Chronik | Burgenland
10.04.2012

Flüchtlingselend im Bordell

In Sieggraben im Burgenland sind 20 Flüchtlinge in einem baufälligen einstigen Bordell untergebracht. Die Politik sah bisher kein Problem.

Ali sagt, es war schon immer so. Seit vier Jahren lebt der Kurde hier in der Waldschenke, einige Kilometer vom burgenlän­dischen Sieggraben entfernt. Es ist ein baufälliges Haus, ein ehemaliges Bordell in der Einöde, das die burgenlän­dische Landesregierung seit einigen Jahren als Unterkunft für 20 Flüchtlinge nutzt.

Dort, wo früher Durch­reisende mit Prostituierten verkehrten, wohnen heute Menschen wie Ali oder Mahmud: In der ehemaligen „Madame Bar“ warten sie mo­natelang auf den Ausgang ihres Asylverfahrens – fernab jeglicher Zivilisation, am Rande des Sieggrabner Walds, in einem sanierungsbedürftigen Haus, das Be­sucher mit einem großen Schild begrüßt: „Für Pferde und sonstige Tiere“, steht darauf geschrieben. Doch es sind keine Tiere, die hier hausen.

Es sind Menschen – die meisten kommen aus dem krisengeschüttelten Afghanistan, andere sind aus Afrika. Ein KURIER-Lokal­augenschein zeigt: Sie alle müssen sich hier eine Pfanne und einen Kochtopf teilen. „Nur zwei Teller, zu wenig Besteck“, sagt Ali. Ein strenger Geruch liegt in der Luft. Im Schankraum, in dem Freier und Prostituierte anbandelten, fehlen Stühle und Tische. In der Küche türmt sich der Müll ebenso wie im Hof hinter der Schenke. „Seit vielen Wochen“, sagt ein junger Afghane, „wurde nichts mehr abgeholt.“

Katzen streunen um das Haus, in dem einige Heizkörper nicht funktionieren; in dem Toiletten verdreckt und teils ohne Strom sind, und in dem ein Waschbecken dabei ist überzugehen. Ali und die anderen teilen sich einen kleinen Kühlschrank, manche Fenster haben sie mit Decken notdürftig verhangen. Zwei Asylwerber klagen über Juckreiz. Einer von ihnen zeigt auf einen Ausschlag auf Armen und Bauch.

Fairer Tausch?

Jeden Tag in der Früh statten die Betreiber des Lagers, Familie L., den Flüchtlingen einen Besuch ab. Sie kommen in der Früh mit Lebensmitteln. „Es gibt wenig Fleisch, viel Brot. Wasser und Cola. Kein Tee. Kein Kaffee“, sagt Ali.

Die Familie aus Sieggraben hat so wie viele andere Privatleute in Österreich einen Vertrag mit dem Land abgeschlossen. Der Deal lautet: Geld gegen Quartier. Im Schnitt erhalten die Betreiber 15 Euro Taggeld pro Flüchtling. Wie gut das „Geschäft“ für Herbergsgeber ist, hängt auch davon ab, wie viel Geld am Ende des Tages den Flüchtlingen zugutekommt. „Es ist ein Schandfleck für das Burgenland“, sagt Wolfgang Zöttl von der Caritas. „Es ist menschenunwürdig, doch zum Glück ein extremer Einzelfall.“ Zöttl kennt die 26 Heime im Burgenland.

Bis 2010 war die Caritas für die Beratung der Flüchtlinge zuständig. „Wir haben die baulichen Missstände öfter aufgezeigt. Es ergingen Beschwerden an die zuständige Sozialabteilung im Land und an die Gesundheitsbehörde. Reagiert wurde erst nach Monaten.“ Doch auch das ist lange her. Bei der Diakonie, die jetzt mit der Beratung betraut ist, heißt es: „Wir haben unsere Wahrnehmungen öfter an die Landesregierung weitergeleitet. Zum konkreten Fall möchte ich mich nicht äußern“, sagt Christoph Riedl.

Müssen sich Burgenlands Politiker den Vorwurf gefallen lassen, nicht reagiert zu haben und offensichtliche Missstände, die ihnen bekannt gewesen sein dürften, einfach hingenommen zu haben?

„Werden prüfen“

Im Büro von Landesrat Peter Rezar (SPÖ) wird auf regelmäßige Kontrollen hingewiesen. Dabei seien keine „gravierenden Mängel“ festgestellt worden. Eine erneute Kontrolle sei nun aber „unumgänglich“. „Dies wird umgehend in die Wege geleitet“, verspricht Sprecherin Gerlinde Stern-Pauer. Sofern der Quartiergeber den Vertrag nicht erfülle, stehe eine Kündigung im Raum.

Ob es klug ist, 20 Flüchtlinge in der Einöde unterzubringen, sie auf Distanz zu halten und sich selbst zu überlassen? „Das Quartier wurde zu einer Zeit unter Vertrag genommen, als dringend Quartiere gesucht wurden“, sagt sie. „Grundsätzlich gibt es aber bessere Standorte.“ Die Betreiber des Heims wollten zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Zwei Anrufe der Redaktion wurden nur knapp beantwortet. Zuletzt mit den Worten: „Wir sehen uns beim Rechtsanwalt.“

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund