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Buzz
12/05/2011

Sido: Vom "Arschficksong" zum Spießer

Den Rapper sieht man zurzeit als Juror bei "Die große Chance" im Hauptabendprogramm. Seine Karriere hat er hinter einer silbernen Maske begonnen.

Es fing an mit 13 und 'ner Tube Gleitcreme, dann brauch' man nicht erst lockern, sondern kann ihn gleich reinschieben." Mit Zeilen wie diesen aus dem "Arschficksong" des ersten Samplers des Berliner Plattenlabels "Aggro Berlin" fing es 2002 an. Richtig an. Paul Würdig ist 22, seit fünf Jahren im Musikgeschäft und nennt sich Sido. Der Mann mit dem Alias-Akronym (" S uper i ntelligentes D rogen o pfer" oder " S cheiße i n d ein O hr") verschafft sich wie Rapper Bushido oder B-Tight auf "Aggro Ansage Nr. 1" Luft und öffentlich Gehör.

"jugendgefährdend"

"Aggro Ansage" (Nr. 2, 3, 4) landen, weil "jugendgefährdend", auf dem Index und damit unter den Plattenladen-Theken. 2004 landet Sidos Debütalbum "Maske" in den deutschen Charts und auf dem Index wegen des Songs "Endlich Wochenende"("Ich nehm jeden Tag Drogen, mal weniger, mal mehr! Mal mit Action und mal ganz leger!"): Doch Sido schafft noch mehr. Er liefert, wie Der Spiegel 2009 schreibt, den "Soundtrack von Hartz IV", er trifft den Nerv einer Generation, eines Lebensgefühls.

Es ist das Leben nach dem Mauerfall. Das Leben im "Block", einer Hochhaussiedlung im Märkischen Viertel, im Norden Berlins. Arbeitslosigkeit. Trostlosigkeit. Aussichtslosigkeit. Gewalt, Drogen und die Wut gegen das Establishment gehören zum Alltag wie in den Banlieus von Paris, den Gettos von New York oder Los Angeles. Die Musikstile von ebendort - Rap und Hip-Hop - setzt Würdig auf seine Weise um und auf Konzerten eine silberne Totenkopfmaske auf, "weil ich nicht wollte, dass mich auf der Straße jemand erkennt". Ein Leben in zwei Welten, mit zwei Gesichtern. Öffentlich tischt er alles auf, was es zum Rüpel-Rapper-Image braucht (Pseudonym, Maske, Kiffen nicht nur am roten Teppich, verbaler und nonverbaler Schlagabtausch) und räumt im Musik-Business ab. Innert zwei Jahren vom "Newcomer National" (Musikpreis "Comet") zu "Bester Rapper National" ("Bravo Otto") 2004. Sido ist ganz oben angekommen. Paul Würdig noch nicht.

Asylantenheim

Der Sohn einer Sintiza ( Anm. europäische Roma) und eines Deutschen kommt am 30. November 1980 am Prenzlauer Berg in Ostberlin zur Welt. Kurz vor dem Fall der Mauer schafft die Familie den Weg in den Westen. "Ich bin acht Jahre alt. Wir sind aus dem Osten. Wir leben mit acht Leuten auf einem Zimmer. Wir sind in einem Asylantenheim in Wedding. Wir sind ziemlich froh, aber wir sind auch am Arsch. Die Leute. Der Dreck. Alle sind froh, aber die Mauer ist auch ohne uns weg. Warum sie unseren Ausreiseantrag so kurz vor Schluss noch angenommen haben, weiß ich auch nicht", schreibt Sido auf seiner Homepage.

Dass er ein "Ossi" ist, verbirgt er wie sein Gesicht hinter der Maske. "Ich weiß, wie die Menschen drauf sind, wenn man Ostberlin sagt. Dann ist man ein Ostler. Ich will kein Ostler sein."

