"Twilight": Ein Welthit mit Biss

Ein Roman der zum Welthit mit Biss wurde: Die "Twilight"-Saga

Was macht Kristen und Edward so sexy für Millionen Fans weltweit? Vampirologe Friedhelm Schneidewind über einen Kult, der dubiosen Kitsch mit Pseudo-Romantik paart.

Schlecht geschrieben, inhaltlich fragwürdig, und nichts daran ist neu." Das Urteil des Experten über Stephenie Meyers Twilight-Saga ist tödlich für echte Fans, durchbohrt ihre Gefühle - wie der Pfahl von Van Helsing das Herz von Dracula.

Vampirologe Friedhelm Schneidewind kennt alles, was je zum Thema Vampire veröffentlicht wurde - und das ist viel: "Der Vampirmythos existiert seit 2000 Jahren, er ist einer der ältesten Mythen der Menschheit."

Auch Edwards Top-Konstitution - er glitzert bei Tageslicht statt zu Staub zu zerfallen - sei keine Neuerfindung der Autorin "sondern von anderen, die über Tageslichtvampire geschrieben haben, geklaut". Durchlebt der Vampir gerade eine Identitätskrise, wie der Literaturwissenschaftler Richard Sugg meint? Iwo, sagt Schneidewind, es gehe Meyer gar nicht um Vampire. Sie hätte stattdessen auch über Batman schreiben können.

Befriedigt uns das? Wir wollen eigentlich nur eines wissen: Was zum Teufel treibt Zigtausende, vor allem junge Mädchen - und ein paar Burschen - in die Kinos, Buchläden und Fan-Foren? Woher kommt der Vampirboom? Schneidewind: "Für pubertierende Mädchen und Mütter, die sich an ihre erste Liebe erinnern, ist Edward ein Traummann. Er ist behutsam, sensibel, standhaft - und bringt 100 Jahre Erfahrung mit. Was will man mehr?

Bei den Mamis weckt der fesche Vampir die Vorstellung, dass sich das erste Mal auch anders hätte abspielen können. Dass man auch nur hätte quatschen können, ohne es zu tun."

Blutleer

Erwachsene, gebildete Frauen, die den Abklatsch einer einstigen Schreckensgestalt anschmachten? Immerhin wurden die Untoten landauf, landab gefürchtet und für Seuchen verantwortlich gemacht. Die Körper dieser "Strigoi" wurden bis vor wenigen Jahren in Rumänien exhumiert und ihre halb verwesten Leichen mit Heugabeln zerschmettert. Und jetzt das - ein blutleerer Vegetarier verdreht der Frauenwelt den Kopf!

Weil wir schon beim Thema sind: Meyers Frauenbild erfährt im vorletzten Teil der Twilight-Filmreihe seinen reaktionären Höhepunkt, dass einer aufgeklärten Europäerin eigentlich die Grausbirnen aufsteigen müssten. Die Autorin, sie ist Mormonin, spricht ihren US-Landsleuten aus der Seele. Enthaltsamkeit vor der Ehe, sich aufheben für den einen, mit dem man eine Familie gründet und Sex haben darf, Seelenverwandtschaft zwischen Mann und Frau - das entspricht in den USA dem Lebensgefühl. Nicht nur der Mormonen, sondern weiter Teile der Bevölkerung.

Aber in Europa? Die Liebe zwischen "Superman" Edward und Bella - "einer Mischung aus Supergirl und Madonna" - sei keine Liebe, sondern eine "Form der Sklaverei. Denn sie haben keine Wahlmöglichkeit, keine Freiheit, sich anders als füreinander zu entscheiden", erklärt Schneidewind. Unterschwellig werde auch das Thema Abtreibung "ganz extrem" argumentiert. Bella, die sich weigert ihr Kind "Messie" abzutreiben - obwohl es sie aussaugen wird - kann nur durch einen Notbiss Edwards gerettet werden.

Nicht harmlos

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Dennoch schwärmen Twilight-Fans von der Film-Romanze. "Viele Frauen finden das einfach schön. Sorgen sollte man sich eher um Jugendliche machen, die Meyers Bücher nicht bewusst lesen, sondern nur konsumieren." Twilight sei nicht harmlos, sondern Teil der Mission, das mormonische Gedankengut unter die Leute zu bringen. Schneidewind: "Die schüchterne Bella ist eine Identifikationsfigur für junge Mädchen. Mit so einem Erfolg hat wohl keiner gerechnet."

