Chronik | Burgenland
22.06.2017

A4-Drama: Vize warnte Boss vor Erstickungsgefahr

Zweiter Tag im Prozess gegen jene Männer, die für den Tod von 71 Flüchtlingen verantwortlich sein sollen.

In der ungarischen Stadt Kecskemét ist am Donnerstag der Prozess gegen jene Schlepper fortgesetzt worden, die für den Tod von 71 Menschen verantwortlich sein sollen. Dem Erstangeklagten und mutmaßlichen Bandenchef, dem 30-jährigen Samsoor L., war am zweiten Prozesstag das Lachen schon etwas vergangen.

Nachdem er zum Prozesstag am Mittwoch mit einem breiten Grinsen von den vermummten Sondereinheiten in den Gerichtssaal gebracht worden war, zeigte er sich am Donnerstag weniger gut gelaunt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Dolmetsch, wurde dieser auf Drängen des Erstangeklagten ausgetauscht. Wie berichtet hatte L. am Mittwoch einen anderen Übersetzer gefordert, nachdem er sich über die Unverständlichkeit der Paschtunisch-Dolmetscherin beschwert hatte.



Die Aussage von Samsoor L. war im Gerichtssaal mit Spannung erwartet worden. Die Zuhörer wollten wissen, wie sich der Afghane, der wegen qualifizierten Mordes vor Gericht steht, verantworten würde. Doch auf eine Antwort warteten die Anwesenden vergeblich. "Ich werde erst aussagen, wenn ich von Angesicht zu Angesicht gehört habe, wie sich alle anderen Beschuldigten verantworten", sagte Samsoor L.

Wenig später wurde der Zweitangeklagte, der 30-jährige Bulgare Metodi G., mit Fußfesseln und Lederband in den Saal geführt. Er soll laut Anklage der zweite in der Bandenhierarchie gewesen sein. Auch er wollte zunächst kein Geständnis ablegen. Er wollte zuerst die Protokolle sämtlicher Einvernahmen hören und sich erst danach zu Wort melden.

Nach dem Verlesen einer dieser Protokolle urgierte er, dass die Angaben der Polizei nicht korrekt seien, er hätte das so nicht gesagt. Der Richter entgegenete: "Das waren ihre Angaben vor dem Untersuchungsrichter auf die Fragen der Staatsanwaltschaft.

Streit unter den Schleppern

Im Prozess wurde am Donnerstagnachmittag ein Streit zwischen dem mutmaßlichen Bandenboss und seinem Vize zum Thema. Der 30-jährige Bulgare war der Meinung, dass der Kühl-Lkw für den Transport von Menschen ungeeignet sei, da sie keine Luft bekommen würden. Dem widersprach der Afghane und es kam zum Streit, sagte der Bulgare bei seiner Einvernahme im Juni 2016.

Der Bulgare wies vor der Todes-Fahrt darauf hin, dass der Laderaum des Lkw keine Luftlöcher habe und nicht einmal Platz für 50 Personen sei, wie am Nachmittag aus dem Protokoll verlesen wurde. Im Endeffekt wurden 71 Menschen in den Laderaum gepfercht, die allesamt erstickten. Der Afghane herrschte seinen Stellvertreter an, er solle ihm das Geschäft nicht kaputt machen. Er verstehe mehr davon, schließlich mache er das schon seit 15 Jahren.

"Was hätte ich machen können? Wenn ich den Kühllaster gestoppt hätte, dann hätte ich mein Todesurteil unterschrieben"

Der Zweitangeklagte meinte daraufhin: "Was hätte ich machen können? Wenn ich den Kühllaster gestoppt hätte, dann hätte ich mein Todesurteil unterschrieben." Und der Afghane wäre um eine Einnahme von 100.000 Euro gekommen, meinte er.

