Chronik
31.07.2017

Auf Güterzug über Brenner-Route: Der Tod rollt am Gleis mit

In Bayern ist die Zahl von auf Güterzügen entdeckten Migranten sprunghaft angestiegen. Die Fahrt ist lebensgefährlich.

Mit 100 km/h brausen immer wieder Güterzüge durch den kleinen Bahnhof von Raubling im deutschen Inntaldreieck. Die Schienenfrachter passen nicht ins Fahndungsraster der Bundespolizisten der Inspektion Rosenheim, weil sie entweder nicht aus Italien kommen oder aber bereits am Brenner von den Tiroler Kollegen kontrolliert wurden.

Bei strömendem Regen haben die Schleierfahnder in großer Mannstärke an diesem Morgen bereits um vier Uhr früh Position bezogen. Die Unterstützung eines Polizeihubschraubers, der bei diesen Aktionen sonst ab dem 20 Kilometer entfernten Kiefersfelden mit Wärmebildkameras "Fühlung aufnimmt", fällt wegen technischer Probleme für heute aus.

Doch die Polizisten haben zuletzt viel Erfahrung gesammelt, welche Arten von Güterzügen gute Verstecke für Migranten bieten, die so illegal über die Grenzen nach Norden wollen. Denn die Zahl dieser Aufgriffe ist zuletzt sprunghaft gestiegen. "Im ersten Halbjahr waren es rund 20 Personen. Allein im Juli schon über 80", sagt Rainer Scharf von der Bundespolizeiinspektion Rosenheim, die fast für den gesamten Grenzabschnitt zwischen Bayern und Österreich zuständig ist.Die Schleierfahnder haben zuletzt die Kontrolltätigkeit erhöht. "Es handelt sich hier nicht in erster Linie um eine grenzpolizeiliche Maßnahme. Es geht hier um Menschenleben. Die Fahrt auf einem Güterzug ist lebensgefährlich", sagt Scharf.

In Tirol sind bereits zwei Menschen ums Leben gekommen und auch in Bayern gab es bereits ein Todesopfer (siehe Zusatzartikel). Die Flüchtlinge legen sich zum Teil auf die Dächer von Containern oder kriechen in Zwischenräume unter Lkw-Auflegern. "Da ist vielleicht ein halber Meter zwischen ihnen und den Schienen. Bei Kälte besteht die Gefahr des Erfrierens", erklärt Scharf.

Um 7.30 Uhr wird klar, wovon der Polizist spricht. Beim dritten an diesem Tag gestoppten Zug werden die Beamten fündig. Unter einem Lkw-Anhänger haben sich zwei junge Männer auf die Transportfläche eines Waggons der Rollenden Landstraße gekauert. "Wir brauchen einen Arzt" funkt einer der Polizisten an die Zentrale, nachdem die zwei Nigerianer nach Aufforderung der Beamten aus dem Zwischenraum auf die Bahntrasse heraus klettern.

Vollkommen erschöpft

Beide tragen keine Jacken, sondern nur Sweatshirts. Einer der zwei kann vor Erschöpfung kaum noch stehen, muss von den Uniformierten gestützt werden. Der Zug, auf dem sie ihr Glück versucht haben, ist in Bozen in Südtirol gestartet. Ob sie dort oder vielleicht erst am Brenner, wo in den Morgenstunden nur 10 Grad gemessen wurden, aufgesprungen sind, wird wohl auch nach der Befragung nicht klar werden. "Die meisten Flüchtlinge wissen gar nicht, wo sie sind", erzählt Scharf.

Es sind vor allem Migranten aus Eritrea, Guinea und Nigeria die dieses Risiko auf sich nehmen, nachdem sie bereits die Wüste und die Fahrt über das Mittelmeer überlebt haben. Warum gerade diese Länder das Ranking anführen, weiß die Exekutive nicht. Zu den näheren Hingergründen wird ermittelt. So soll auch geklärt werden, ob Schlepper ihre Finger im Spiel haben.

"Das sind arme Teufel", sagt Franz Aigner, der an diesem Morgen mit anderen Pendlern wie jeden Werktag auf seinen Zug Richtung München wartet über die Güterzug-Flüchtlinge. "Brüssel bringt keine Aufteilung zusammen. Und Italien steht im Regen", wettert der Bayer, der sich an die morgendlichen Kontrollen bereits gewöhnt hat.

Rund 93.000 Migranten sind in diesem Jahr schon mit dem Boot in Italien angekommen. Aber auch wenn zuletzt die Zahl der illegalen Einreisen auf Güterzügen zugenommen hat: Die Zahl der Aufgriffe der Inspektion Rosenheim bleibt Monat für Monat relativ konstant bei rund 1000 Personen. Und auch die Polizei in Tirol wird nicht müde zu betonen: "Es gibt keinen merklichen Anstieg an Aufgriffen", wie eine Sprecherin sagt. 25 Flüchtlinge pro Tag würden derzeit im Schnitt aufgegriffen.

Drei Menschen starben bereits auf der Fahrt mit Güterzügen

Der Kontrolldruck auf der Brenner-Fluchtroute ist seit dem Frühsommer 2016 bereits in Italien groß. Personenzüge Richtung Norden werden in Verona, Bozen und am Brenner von den Carabinieri ins Visier genommen. Im vergangenen Winter haben Beamte in Tirol und Bayern erstmals verstärkt Migranten auf Güterzügen festgestellt und auf das Phänomen in der Fahndung reagiert.

Auf der Tiroler Seite des Brenners wird derzeit, wie berichtet, ein eigener Schienenkontrollpunkt gebaut. In Tirol gab es auch die ersten Todesopfer. Mehrere Flüchtlinge wurden in der Nacht auf den 3. Dezember beim Entladen von Lkw der rollenden Landstraße in Wörgl überrollt. Für einen Mann und eine Frau kam jede Hilfe zu spät. Ein dritter Flüchtling überlebte mit schwersten Verletzungen. Dass er überlebt hat, grenzt laut Ärzten an ein Wunder.

Tödlich endete im bayerischen Landkreis Rosenheim Anfang Juni die Fahrt eines jungen Afrikaners. Bei Großkarolinenfeld wurde die Leiche des Mannes gefunden. Er dürfte von einem Güterzug aus Italien Richtung München gestürzt sein. Er fiel aufs Gleisbett und wurde vom Zug erfasst. Immer wieder sind unter den Flüchtlingen Minderjährige und Jugendliche. In ganz Bayern wurden heuer schon 220 Personen auf Güterzügen entdeckt.