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05.12.2011

Sechzig Zigaretten zum Frühstück

Der Londoner Jonathan Jeremiah veröffentlicht sein Debüt-Album. Ein Schnitzel in Wien hat ihn dazu veranlasst, einen Song über einen Bären in Kalkutta zu schreiben.

Als er und sein Freund, der Posaunist Alan Hardiman, kürzlich in Wien waren, gingen sie Abends essen. "Ich musste unbedingt ein Schnitzel kosten", erklärt er im KURIER-Interview. "Aber Alan nahm sich Bärenpfanne. Das hat mich daran erinnert, dass mein Vater, der Halb-Inder ist, in Kalkutta einen Bären als Haustier hatte."

Am nächsten Morgen - immer noch in Wien - schrieb er einen Song darüber. "Vienna Bear" oder "Calcutta Bear" wird der heißen, wenn er auf seinem nächsten Album erscheint. Aber das dauert noch. Jeremiah hat gerade erst sein Debüt "A Solitary Man" veröffentlicht. Auf dem mischt er Singer-Songwriter-Flair mit Soul , instrumentiert das Ganze mit Orchester und legt einen sonoren Bariton drüber, der klingt, "als würde ich 60 Zigaretten zum Frühstück rauchen".

Spätzünder

"Schwer enttäuscht" war er, als ihm als 14-Jähriger die Stimme brach: "Alle meine Freunde klangen so cool wie Axl Rose oder Robert Plant. Ich dachte, meine Stimme werden die Mädchen gar nicht mögen."

In puncto Liebe bezeichnet er sich trotz dieser frühen Sorge als Spätzünder. Was für ihn aber nur einen gravierenden Nachteil hatte: "Ich hatte als Teenager nichts, worüber ich Songs schreiben konnte. Die Liebesgefühlswirren kamen bei mir erst später -, aber umso heftiger."

So war Musik lange kein Karriere-Ziel -, aber ein fixer Bestandteil in seinem Leben. Schon mit sechs hatte er in der Schule eine Gitarre gestohlen. "Ich konnte dort statt einer Sprache ein Instrument lernen. Wir waren aber arm und meine Familie hätte sich keines leisten können. Also packte ich eine Gitarre, die nutzlos in der Ecke stand, in einen schwarzen Müllsack und lief damit heim. Keiner hat sie vermisst. Meine Mum erfuhr erst jetzt aus meinen ersten Interviews, dass sie gestohlen war."

Jeremiah übte nach CDs von Hendrix, Jimi Page und Eric Clapton, bekam Unterricht. Aber nur zwei Wochen. "Das war wie bei meinen Gesangs- und Klavierstunden: Länger hielt ich es nicht aus." Der Job des Vaters prägte ihn ebenfalls für die Musikkarriere. Der war Elektriker in der Wembley Arena und nahm ihn zu jedem Konzert mit. Später arbeitete er selbst dort - als Platzanweiser, an den Kassen, als Security Guard: "Und trotzdem haben Konzerte für mich nie ihre Magie verloren."

Dass er Songs schreiben kann, entdeckte der 30-Jährige, als er mit 21 nach Amerika ging und dort seine Tante besuchte. "Der Song ,A Solitary Man' handelt von diesem Treffen. Auch die anderen Lieder vom Debüt habe ich dort geschrieben. Für mich sind Begegnungen mit Menschen oder Erlebnisse in fremden Städten - wie das Schnitzel-Essen in Wien - die beste Inspiration."