für die Urban Explorer (wie sich die Forscher mit der Kamera nennen) bedeutet. Der Besitzer, ein Anwalt, hatte mitbekommen, dass Innenaufnahmen seines verfallenden Hotels die Runde machen und den Fotografen über dessen Facebook-Profil ausgeforscht. Zunächst kam eine Besitzstörungsklage, Baumann musste 450 Euro zahlen. "Wenn ich wo einsteige, muss ich damit rechnen", sagt er: "Aber das hält mich nicht ab, das Risiko geh ich ein." Wenn ihn einer erwischt, "dann kann man mit mir reden, mich muss man nicht klagen."

Aber der Hotelbesitzer wollte mehr. Viel mehr. Baumann sollte nachträglich Nutzungsentgelt für die Verwendung des Objekts als Kulisse zahlen. Die Lichtbilder, mit denen Baumann vielleicht Ausstellungen veranstalte, würden dem Hotelbesitzer gehören, und er habe den Verwendungsanspruch.

Im übrigen würden die Fotos eine verkaufshemmende Wirkung erzeugen, argumentierte der Anwalt, der das Hotel seit Jahren an den Mann zu bringen versucht. "Ich kann schön auch", sagt Baumann: "Ich hätte ihm die Hütte schön durchgeknipst, aber er hat abgelehnt." Der Hotelbesitzer klagte lieber. Wäre er damit durchgedrungen, hätte sich nicht nur Baumann sein Hobby nicht mehr leisten können. Das Abkassieren bei den Mitgliedern von Lost Places wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen und hätte die Foto-Community in die Knie gezwungen.

Kein Anspruch

In erster Instanz wurde Baumann verurteilt, 1700 Euro plus Verfahrenskosten zu zahlen. Gemeinsam mit seinem Anwalt Wolfgang Blaschitz wollte er das aber durchkämpfen und berief. "Und es hat sich ausgezahlt." Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien schrieb fest: Der Anblick einer fremden Sache, auch von innen, ist kein vermögenswertes Gut und daher frei. Die Verwendung der Innenansicht als Fotomotiv begründet keinen Anspruch des Eigentümers des Objekts. Er kann niemandem verwehren, Zeichnungen oder Fotografien anzufertigen und zum Beispiel als Ansichtskarten zu verwerten.

Eine Wegbeschreibung zum Objekt seiner Begierde in Bad Gastein oder auch anderswo kann man Baumann nicht entlocken. "Ein bisschen Geheimnis muss man bewahren", sagt er. Schon zum Schutz des Objekts, "das sonst leer geräumt oder verwüstet wird."

Fotos von Baumann auf lichtgespiele.at