Chronik | Burgenland
15.11.2017

"Müssen nicht alle topfitte Krieger sein"

Am 15. November übernimmt der Brigadier offiziell das Amt des burgenländischen Militärkommandanten

KURIER:Der Personalstand im Burgenland wird bis 2020 von derzeit 800 Bediensteten um rund 300 erhöht. Wie läuft es? Gernot Gasser: Rund ein Drittel der neuen Jobs ist besetzt, ein weiteres Drittel des Personals befindet sich in Ausbildung und ein Drittel ist noch offen. Für das Jägerbataillon 19 in Güssing suchen wir Zeitsoldaten für maximal neun Jahre. Für Eisenstadt und Bruckneudorf werden künftige Unteroffiziere gesucht, die als Berufssoldaten Rekruten im neuen Jägerbataillon 1 ausbilden. Das Bataillon stellt sicher, dass künftig alle burgenländischen Präsenzdiener im Land ausgebildet werden können.

Mehr Personal heißt auch mehr Raumbedarf in Kasernen? Güssing ist eine topmoderne Kaserne, dort wird man nicht viel Geld in die Hand nehmen müssen. In Bruckneudorf ist die Generalsanierung zweier Gebäude und des Wirtschaftsbereichs auf Schiene, dort werden in den kommenden vier, fünf Jahren rund 20 Millionen Euro investiert. In Eisenstadt kann es auf dem Gelände der Martinkaserne einen Neubau oder eine Adaptierung der zum Teil denkmalgeschützten Gebäude geben.

Ihre Präferenz? Ein Neubau wäre optimal und würde sieben bis acht Millionen Euro kosten.

Was brauchen Job-Bewerber? Sie müssen zumindest 17 Jahre und österreichische Staatsbürger sein und die Schulpflicht abgeschlossen haben. Nach oben gibt es kein Limit, aber unsere Zielgruppe sind grob gesprochen 17- bis 30-Jährige. Ein 50-Jähriger macht nicht viel Sinn, die Nutzung ist kurz.

Wird es die 300 zusätzlichen Kräfte bis 2020 geben?Ich gehe davon aus, dass wir das Ziel früher erreichen. Bei der Militärmusik haben wir den Sollstand von 46 Mitgliedern erreicht.

Wie viele Bewerber für den soldatischen Bereich scheitern? Rund die Hälfte. Ein Teil zieht zurück, ein Teil besteht die zwei- bis dreitägige Prüfung nicht. Neben medizinischem und sportlichem Check und einem psychologischen Eignungstest prüfen wir auch Deutschkenntnisse.

Wo hapert‘s am meisten? Medizinische und sportliche K.o. halten sich die Waage, den psychologischen Kriterien entsprechen rund zehn Prozent der Bewerber nicht.

Die Neuaufnahmen sollen auch den Frauenanteil heben. Derzeit grundeln wir bei zwei bis drei Prozent, mittel- bis langfristig sollen es zehn Prozent werden. Das Bundesheer bemüht sich, Frauen anzusprechen, wir veranstalten Girls-Day und Girls-Camp. Ich glaube, dass aus Sicht der Frauen ein Job beim Heer herausfordernder ist als etwa bei der Polizei.

Ist je ein Gleichstand möglich? 50 zu 50? Das ist illusorisch. Selbst die angepeilten zehn Prozent sind schon sehr couragiert, auch wenn es bei einzelnen Berufsarmeen diese Frauenquote gibt.Es gibt nicht nur zu wenige Frauen beim Heer, sondern insgesamt zu wenig Nachwuchs?Bei Kaderanwärtern haben wir einen massiven Zustrom. Die Zahl der Grundwehrdiener aber ist bundesweit im Sinkflug. Wir brauchen jährlich 20.000 Grundwehrdiener, aktuell haben wir 18.000. Geburtenschwache Jahrgänge und die steigende Zahl Untauglicher machen uns zu schaffen, zudem machen fast 40 Prozent eines Jahrgangs Zivildienst.

