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Flüchtlingstragödie
08/28/2015

Burgenland: Mehr als 70 Tote aus Lkw geborgen

Noch schlimmer als befürchtet: Auf der A4 wurden im Kühlwagen mehr als 70 Leichen entdeckt.

von Michael Berger, Julia Schrenk, Johanna Kreid, Claudia Koglbauer-Schöll, Konrad Kramar, Raffaela Lindorfer, Stefan Sailer, Dominik Schreiber

Die schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen: Das am Donnerstag in Österreich bekannt gewordene Flüchtlingsdrama hat noch mehr Opfer gefordert. In der Nacht auf Freitag wurden mehr als 70 Tote aus dem auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland abgestellt gewesenen Lkw geborgen. Das sagte Innenministeriumssprecher Alexander Marakovits auf Anfrage der APA.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, die Leichenbergung dauerte die ganze Nacht. Der Lkw mit den toten Flüchtlingen war gestern nach Nickelsdorf gebracht worden, wo er in der ehemaligen Veterinärgrenzdienststelle gekühlt wurde. Die Toten werden in die Gerichtsmedizin nach Wien überstellt. Am Freitagvormittag um 11 Uhr will die Polizei in Eisenstadt weitere Informationen bekannt geben.

Bis zu 20 Ermittler

In Nickelsdorf (Bezirk Neusiedl am See) standen in der Nacht "sicher bis zu 20" Ermittler der Kriminalpolizei im Einsatz, sagte Polizei-Sprecher Helmut Marban zur APA. Ob sich auch Kinder unter den Flüchtlingen befinden, wollte man vorerst nicht bestätigen.

Zusätzlich zu den Ermittlungen nach der Flüchtlingskatastrophe ist die Polizei im Burgenland weiterhin mit der aktuellen Lage beschäftigt. Landespolizeikommandant Hans Peter Doskozil hatte bereits Donnerstag erklärt, dass man für die kommenden Tage und die nächste Woche einer weitere Zunahme bei der Ankunft von Flüchtlingen erwarte. Freitagvormittag, soll dazu eine Besprechung in der Landespolizeidirektion Burgenland stattfinden, so Marban. Dabei soll auch festgelegt werden, welche Verstärkungen erforderlich seien, um für die Herausforderungen der nächsten Tage gewappnet zu sein. Die Polizei im Burgenland soll durch Kollegen aus Kärnten und der Steiermark unterstützt werden.

"Es war ein Stapel lebloser Menschen"

Selbst die Polizisten standen am Donnerstag unter Schock. Schon um 7.45 Uhr hatten Beamten den Lkw in der Pannenbucht vor der Abfahrt Parndorf auf der Ostautobahn entdeckt. Sie waren auf dem Weg zur Einsatzbesprechung auf der Polizeiinspektion Parndorf. Wegen des Late-Night-Shoppings im Outlet-Center waren sie zur Verkehrsregelung eingeteilt. Als die Beamten kurz vor 11 Uhr vom Einsatz wieder zurückfuhren, stand das Fahrzeug noch immer dort.

"Wir sind stehen geblieben", erzählte einer der beiden Polizisten dem KURIER. Während er noch die Stelle absicherte, ging sein Kollege zur Fahrerkabine. Sie war unversperrt und leer, also ging er nach hinten und öffnete den Laderaum. "Mein Kollege hat gesagt: ,Du wirst nicht glauben, was da drin ist‘. Ich hab gefragt, ob es Schlepper sind. Er hat gesagt: ,Lauter Tote‘".

Sie hätten abgekämpft ausgeschaut. "Sie haben wohl versucht, irgendwie da rauszukommen." Die Menschen hatten keine Chance. Der Kühlwagen war luftdicht verschlossen, das Fahrzeug mit Drahtstücken versehen, um vorzutäuschen, dass die "Ladung" verplombt war. "Diese Menschen waren dem Tod geweiht. Sie haben einen Todeskampf geführt, bis zum Schluss" sagt der Polizist.

Kein Platz zum Atmen

Die Beamten wollen auch Frauen unter den Toten gesehen haben. Sie vermuten, dass auch Kinder unter den Opfern waren. Die Polizisten haben die Leichen nicht gezählt. Aber es hätten sich sehr viele Menschen in dem Lkw befunden haben, erzählten sie. Und dass sie wohl keinen Zugang zu Sauerstoff gehabt haben: "So etwas wie das, habe ich jedenfalls noch nie erlebt." Die Menschen hätten keinen Platz zum Atmen gehabt.

