Konzert-Höhepunkte 2010

Auch im Jahr 2010 haben wieder zahlreiche Superstars den Weg in die heimischen Konzerthallen gefunden. Hier ein Rückblick in Bildern.

In Wels fuhr im Mai der "Rock `n` Roll Train" ein - und zwar auf einem Vogelschutzgebiet. Des Umweltschützers Leid, des Rockers Freud. Die australische Altherrenband AC/DC war dann wie eh und je unterhaltsam: ... ... "Holy Shit!", entfuhr Sänger Brian Johnson (im Bild) zum Konzertbeginn. Die Fans wurden dann mit All-Time-Hits wie "Back In Black", "Hells Bells" und natürlich "Highway To Hell" unterhalten. Dazu gab es ausufernde Effekte und Macho-Showeinlagen. Der Wettergott tat das Übrige dazu bei: Animiert vom Song "Thunderstruck", jagten Blitz und Donner übers Areal, anhaltender Regen prasselte nieder. Nach Buh-Rufen bei ihren Konzerten schoss sich der Boulevard auf Whitney Housten ein: Ein Wrack namens Whitney Houston kommt nach Wien! 

Am 19. Mai stand die vom jahrelangen Drogenkonsum und vom prügelnden Ehemann gezeichnete US-Sängerin dann in einer nicht ausverkauften Stadthalle. Der von manchen herbeigesehnte Skandal blieb aber aus. Die 46-Jährige stolperte zwar mehrmals (im ersten Song sogar buchstäblich und später über technische Probleme), aber sie fiel nicht. Es war keine Freakshow, sondern bloß ein ganz normal langweiliges Konzert. Was ist los mit Tokio Hotel? Das war die Frage, die man sich nach dem dritten Wien-Gig der deutschen Band in der Stadthalle stellen musste. Bei diesem Konzert Ende März, bei dem rund 4.000 Besucher im Saal mit dreifacher Gesamtkapazität fast verloren wirkten, passte wenig bis gar nichts zusammen. Die noch vorhandenen Fans kreischten zwar immer noch ergeben, doch der Abend hinterließ trotzdem den Eindruck, eine Band inmitten in einer veritablen Identitätskrise erlebt zu haben. Das lange Warten auf U2 hatte für viele Ende August ein Ende. Fünf Jahre nach ihrem letzten Wien-Auftritt gastierte die irische Rockband U2 rund um Frontman Bono (Bild) mit ihrer gigantischen "360-Grad"-Show wieder im Wiener Ernst Happel Stadion. 
Schon um 20.30 Uhr begannen die knapp 70.000 U2-Fans mit der Welle, trotzten so dem Wind und der Kälte. Mit dem ersten voll ausgespielten Song verkündete Bono, was er sich vom Abend erwartet: "Beautiful Day".
Danach mischten U2 Songs vom jüngsten Album "No Line On The Horizon" mit alten Hits wie "Bloody Sunday". 
Die Songauswahl war in Summe eine Mischung aus hymnischen Hits und Rockern wie "Vertigo". Die Show: Zu Beginn durfte es nur um die Musik gehen, weil die mächtige "Kralle" allein genug Show-Effekt bot. Akzente setzten später der zylindrische Videoschirm und Bonos Sozial-Kampagnen. Kiss ist nicht nur Musik: Die Fans wollen den Bassisten der US-Band Feuer speien, den Rhythmusgitarristen über das Publikum fliegen, den Gitarristen Raketen abschießen, den Drummer mit seinem Schlagzeug abheben sehen - und dazu Gassenhauer hören. Genau das gab es am dann auch bei ihrem Wien-Konzert Mitte Mai zu erleben. Die Gruppe ließ es nicht nur mit zahlreichen Knallkörpern ordentlich krachen, sondern auch musikalisch. Ein überaus unterhaltsamer Rock `n` Roll-Zirkus hat in der ausverkauften Stadthalle Station gemacht. Kings Of Leon huldigten bei ihrem Wien-Konzert der sturen Anti-Show: Man steht rum. Hat ziemlich fades Gewand an. Und musiziert. Selbst der Blick auf den ohnehin nur rumstehenden Sänger Caleb Followill wird durch einen grellen Scheinwerfer erschwert. Okay, man hat`s kapiert: Hier soll es um die Musik, ums Zuhören gehen. Dazu hat man einen Tontechniker mitgebracht, der der zickigen Wiener Stadthalle erstaunlicherweise einen fantastischen Sound abgenötigt hat ... ... Einzige Trübung: Caleb Followills belegte Stimme, die ihn zu allerlei Entschuldigungen für seinen (dennoch hörenswerten) Gesang trieb. Macht nichts - die resultierende Rauheit hat den Königen des Konsens gar nicht geschadet.