Was tun – Grundwehrdienst verlängern, eine Berufsarmee? Nein, letzteres ist nach dem klaren Volksentscheid vom Tisch (2013 waren bei einer Volksbefragung fast 60 Prozent für die Beibehaltung der Wehrpflicht; Anm.). Eine Verlängerung des Grundwehrdienstes wäre militärisch wünschenswert, wird aber wenig Fans finden.

Was bleibt dann? Eine Stellschraube, an der wir drehen können, sind die Tauglichkeitskriterien der Stellungspflichtigen. Bei weniger hohen Anforderungen habe ich mehr Rekruten, die aber unterschiedlich verwendbar sind. Das ist machbar, es gibt Funktionssoldaten in Küche, Werkstatt oder Sanitäter. Es müssen nicht alle topfitte Krieger sein.

Der Grenzeinsatz ist auch auf Grundwehrdiener angewiesen, wie lange kann er aufrechterhalten werden?Aus meiner Sicht noch lange. Derzeit sind in Wien, Steiermark, Kärnten, Tirol und Burgenland insgesamt 1000 Soldaten im Einsatz, davon 450 im Burgenland.

Ist der Aufwand gerechtfertigt? Bundesweit werden pro Tag 80 illegale Grenzgänger aufgegriffen, hochgerechnet aufs Jahr summiert sich das. Der berechtigte Anspruch der Bevölkerung auf Sicherheit und kontrollierte Migration muss uns das wert sein.

Könnte sich der Herbst 2015 mit unkontrolliertem Zustrom von Flüchtlingen wiederholen?Aus meiner Sicht ist hundertprozentig sichergestellt, dass nicht noch einmal Zehntausende ohne erkennungsdienstliche Behandlung ins Land kommen. Wir haben aus 2015 gelernt und in Nickelsdorf und Heiligenkreuz ein Grenzmanagement installiert, Zäune sind vorbereitet. Aber 20.000 Menschen an einem Wochenende und einem Punkt stellen immer eine große Herausforderung dar.

Dauert dieser Assistenzeinsatz wieder 21 Jahre wie der alte? Das ist Kaffeesudlesen. Gäbe es international keine Krisen, bräuchten wir in Österreich nicht auszurücken.

Ist eine Rückkehr zu komplett dichten Grenzen denkbar? Das wäre für das Erfolgsprojekt Europa eine Katastrophe. Eine lückenlose Kontrolle ist bei dem Verkehrsaufkommen nicht umsetzbar.

Mehr Personal und Assistenzeinsatz fallen in die Amtszeit von SPÖ-Minister Hans Peter Doskozil, der wohl aus dem Amt scheidet. Traurig? Das Bundesheer ist unpolitisch, jeder Minister hat unsere Anerkennung und Loyalität, wenn er uns versteht und sich für uns einsetzt.

War das bei Doskozil der Fall? Zu hundert Prozent. In den letzten Jahrzehnten hat es keinen Verteidigungsminister gegeben, der beliebter und erfolgreicher war. Niemand gibt so einen Frontmann gerne her.

Wo sehen Sie seine Erfolge? Er hat dem Bundesheer nach Jahrzehnten des zu Tode Sparens wieder die Würde zurückgegeben. Im einzelnen hat er ausgehandelt, dass uns die Kosten für den Assistenzeinsatz vom Finanzministerium refundiert werden. Früher ging das immer zu Lasten des Verteidigungsbudgets. Und dieses Budget ist aufgrund seines Engagements von 0,55 Prozent des BIP auf 0,66 Prozent angehoben worden – zu den Krösussen gehören wir trotzdem noch lange nicht.

Befürchten Sie, dass eine neue Regierung wieder den Sparstift ansetzt? Ich hoffe nicht, denn die sicherheitspolitische Lage hat sich nicht verändert. Aber wenn die Gesamtverschuldung des Staates gesenkt werden soll, war es traditionell stets unser Ressort, das überproportional zur Kasse gebeten wurde. Das wäre in der jetzigen Lage der worst case, davor habe ich schon ein bisschen Fracksausen.

Was, wenn eine Frau das Verteidigungsressort übernimmt? Ich halte uns für modern genug, um damit kein Problem zu haben. Parteifarbe und Geschlecht sind egal, die Leistung zählt.