Beim Song-Contest-Vorentscheid 2005 will Sido erstmals sein "wahres" Gesicht der TV-Öffentlichkeit zeigen während er "Mama ist stolz" rappt. 2006, mit gerade einmal 26 Jahren, erscheint seine Biografie "Ich will mein Lied zurück" und sein zweites Soloalbum "Ich". Die Rap-Szene dreht sich um Sido, und in Sidos Welt muss sich irgendetwas gedreht haben.

Seine Lieder handeln von seiner neu entdeckten Liebe zu seinem damals sechsjährigen Sohn ("Du bist ein Teil von mir"), vom Ende einer Gewohnheit ("Ich kiff nicht mehr") und der Gewalt ("Mach keine Faxen"). Bei Konzerten wollen Fans indes immer noch den "Arschficksong" hören. "Ich spiele ihn auch gerne, aber ich würde ihn heute nicht mehr machen. Den Song habe ich damals geschrieben, weil viele Leute uns vorgeworfen haben, dass wir nur über Scheiße, Kotzen und Arschficken reden, also habe ich einfach den Soundtrack zu ihrem Gequatsche gemacht", so Sido 2008 in einem Gespräch mit der apa.

Eines Morgens im April 2009 erfährt Paul Würdig, wie auf seiner Homepage zu lesen ist, "dass es das Label Aggro Berlin nicht mehr gibt. ... Jetzt ist es vorbei, und was ich damals noch nicht wusste, ist, wie weh mir das irgendwann mal tun würde. Jetzt weiß ich es." Und er für sich, dass er nach der "Demaskierung" seine Herkunft insbesondere gegenüber Aggro-Kollegen B-Tight, nicht länger zu verheimlichen braucht, es nicht länger will. "Schließlich ist er mein bester Freund. Bobby, würde ich sagen, Bobby, ich muss dir was gestehen. Ich bin aus dem Osten. Ich bin in Ostberlin geboren. Ja, wir haben zwar immer Westberlin, Westberlin geschrien. Ich bin trotzdem aus dem Osten. Ich meine, eigentlich ist es ja auch egal. Wir haben es ja trotzdem gemacht. Irgendwann war die Lüge halt einfach zu groß." Und Sidos Image ist nicht mehr das selbe.

Vorbild

Der "Goldjunge, mit Goldschwanz und Goldzunge" hat es aus eigener Kraft und kraft der Musik nach oben geschafft, fährt "fette" Autos, hat einen Haufen "Bling-Bling" und Vorbildwirkung in der Szene und auf dem TV-Bildschirm. Davon ist auch Österreichs "Nachwuchs-Eminem" Sebastian Meisinger (29) vulgo "Money Boy" überzeugt: "Sido ist unbestritten einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Rapper und hatte großen Einfluss auf die deutsche Rap-Szene. Als Casting-Juror verdient Sido gutes Geld. Ich respektieren seinen Hustle (Anm. Hip-Hop Slang für "Anstrengungen, um mit etwas Geld zu machen").

Dass sich Würdig durch und mit dem Erfolg verändert hat, wird dem ein oder anderen Hardcore-Fan von damals womöglich aufstoßen. Vorbei Schlägereien wie mit Rap-Rivalen Azad 2004 beim MTV Hip-Hop-Open in Stuttgart oder Rangeleien in einer Berliner Bar. Wegen Beleidigung, Bedrohung und versuchter gefährlicher Körperverletzung wird er 2009 zu einer Geldstrafe von 14.000 Euro verurteilt. Vorbei das Leben in Berlin-Wedding ohne fließend Wasser.

Spießer

Heute lebt Sido in einem Berliner Loft, übernimmt Verantwortung für seinen Sohn, ist seit 2010 mit Ex-"Nupagadi"-Sängerin Doreen Steinert verlobt. Am bürgerlichen Leben scheint er, wie er 2009 der FAZ versichert, Gefallen zu finden: "Mittlerweile hat sich mein Leben gewandelt. Wenn es spießig ist, ein Häuschen am Wasser zu haben, du baust mit deinem Sohn im Garten eine Schaukel, die Frau hängt die Wäsche auf in der Sonne, dann bin ich ein Spießer." Maske ab, Image ab? I wo! Paul Würdig verwandelt sich und mit ihm sein Image unter dem identen Akronym-Alias.