Kurz war es halt, und die abschließend versickernden Pyro-Effektchen waren wohl ironisch gemeint. Und dennoch haben es die Kings recht überzeugend geschafft, im Glaubwürdigkeits-Spagat unpeinlich auszusehen: Sie sind Alternative-Helden, die mit dem aktuellen Album "Come Around Sundown" streng auf epische Stadion-Breite abzielen. Trotzdem nimmt man ihnen die hemdsärmelige Heimwerker-Pose ab. Der Versuch, arrivierte Musiker zu einer "Supergruppe" zusammenzuführen, ist schon oft gescheitert. Trotz hohen technischen Könnens fehlte es diesen Bands nämlich meist an Seele. Das kann nach dem Open Air von Them Crooked Vultures in der Wiener Arena dieser Formation niemand nachsagen. Dave Grohl, Josh Homme (im Bild) und John Paul Jones sind nicht nur Meister ihres Fachs, sie harmonieren auch noch bestens. Das perfekte Hardrock-Monster stampfte fast zwei Stunden lang durch die Gehörgänge - und hatte dabei genügend Raum für feine Töne. Nein, bei einem Lady Gaga-Konzert fühlt man sich nicht einfach nur frei. Man fühle sich gefälligst "superfrei"! Der Superstar im Dauer-Superlativ schrie die Wiener Stadthalle zu. Ganz schön super. Mit Knaller-Konzert, Kostüm-Kasperltheater und Kunstbehauptung musste man sich aber natürlich nicht zufrieden geben. Frei nach der Musical- und Discoweisheit "I am what I am" veranstaltete das Pop-Unikat eine musikalische Gruppentherapie unter dem Kampf-Motto: Mut zur Andersartigkeit. Lustig war`s, eine hysterische Faschingsparty, dauerhaft im roten Drehzahlbereich. Singen kann sie auch, der Sound war an manchen Plätzen ganz okay, anderswo unerträglich, und die transportierte Botschaft ist eigentlich sympathisch. Stutzig machte hauptsächlich, wie bieder das alles dann doch war: In der neonfarbenen Musical-Kulisse mit Autowrack, U-Bahn-Waggon und Showtreppe hätten auch Britney Spears oder Beyoncé tanzen können. Die Pop-Sängerin Pink gab sich 2010 nicht nur in Linz, sondern auch in Innsbruck die Ehre. Im kurzen, schwarzen Rüschenkleid landete sie inmitten von hundert Luftballons auf der Bühne. Zwischen ihren Hits plauderte sie darüber, dass sie sich nie den Busen vergrößern lassen würde und den gestrigen Tag mit einem Ausflug auf eine Alm bei Innsbruck genossen habe. "Wer noch nicht oben war, sollte es sich unbedingt anschauen", meinte sie, "aber nehmt Bier und einen Inhalator mit." Das Konzert der US-amerikanischen Band The National war eines der besten des Jahres 2010. Die Wahl-New-Yorker gastierten am 19. August in der Wiener Arena. Das war mitunter so berührend wie bezaubernd, dass Monate danach noch immer Menschen von diesem "besonderen Moment" schwärmten. In diesem Sinne: Kommt bald wieder, The National! Wo man die Menschen auch anbohrt, es quillt das Böse heraus. Nick Cave ist, so gesehen, eine wandelnde Schlagbohrmaschine: Er wühlt in den unguten Regionen der emotionalen Eingeweide, recht gnadenlos, zuletzt besonders tief und lustvoll bei seiner Zweit-Band Grinderman. ... Deren wüste Würdigung der dunklen Seite des Menschen entpuppte sich im Wiener Gasometer als Heidenspaß: Ureigenes Entertainment in dieser Stadt, die so gern mit dem Abgrund kokettiert, damit es ja nicht fad wird. Angstlust und Affektiertheit, Zorn und Zynismus: In diesem Koordinatensystem sind die Cave-Songs generell zuhause. Bei Grinderman kommt die hochgedrehte Lautstärke dazu, die die Bad Seeds zuletzt weniger interessierte. Und live dann noch das Erlebnis Nick Cave. Wo M.I.A. auftritt, kracht, knallt und klingelt es. 
Der Auftritt der rebellischen britischen Rapperin mit sri-lankischen Wurzeln am Dienstag in Wien wurde mit Spannung erwartet. Was kann die 35-Jährige, deren erste beiden Alben hoch gelobt wurden, und die heuer mit ihrem dritten Album "Maya" medial viel Staub aufwirbelte, live? Ihr Konzert im gut gefüllten Gasometer begann sie gleich mit einer "Fuck You All"... ... So kämpferisch wie ihre Texte, kommt auch der Sound daher: Gewehrsalven, Schüsse, startende Motoren, Elefantentröten, Registrierkassen-Klingeling mischen sich immer wieder in die Beats. "Die Welt ist schlecht" - dieser Eindruck lässt einen nicht los. 