Wie sich später am Donnerstag herausstellte, war der 7,5 Tonnen schwere Kühl-Lkw mit ungarischem Kennzeichen am Mittwoch in den frühen Morgenstunden von Budapest aus gestartet. Das Fahrzeug – bei dem es sich laut dem burgenländischen Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil um "kein schleppertypisches Fahrzeug" gehandelt habe – hatte sich nach polizeilichen Erkenntnissen am Mittwoch um 9 Uhr noch in Ungarn unmittelbar vor der Grenze befunden. "Wir gehen davon aus, dass der Lkw in der Nacht auf Donnerstag über die Grenze gekommen ist", erklärte Doskozil. Wo er sich in den Stunden zwischen Mittwoch- und Donnerstagfrüh aufgehalten hat, ist Gegenstand von Ermittlungen.

Aufgrund der Auffindungsumstände sowie der aktuellen Wetterlage ging die Polizei am Donnerstag davon aus, dass die Flüchtlinge bereits eineinhalb bis zwei Tage, bevor sie gefunden wurden, ums Leben gekommen sein dürften.

Zur Kritik, warum der Lkw nicht früher kontrolliert worden war, erklärt Polizeidirektor Doskozil, dass die A4-Route täglich von 3000 Lkw passiert werde. "Eine lückenlose Kontrolle ist nicht möglich." Alleine am Donnerstag seien im Burgenland mehr als 300 Flüchtlinge aufgegriffen worden.

Auch einem Asfinag-Mitarbeiter war der Kühltransporter am Donnerstagvormittag aufgefallen, weil aus dem Fahrzeug Flüssigkeit tropfte. Wie die Polizei später erklärte, war es Verwesungsflüssigkeit. Vom Schlepper fehlte zunächst jede Spur.

Das Fahrzeug des Unternehmens Agrofert gehört einem slowakischen Wurstfabrikanten. Firmeninhaber soll der tschechische Finanzminister und Vizekanzler Andrej Babiš sein. Damit konfrontiert, erklärte Firmensprecher Karel Hanzelka: "Mit größter Wahrscheinlichkeit dürfte das Fahrzeug in der Vergangenheit verkauft worden sein." Ungarische Behörden erklärten, ein rumänischer Staatsbürger habe das Fahrzeug in der mittelostungarischen Stadt Kecskement angemeldet.

"Dunkler Tag"

Die Betroffenheit in Österreich ist groß. Bereits Donnerstag fanden erste Mahnwachen statt. Kardinal Christoph Schönborn wird am Montag, ab 19 Uhr, einen Gedenkgottesdienst abhalten.

In Eisenstadt fanden sich am Donnerstagabend etwa 30 Personen der Offensive gegen Rechts sowie des Bündnisses "Flüchtlinge Willkommen" zu einer Protestkundgebung bzw. Mahnwache vor der Landespolizeidirektion ein. Die Sprecherin der Offensive, Dagmar Schindler, fordert: "Nieder mit den Zäunen an den Grenzen und legale Fluchtwege."

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner war am Donnerstagvormittag im Bezirk Neusiedl am See unterwegs, um sich ein Bild von der Flüchtlingssituation zu machen, als der schreckliche Fund gemacht wurde. "Heute ist ein dunkler Tag. Diese Tragödie macht uns alle betroffen. Wer jetzt noch immer meint, dass es sich bei Schleppern um sanftmütige Fluchthelfer handelt, dem ist nicht mehr zu helfen." Schlepper seien nicht am Wohl der Flüchtlinge interessiert, "sondern nur am Profit".

Die Innenministerin kündigte verstärkte Kontrollen in den internationalen Zügen und im grenznahen Raum an. Außerdem müssten so rasch wie möglich die gesetzlichen Änderungen im Kampf gegen Schlepper vorgenommen werden. "Es ist wichtig, dass nicht nur Österreich mit null Toleranz gegen Schlepper vorgeht, sondern dass das auch die anderen 27 EU-Staaten machen", fordert Mikl-Leitner. Sie plädiert für Aufnahmestellen an den EU-Außengrenzen, um solche Tragödien zu verhindern.

Auf der A 4 kam es Donnerstagnachmittag wegen des in der Pannenbucht abgestellten Kühltransporters zu massiven Verkehrsbehinderungen. Schuld daran waren Schaulustige. Auch das Late-Night-Shopping in Parndorf sorgte für einen Verkehrsstau.

Ein weiteres Schlepper-Opfer wurde in der Nacht auf Donnerstag schwer verletzt. Der Flüchtling wurde auf der A4 von einem Pkw erfasst.

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