Wer hat's erfunden? Nicht Bram Stoker ( Dracula , 1897). Bereits 1816 verfasste John Polidori am Genfer See The Vampyre . Held der Blutoper war ein Adeliger - sein Vorbild: Der Autor und Wüstling Lord Byron. 1872 erschien Carmilla . Die Story über eine lesbische Vampirin, die auf einem steirischen Schloss ihr Unwesen trieb, löste einen ersten Hype aus, der "mit Twilight vergleichbar war".

Ein positiver Aspekt aus Experten-Sicht? Bella liest gern, etwa Wuthering Heights von Emily Brontë. "Das Buch wurde in den USA neu aufgelegt - mit dem Hinweis, dass Bella und Edward es lesen."

Zwielicht in Zahlen: Seitenweise und sehenswerte Rekorde

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Vier Bände: Seit dem ersten Roman von US-Autorin Stephenie Meyer 2005 verbreitet sich das Vampirfieber. Auf den deutschen "Bis(s) zum Morgengrauen" 2006 folgen "Bis(s) zur Mittagsstunde" 2007, "Bis(s) zum Abendrot 2008" und "Bis(s) zum Ende der Nacht" 2009. Übersetzungen erscheinen in knapp 50 Ländern, 116 Millionen verkaufte Bücher. Die Bis(s)-Taschenbuch-Box des Carlson-Verlags mit 2484 Seiten kostet 30,80 €. Allein "Bis(s) zum Ende der Nacht" verzeichnet bei amazon.at 860 Kundenrezensionen: 422 Bestnoten.

Fünf Filme: Der erste Kinofilm "Bis(s) zum Morgengrauen" spielt in den USA 143 Millionen Euro ein. Der Erfolg setzt sich fort. Auch in Österreich übertrumpft jeder Film die Besucherrekorde des Vorläufers. 2012 soll mit Twilight 5 - dem zweiten Teil des vierten Buches von Meyer - endgültig Schluss sein.
Zur Einstimmung auf die Kino-Premiere von "Bis(s) zum Ende der Nacht" in Österreich am 24. 11. strahlte der ORF "Twilight 1" aus - mit 419.000 Zuschauern im Schnitt und einem Marktanteil bei 12- bis 29-Jährigen von 29 Prozent.

"Twilight"-Wissen

Bella Swan
Schülerin meets Blutsauger auf Diät: Bella wird von der US-amerikanischen Schauspielerin Kristen Jaymes Stewart (21) dargestellt. Da verfällt sie Edward mit den Vampirhänden. Im aktuellen "Breaking Dawn" wird sie, so wie sich das für ein braves Mädchen gehört, geheiratet.

Edward Cullen
Netter Bursch', der britische Schauspieler Robert Thomas Pattinson (25). Seiner Rolle als cooler Vampir Edward hat er viel Geld und Ruhm zu verdanken. Das Time Magazine zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Personen aus Kunst, Politik und Kultur. Übrigens: In Harry Potter hatte er einen kleinen Nebenpart. Dort musste er allerdings bald sterben. Als Edward lebt er in einem schicken Designerhaus und verzichtet auf Blut-Mahlzeiten. In "Breaking Dawn" ist mit dem Veggie-Dasein allerdings Schluss.

Sex - das erste Mal
Sex spielte in den Keuschheitsepen "Twilight" bisher keine Rolle. Aber jetzt! Bella und Edward erleben - selbstverständlich nach der Hochzeit - ihr leidenschaftliches erstes Mal. Dabei wird Bella sofort schwanger. Doch keine Panik - sowohl die Sex- als auch die heftigen Geburtsszenen wurden teenietauglich zensiert.

Twilight Moms
Die Saga begeistert nicht nur Teenies, sondern auch deren Mütter - speziell in den USA. Vor der "Breaking-Dawn"-Premiere campierten Mama-Tochter-Duos, um einen Blick auf Robert Pattinson zu erhaschen. Die Mums haben sogar eine eigene Internetseite: www.twilightmoms.com richtet sich speziell an das reifere Publikum. Dort sind Omas genauso vertreten wie Geschäftsfrauen.

Soundtrack
Von Teenie-Idol Bruno Mars kommt "It Will Rain". Christina Perri - sie hat 34 Tattoos - singt das epische Lied "A Thousand Years". Taschentuchgarantie!

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(kurier / Martin Burger, Hedwig Derka, Gabriele Kuhn) Erstellt am
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