Daraufhin wurde der Beschuldigte bei der Vernehmung gefragt, ob der Afghane verboten habe, die Frachtraumtür zu öffnen. "Ja", meinte der Bulgare. Die Ermittler wollten auch wissen, ob der mutmaßliche Bandenboss gesagt habe, die Menschen in dem Frachtraum könnten ruhig sterben. "Das hat er nicht ernst gemeint", meinte der Bulgare, er habe das eher in seiner Wut gesagt, "und in einem Dialekt, den ich nicht richtig verstanden habe".

Komplize zeigte sich geständig

Wie den Einvernahmeprotokollen zu entnehmen ist, hat der mutmaßliche Komplize des Bandenbosses ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er berichtete, wie er mit dem 30-Jährigen zunächst gemeinsame Autogeschäfte getätigt hatte, bis ihn der Afghane im Juni 2015 fragte, ob er Schlepperfahrer aufstellen könnte. Der Bandenboss sei mit der Zeit allerdings zu gierig geworden.

Täglich wären dann die angeheuerten bulgarischen Fahrer von Morahalom an der serbisch-ungarischen Grenze mit den Geschleppten nach Westeuropa gefahren. Alle zwei bis drei Tage wurden die Fahrer ausgetauscht. Die Schlepperfahrzeuge wurden mithilfe des 52-jährigen Komplizen, eines bulgarisch-libanesischen Staatsbürgers, angekauft. Die Autos wurden so lange eingesetzt wie nötig. Wenn die Fahrzeuge unterwegs kaputt wurden, wurden sie einfach mit den Flüchtlingen zurückgelassen, die meisten in Österreich. Viele Schlepperfahrer wurden auch von der Polizei erwischt. Jede Tour wurde von einem sogenannten Vorläuferwagen begleitet, dessen Lenker nach der Polizei Ausschau hielt.

Immer mehr Flüchtlinge

Zunächst wurden Klein-Lkw dafür angeschafft, später Lkw, die 30 bis 35 Personen transportieren konnten. Am Ende wurden bis zu 100 Flüchtlinge auf die Ladeflächen gepfercht. Im August 2015 endete eine solche Fahrt an der A4 tödlich. Der 30-jährige Afghane "wurde zu gierig, deshalb sitzen wir hier", sagte der mitangeklagte Bulgare in der Einvernahme.

Als in der Nacht auf den 26. August 2015 die 71 Flüchtlinge nach Westeuropa gebracht werden sollten, half der 30-jährige Zweitangeklagte beim Einsteigen. Danach verbrachte er die Nacht mit seiner Freundin in Kecskemet, bis ihn der Fahrer des Begleitfahrzeugs anrief und von den Problemen berichtete. Er informierte den afghanischen Komplizen. Der Bandenboss riet, den Flüchtlingen Wasser zu geben. Aus Angst vor der Polizei fuhren der Lkw-Lenker und der Begleitfahrer einfach weiter, ohne die Ladetür zu öffnen. Alle 71 Flüchtlinge erstickten.

Die beiden Bandenbosse hätten die Fahrer dann nicht mehr erreicht. Diese hätten sich erst wieder gemeldet, als sie bereits nach Bratislava geflüchtet waren. Sie behaupteten, von der Polizei verfolgt worden zu sein und den Lkw bei Parndorf abgestellt zu haben. Daraufhin meinte der Afghane, dass dann die Polizei die Flüchtlinge ja gefunden und aus dem Lkw befreit hätte, sagte sein Stellvertreter bei der Einvernahme. Doch dem war nicht so - erst einen Tag später, am 27. August 2015, entdeckten österreichische Beamte das Fahrzeug mit den Leichen.

Aus dem Fernsehen erfahren

Vom tragischen Ende der Schlepperfahrt erfuhr der Zweitangeklagte aus dem österreichischen Fernsehen. Der 52-jährige Komplize rief ihn an und berichtete von den Toten an der A4.

Am zweiten Prozesstag war das Interesse der Medien und Zuhörer weitaus geringer als am Mittwoch. Da waren rund 100 vor allem internationale Journalisten angereist, um über den Fall zu berichten.