Theaterinitiative Parndorf, "71 oder der Fluch der Primzahl", Theaterstück über das Flüchtlingsdrama auf der A4, bei dem im Sommer 2015 71 Menschen im einem Kühl-Lkw ums Leben gekommen sind

© /Hans Wetzelsdorfer

Parndorf
01/06/2017

Hommage an 71 tote Flüchtlinge

Berührende Aufarbeitung der Flüchtlingstragödie im Theaterstück "71 oder der Fluch der Primzahl".

von Theresa Gsellmann

Fassungslosigkeit, Gänsehaut, Tränen – Gefühle, die beim Premierenpublikum Mittwochabend in der Parndorfer Volksschule vorherrschend waren. Mit dem von Peter Wagner inszenierten Stück "71 oder der Fluch der Primzahl" wurde den 71 toten Flüchtlingen, die im August 2015 in einem Kühl-Lkw auf der Ostautobahn A4 bei Parndorf tot aufgefunden wurden, Respekt gezollt. Das mit viel Fingerspitzengefühl gestaltete Theaterstück gilt als kultureller Gedenkstein für die unfassbare Tragödie, bei der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder auf dem Weg in ein vermeintlich besseres Leben qualvoll ums Leben kamen.

Wiegenlied

Es ist vor allem das Schicksal der Kinder, das bei der Multimediaperformance Mittwochabend besonders berührt. Das Wiegenlied von Michaela Frühstück rührt zu Tränen. "Sind wir bald da?", fragen die Kinder. "Nur noch einmal schlafen", versuchen die Eltern zu beruhigen. Das Kinderspiel "Ich seh’, ich seh’ was du nicht siehst" sollte die langen Stunden im dunklen Lkw verkürzen. Aber das "Unsichtbare" war der Tod...

Das heikle Thema wurde aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet – 21 burgenländische Schriftsteller, darunter Karin Ivancsics, Wolfgang Millendorfer, Petra Piuk, Katharina Tiwald und Susanne Toth, machten sich Gedanken darüber. Mit Kritik an der Gesellschaft und am System wird naturgemäß nicht gespart. Zwischen den Auftritten der Darsteller Bella Ban, Tania Golden, Gernot Piff, Petra Staduan und Werner Wultsch wurden die Besucher mit harten Fakten konfrontiert. In Interviews schilderten Einsatzkräfte wie sie den 27. August 2015 und die Zeit danach erlebt haben. Ein Sanitäter erzählt vom "blanken Entsetzen" in den Augen seiner Kollegen, Johann Fuchs, der Leiter der Staatsanwaltschaft, und Beamte des Landeskriminalamtes berichten von der riesigen Herausforderungen für die Ermittler.

Nachdenken

Es war ein Abend, der zum Nachdenken angeregt hat. "Darüber, wie so eine Tragödie passieren kann und was jeder einzelne dazu beitragen kann, damit die Welt ein weniger menschlicher wird", sagte der Parndorfer Bürgermeister Wolfgang Kovacs. Nach der Aufführung "war sehr viel Betroffenheit zu spüren, wir haben vieles verdrängt und plötzlich war alles wieder da", gesteht Kovacs. Regisseur Peter Wagner hat mit dem Stück erreicht, was er wollte: "Theater vermag zu befreien, es war eine Erlöstheit zu spüren." Dazu trug auch die Musik von Ferry Janoska bei, der kein Requiem, sondern "Lebensmusik" komponierte. Das Publikum schien berührt und begeistert zu sein– für das Ensemble gab es Standing Ovations. Die Premiere war ausverkauft.

Nur das offizielle Burgenland glänzte durch Abwesenheit. Landeshauptmann Hans Niessl konnte wegen einer "Terminkollision" nicht kommen, sein Stellvertreter Johann Tschürtz befand sich auf Urlaub. Regina Petrik, Landessprecherin der Grünen, und ÖVP-Klubobmann Rudolf Strommer waren bei der Premiere mit dabei.

Dass politische Verantwortungsträger ob der Schwere des Themas "lieber nach Mörbisch gehen, kann man ihnen fast nicht vorwerfen", meinte der Regisseur im KURIER-Gespräch.

Zwei Mal noch ist "71 oder der Fluch der Primzahl" in Parndorf zu sehen, bevor das Stück der Theaterinitiative Burgenland weiter nach Eisenstadt, Oberwart und Großwarasdorf zieht.

Weitere Vorstellungen (jeweils 19.30 Uhr): 6. und 7. Jänner , Parndorf; 11., 12., 13. Jänner, ORF-Landesstudio Eisenstadt; 19., 20., 21. Jänner, Offenes Haus Oberwart; 22. Jänner, Matinee um 11 Uhr, OHO; 27. Jänner, KUGA, Großwarasdorf

www.oho.at

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