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l’Ux
05/20/2015

Die Heinzelmännchen der Stadt

Sie verzieren, reparieren und appellieren: Wenn sich Künstler um die Missstände ihrer Stadt kümmern.

von Julia Karzel

Als Bernard Jeannot 2006 ein Video ansieht, in dem mehrere Gestalten in sein sorgsam gesichertes Territorium eindringen, kann er seinen Augen kaum trauen. „Ich muss mich erst mal setzen“, soll er geflüstert haben. Als Direktor des Pantheons, der Ruhmeshalle französischer Nationalhelden, ist es freilich kein Freudenfest, wenn Einbrecher Nacht für Nacht den Securitys auf der Nase herumtanzen. Die Eindringlinge sind jedoch alles andere als herkömmliche Langfinger. Sie gehören l’Ux an, einer Gruppe urbaner Guerillas, die sich seit den Siebzigerjahren für die Belebung von vernachlässigten Pariser Stadtvierteln einsetzen. L'Ux steht dabei für Urban Exploration. Im Pantheon hatten die anonymen Aktivisten zusammen mit Hobbybastlern und Uhrmachern die seit langer Zeit kaputte Uhr wieder in Gang gebracht. Die monatelang andauernde Kleinstarbeit wurde filmisch festgehalten und anschließend der Führung des Pantheons gezeigt. Auch eher semi-legale Filmfestivals, Theateraufführungen und Partys im verästelten Tunnelsystem von Paris stehen auf dem Programm von l’Ux.

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Sie mögen eine der spektakulärsten Crews sein, neben l’Ux gibt es jedoch noch zahlreiche andere Künstler und Kollektive, die im kleinen Stil Reparaturmaßnahmen an ihrer Stadt vornehmen. So verziert der US-amerikanische Künstler Jim Bachor die Schlaglöcher in Chicagos Straßen mit farbenfrohen Eis-Mosaiks. Ein Brite mit dem klingenden Pseudonym „Wanksy“ hat sich ebenfalls der rumpligen Straße angenommen und inszeniert in Manchester Schlaglöcher als Phallussymbole. Die Stadtverwaltung ist von der Obszönität offenbar effektiv erschüttert, denn die liebevoll verzierten Schlaglöcher werden in Rekordgeschwindigkeit repariert. Juliana Santacruz Herrera wiederum möchte Pariser Schlaglöchern einen Strick drehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit farbenfroher Wolle füllt die Künstlerin Unebenheiten auf Gehsteig und Fahrbahn aus. Auch Ben Wilson hat sich die Straße als Schauplatz seiner Kunst ausgesucht. Der Brite schafft Gemälde im Miniaturformat aus festgestampften Kaugummis am Asphalt.

Andere Künstler befreien ihre Stadt vom Straßendreck - zumindest teilweise. Mit dem sogenannten „Reverse Graffiti“ wird abgewaschen statt angesprüht, als Werkzeug dienen Hochdruckreiniger und Seife statt Farben und Spraydosen. Bekannte Vertreter dieser Praxis sind beispielsweise der Brite Paul Curtis oder der Brasilianer Alexandre Orion. Letzterer sorgte vor einigen Jahren für Furore, als er in einem Tunnel in São Paulo ein großflächiges Gemälde schuf. Mehr als 3.500 Totenköpfe zeichnete der Künstler in den an der Wand abgelagerten Staub der Abgase, um auf die in der Großstadt allgegenwärtige Luftverschmutzung aufmerksam zu machen.

Gemeinsam ist all diesen Künstlern, dass sie ein Zeichen setzen wollen – gegen uninteressierte, träge Obrigkeiten und für Eigenbestimmung des Einzelnen im öffentlichen Raum. Jedoch stoßen selbst sinnvolle Reparaturen wie die der Uhr im Pantheon auf Widerstand von oben. Bernard Jeannot wurde entlassen, der neue Direktor leitete umgehend ein Strafverfahren gegen l'Ux ein - das allerdings vor Gericht scheiterte.

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