Regierungsplan: Nur noch zweimal Weihnachtseinkäufe mit Plastiksackerln.

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Burgenland
03/11/2020

Die Ungarn kommen, um zu kaufen

Noch unveröffentlichte Studie zeigt: Das Burgenland profitiert vom Konsum der Nachbarn mehr als umgekehrt. Das war nicht immer so.

von Claudia Koglbauer-Schöll

Ein G‘riss um die Parkplätze beim Einkaufszentrum Siegendorf gibt es am Abend meist nicht. Eine Mutter läuft mit ihren Kindern Richtung Lebensmitteldiskonter, um fürs Abendessen einzukaufen. Sie kommt aus dem wenige Kilometer entfernten Sopron. "Ich komme öfter. Die Qualität ist besser als in Ungarn und die Auswahl größer", sagt die Ungarin und hastet in den Supermarkt.

Auch János Hárkuti macht nach der Arbeit Halt beim Supermarkt, bevor er in sein Zuhause nach Sopron fährt. "Ich arbeite hier, also kaufe ich auch hier ein", sagt er in nahezu perfektem Deutsch. Auch er sei von der Produktqualität überzeugt. "Milch und Käse ist viel besser." Nur das Fleisch kaufe er in Ungarn, dort sei es günstiger. Buchen würden er und seine Frau auch in burgenländischen Reisebüros.

Das gute Service, aber auch das gewisse Mehr an Sicherheit bei österreichischen Anbietern überzeugen ihn. Ob er in seiner Heimat Sopron Österreicher beim Einkaufen beobachtet? "Viele kommen wegen der Kosmetiksalons und Zahnärzte", schildert Hárkuti.

Die Lage hat sich gedreht

Während vor allem Wiener und Burgenländer wegen der günstigen Lebensmittel, Zigaretten und Spritpreise jahrzehntelang nach Ungarn gefahren sind, scheint sich das Blatt nun zu wenden. Immer mehr Ungarn besuchen Restaurants im Burgenland und kaufen hier Lebensmittel ein. Das belegt Franz Perner, Sprecher der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Burgenland, anhand einer bislang noch unveröffentlichten Kaufkraftstudie. "Der Shopping-Tourismus hat sich erstmals gedreht", bilanziert Perner. Das bedeute, heute nehmen mehr ungarische Haushalte im Burgenland Dienstleistungen in Anspruch, als umgekehrt.

Womit unsere Nachbarn punkten, sind längere Öffnungszeiten – auch sonntags – und Angebote, die geballt an einem Ort dargeboten werden. In einem Schönheitssalon in einem Einkaufszentrum in Sopron etwa, kann man sich sowohl Nägel maniküren oder Haare schneiden lassen, als auch einem Facelifting unterziehen oder – mit ärztlicher Beratung – Fett absaugen lassen.

Ungarn als Unternehmer

Diese Zeichen der Zeit hat Unternehmerin Marta Drahozal längst erkannt. Die gebürtige Ungarin hatte sich schon 1995 mit ihrem Africa Beauty Center in Sopron selbstständig gemacht. Auf 180 Quadratmetern finden ihre Kunden Schönheitsangebote. Nicht nur der Haarverlängerung wegen würde prominente Kundschaft, deren Namen sie diskret nicht nennen will, zu ihr kommen. Seit drei Jahren bieten Drahozal und ihr 23-jähriger Sohn Christoph auch in Eisenstadt alles an, was dem Körper Gesundheit und Schönheit verleiht. In der Q-loungefit Forever setzt das Team das Konzept von Firmengründer Michael Wagner um.

Während „Frau Marta“, wie sie genannt wird, sich um die Schönheit im Salon kümmert, trainiert ihr Sohn Gäste im Fitnessstudio. Die Preise in Ungarn und in Österreich? „Es gibt kaum mehr Unterschiede“, sagt die Chefin.

Beim Lokalaugenschein des KURIER arbeitet ein Eisenstädter gerade an seiner Fitness. Er und seine Frau schätzen das Kombi-Angebot. „Ich komme drei- bis fünfmal in der Woche hierher, auch während der Arbeitspausen“, verrät er. Und die Expansion geht weiter. Demnächst werden die Drahozals ihre Salons nach Siegendorf verlegen und das Leistungsspektrum erweitern: Im neuen Tattoo-Studio soll auch Schönheit für die Ewigkeit verliehen werden.

Das steht in der neuen Studie

Bisher, sagt Franz Perner von der Wirtschaftskammer Burgenland hätten die burgenländischen Haushalte  öfter Dienstleistungen in Ungarn in Anspruch genommen, als das umgekehrt der Fall war.  Doch nun habe sich das Blatt gewendet, der Handelsaustausch sei derzeit positiv für das Burgenland. "Wir profitieren mehr als umgekehrt", bekräftigt Perner.

27 Prozent der  befragten ungarischen Haushalte besuchen laut Kaufkraftstudie  burgenländische Gastronomiebetriebe, vornehmlich in Grenznähe. Weitere 12 Prozent nehmen Bankdienstleistungen  in Anspruch, 10 Prozent kaufen in Apotheken ein.

  • 120 Millionen Euro geben Ungarn laut Wirtschaftskammer jährlich im Burgenland aus, umgekehrt sind es 16 Millionen
     
  • 17.000 unselbstständige Erwerbstätige aus Ungarn arbeiten im Burgenland, 2008 waren es nur 7.000
     
  • 3.500 Ungarn arbeiteten 2019 im Burgenland im Handel, 3.000 in der Gastronomie, 2.700 in der Produktion, 2.300 am Bau und 624 im Gesundheitswesen, der Rest (5.000) teilt sich auf

 

Umgekehrt konsumieren zwischen 10 und 25 Prozent der befragten burgenländischen Haushalte gastronomische Dienstleistungen  in Ungarn. In einer ungarischen Apotheke kaufen weniger als drei Prozent der Burgenländer ein, Massagen und Kosmetikbehandlungen werden von drei  bis fünf  Prozent der Haushalte konsumiert.

Die Preise in diesem Bereich seien mittlerweile  gleich hoch, sagt Perner. Außerdem würden sich immer mehr Ungarn im Burgenland  – etwa mit Schönheitsstudios – selbstständig machen.

Was die Burgenländer in Ungarn schätzen, sei das gute Kundenservice und die längeren Öffnungszeiten.  Für das Preis-Leistungsverhältnis gibt  es eine weniger gute Bewertung. Umgekehrt schätzen Ungarn bei burgenländischen Angeboten im Dienstleistungsbereich die hohe Qualität, Freundlichkeit und Entgegenkommen.