Was die Reizüberflutung nicht überdecken kann: Der Show fehlen emotionale Höhepunkte. Aus dem knallenden, krachenden, klirrenden Soundteppich ragen wenige Songs heraus. Live zünden nur wenige Hits von M.I.A. Kaltes Licht – aber bitte nur (!) von hinten. Den Stärke-Regler der Nebelmaschine auf die höchste Stufe. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd und leere Blicke. Diese düstere, trostlose Atmosphäre umwehte die New Yorker Band Interpol im Wiener Gasometer. Das teils neuformierte Quartett - Bassist Carlos D verließ nach der Fertigstellung des aktuellen Albums die Band - rund um den Sänger Paul Banks eröffnet mit "Success", einem Song aus dem neuen und selbstbetitelten Album, den Abend. Das Besondere an Interpol ist ihr Talent für weit ausholende Stimmungsbögen und große, bis ins Herz vordringende Melodien... ... Bei einem Interpol-Konzert kann man tanzen, weinen, träumen, schlafen, sich küssen oder sich unglaublich einsam fühlen – und das in einem bis zum letzten Rand gefüllten Gasometer. Die US-amerikanische Band MGMT ("Management") fackelte bei ihrem Österreich-Debüt im Gasometer nicht lange herum und präsentierte gleich zu Beginn ihren Überhit "Time to Pretend": "Shoot some Heroin and Fuck with the Stars" singen Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser (im Bild) in diesem Song, der ihnen 2008 eine internationale Karriere im Pop-Zirkus bescherte. Das mit dem Heroin spritzen, Models heiraten und Stars ficken ist natürlich alles nicht so gemeint. Aber man wird ja noch ein bisschen zynisch sein dürfen. 

Beim ihrem Konzert in Wien hätte man der Band aber lieber einen Tritt verpasst, denn so verhalten wie da auf der Bühne herumgestanden wurde, war zwar lieb anzusehen, aber so richtig befriedigend eben nicht – vor allem dann nicht, wenn man knapp 40 Euro für die Karte hingelegt hat. Den Antrieb, ein druckvoller Beat, das Treibende – nichts davon war vorhanden. Die Hits aus ihrem ersten Album "Oracular Spectacular" funktionieren zwar live durchaus recht ordentlich, aber "Electric Feel", "The Youth" oder "Weekend Wars" wurden ohne Leidenschaft vorgetragen.
Zum Schluss wurde dennoch getanzt. Bei "Kids" legten Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser ihre Schüchternheit ab, legten die Instrumente zur Seite und sprangen auf und von der Bühne. Kreisch! Der Rest? "Quatsch-Prog" (FAZ) – vermischt mit schrammeligen Gitarren und verdrogten Melodien aus dem Synthesizer. Keine Pophits mehr - wir haben verstanden, MGMT. Süßigkeiten verteilende Damen am Eingang, Candys als Bühnendekoration und ein singendes Zuckerstangerl: Katy Perry spielte im abgelaufenen Pop-Jahr einen exklusiven Showcase in der Wiener Arena in einem rot-weißen Pinup-Latexkleid. So picksüß der etwa eine Stunde lang gebotene Pop anmutete, musste man sich dank der quirligen Perry an der Überdosis Pop-Kalorien nicht den Magen verderben. Natürlich betonte die Pastorentochter auch optisch ihr Image, ließ zwei Gogos in Torten-BHs tanzen und hielt beim Hüpfen ihr tief geschnittenes Dekollete fest. Erfreulich, dass trotzdem immer die Musik im Mittelpunkt stand (es gab nicht einmal einen Kostümwechsel, danke). Perrys Stimme überzeugte bei Discostampfern wie "Teenage Dream" ebenso wie bei halbakustischen Nummern, zu denen sie sich selbst an der Gitarre begleitete oder - im besten Fall - beim frechen Bubblegumpop.

Tipp: Katy Perry kommt am 27. Februar erneut nach Wien. Dieses Mal spielt sie in der Wiener Stadthalle.
(KURIER.at / Marco Weise, Peter Temel, Brigitte Schokarth, Georg Leyrer, apa) Erstellt am
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