Sido ist älter geworden. Weniger "Hartz IV"-Soundtrack, mehr Mainstream-Rap. Weniger Blockherkunft, mehr Salonfähigkeit. Weniger Kontaktlinsen, mehr Mut zur Brille. Damit macht er auf sich aufmerksam, das macht ihn für viele authentisch. Quer durch alle Altersschichten, vom "Block" bis zur Villa. Sender wie ProSieben ("Popstars") und der ORF ("Helden von morgen", "Die große Chance") engagieren ihn auf der Suche nach neuen Talenten als Trainer wie Juror . Und Würdig schafft die Gratwanderung. Der Rapper ist im TV-Hauptabendprogramm angekommen. Ohne großes Aufsehen, dafür mit großer Klappe, verschafft er sich hierzulande ein großes Ansehen.

In der ORF -Show "Die große Chance" lässt er jüngst an Krone -Kolumnisten Michael Jeannée, der als Manager von Heurigen-Wirt Martin Zimmermann die Bühne betritt, kein gutes Haar. "Siehst aus wie ein Hausmeister mit deinem Schlüssel da an der Hose." Der Berliner weiß, was von ihm erwartet wird, und was er sich selbst schuldig ist. Würdig lebt die suburbane Weisheit "You can leave the Bronx but the Bronx will never leave you" auf seine Weise. Mit Berliner Schnauze kontert er Jury-Mitglied Bernhard Paul, als dieser ihn darauf aufmerksam machen will, wer vor ihm steht. "Der Kollege ist eigentlich Journalist, der dich ab morgen fertigmachen könnte." - "Welcher Journalist macht mich denn nicht fertig? Darauf ist ganz kurz geschissen. Ihr habt krass meine Zeit verschwendet mit so ner arroganten Scheiße hier." Würdig macht niemand so schnell etwas vor. Lieber macht er vor, wie es geht.

Ruhestand

Vom "Block" zum eigenen Tattoo-Laden "Ich und meine Katze" in Berlin, vom Eltern-Schreck zum Brav-Gescheitelten, der "Mama" nicht nur im Herzen, sondern auch in Herz-Form auf dem Oberarm tätowiert trägt und seinen Künstlernamen im Genick. Wie kaum ein anderer macht er in zehn Jahren Karriere, erfindet sich neu oder findet sich? Am 14. Oktober 2011 erscheint "23", das erste gemeinsame Album mit Ex-Aggro-Kollegen Bushido. Ab 15. Dezember läuft die ORF -Doku "Sido macht Band", bald wird sein Leben im Kinofilm "Blutzbrüder" zu sehen sein. "Mit 40 will ich mich endlich zur Ruhe setzen," ließ Würdig 2009 die apa wissen. Am 30. November wird er 31 Jahre alt.

Im TV: "Blockstars - Sido macht Band"

Paul Würdigs Begabung gepaart mit seinem Bekanntheitsgrad und seiner Berliner Schnauze sind prädestiniert, um im Fernsehen für Quote zu sorgen. 2007 beweist Würdig sein Moderationstalent bei der Verleihung des Musikpreises "Comet" in Köln, 2008 agiert er als Juror bei er Casting-Show "Popstars", 2009 macht er mit Gastauftritten im Film "Männersache" und der ProSieben Reality-Show "Club der bösen Mädchen" sowie der Reportage "Sido geht wählen" anlässlich der deutschen Bundestagswahl 2009 auf sich aufmerksam.

2010 verpflichtet ihn der ORF als Jury-Mitglied der Casting-Show "Helden von morgen", bis 11. 11. 2011 beurteilt er mit Sängerin Zabine, Circus-Roncalli-Direktor Bernhard Paul und Primaballerina Karina Sarkissova Talente in "Die große Chance". In "Blockstars" (ab 15.12., donnerstags um 21h55 in ORF eins ) gründet Sido eine Band, deren Mitglieder aus ähnlich schwierigen Lebensverhältnissen stammen wie einst er selbst.

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