© epa

Buzz
12/05/2011

Waits: Der Rabauke lässt die Ohren bluten

Schräg, schräger Tom Waits: Der Kauz in Höchstform auf dem ersten Album mit neuem Material seit "Real Gone" (2004).

Es knarzt und rumpelt und scheppert. Da ist sie wieder, die krächzende Grummelstimme aus zu viel Whisky und zu vielen filterlosen Zigaretten, heiser hingeröhrt zum windschiefen Sound. Seit den 70ern in immer neuen Nuancen.
"Bad As Me" (Indigo), das erste Album von Tom Waits mit neuem Material seit "Real Gone" (2004), ist ein starkes Lebenszeichen des Sängers der Verlorenen, der heuer in die Rock 'n' Roll Hall of Fame Aufnahme fand.

Und der einmal sagte: "Ich bin ein Verwalter, ein Sammler improvisierter Abenteuer aus den Eingeweiden der Nacht."

Die opulente Dreier-Box "Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards" vor fünf Jahren war bloß Restlverwertung der in Jahrzehnten irgendwo in der Rumpelkammer oder Werkstatt angesammelten alten Eisen und angestaubten Kuriositäten.

Kratzstimme

Die Musik mit Ecken und Kanten klingt manchmal wie Captain Beefheart unter LSD. Für manche eine Zumutung.

Andererseits: Würden Tom Waits alle mögen, wäre er Lady Gaga. Und wenn einen mit ein, zwei Promille intus der Weltschmerz umarmt, gibt's wirklich nichts Schöneres als seine Musik, in der sich die wiedererkennen, die ins Abseits geraten sind. Aus seinen Liedern spricht ihre Klage.

Das Überraschendste an "Bad As Me" ist wohl, dass nichts überrascht an der schrulligen Scheibe. Tom Waits klingt wie eh und je und doch anders - vom mit einer Blaskapelle eingespielten Opener "Chicago" bis zur bittersüßen Bar-Elegie "New Year's Eve".

Tom Waits ist sein Leben lang auf der Suche nach bisher unentdeckten, unerhörten Klängen. Jetzt zeigt er auf einem seiner besten Alben, was er gefunden hat, und pfeift einmal mehr auf alle gängigen Hörgewohnheiten.

Schon der Auftaktsong begrüßt einen herzlich wie ein alter Freund. Atemlos kommt "Let's Get Lost" als Uralt-Rock-'n'-Roll daher. Knurrig das melodiöse Herbstlied "I'm The Last Leaf From The Tree".

Neben dem Blues "Raised Right Men", der Rolling-Stones-Persiflage "Satisfied" mit Keith Richards als Gast und dem souligen "Same Kind Of Bad As Me" bilden ein schräger Beat mit noch schrägeren Melodien den Untergrund für seine Balladen wie den Love Song "Kiss Me" zum betrunkenem Piano oder das Seemannslied "Pay Me".

Zu seinem Musikeraufgebot gehören u. a. der Extremgitarrist Marc Ribot, Charlie Musselwhite an der Harmonika und Flea von den Red Hot Chili Peppers.

Trotz aller stilistischen Wandlungen und Experimente ist vor allem Waits' Stimme immer unverwechselbar geblieben: Gesang wäre ein zu freundliches Wort für das, was aus seiner Kehle strömt: Ein Grunzen, und Krächzen, Schnauben und Toben, Brüllen und Brabbeln, Röcheln und Raspeln. Der fast 62-Jährige vergleicht sich gern mit einem bellenden Hund. Und auf die Frage, ob er seine Stimme denn auch schütze, konterte er: "Schützen vor wem? Vor Vandalen?"

KURIER-Wertung: ***** von *****