HipHop-Teufel mit Schnulzen austreiben

Jugend unter Generalverdacht: Der russische Staat müsse wissen, wer was sieht, hört und liest, meint Innenminister Nurgalijew – denn die "schlimmsten und zynischsten Verbrechen" würden von Jugendlichen begangen.
Foto: apa

Russlands Innenminister will der "Überfremdung" der Jugendkultur mit Walzer und
Romanzen entgegenwirken.

Kann man Fremdenhasser mit Romanzen läutern? Aus religiösen Fanatikern und Bombenbastlern mit Walzerklängen nützliche Mitglieder der Gesellschaft machen? Man könne nicht nur, man müsse nachgerade, meint Russlands Innenminister Raschid Nurgalijew. Worten sollen alsbald Taten folgen. Geplant ist zunächst ein landesweites "konstantes Monitoring" kultureller Vorlieben - insbesondere musikalischer - von Heranwachsenden. Jugendliche, so Nurgalijew, 55, hätten einen ungefestigten Charakter und seien leicht zu beeinflussen. Sie würden in Russland die "schlimmsten und zynischsten Verbrechen" begehen. Der Staat müsse daher wissen, "wer was sieht, hört und liest".

Eine gewisse Einseitigkeit des Geschmacks und dessen Überfremdung sind seiner Meinung nach schon jetzt nicht zu übersehen. Gemeint sind offenbar Rap, Hip-Hop und Techno. Die Ergebnisse des Monitorings sollen daher in ein Programm zur Harmonisierung der Gesellschaft einfließen, das diese vermeintlichen Fehlentwicklungen korrigiert. Die Nation, so Nurgalijew auf einer Tagung regionaler Polizeichefs in Nowosibirsk, müsse sich "erneut auf das besinnen, was uns vereint und unsere Wurzeln ausmacht. Auf Walzer beispielsweise und Romanzen, die die Menschen von heute leider vergessen haben. "
Zu Details der Umsetzung ließ sich der Minister bisher nicht aus. Nur zur Verantwortung der Medien, die die staatskonforme neue Ästhetik propagieren sollen. Entscheidende Bedeutung komme dem Internet zu. Der Zugang zu extremistischen Sites müsse eingeschränkt werden, der freie Informationsfluss dürfe darunter jedoch nicht leiden.
Führende Geheimdienstler hatten schon im Frühjahr nach Zensur des Web gerufen, Bürgerrechtler schon damals gewarnt, Extremismusbekämpfung solle als Vorwand herhalten, um die innenpolitischen Daumenschrauben weiter anzuziehen. Einen ähnlichen Sturm der Entrüstung löste jetzt das von Nurgalijew geplante polizeiliche Musikmanagement aus. Der Schriftsteller Viktor Jerefojew fühlte sich an die Sowjetära erinnert, wo alles auf den Index gesetzt wurde, was die marxistisch-leninistische Weitsicht der Bürger stören könnte.

Noch höher schlugen die Wogen der Empörung in der russischen Rocker-Szene. Minister Nurgalijew, so Andrei Makarewitsch, Mitgründer der Band "Zeitmaschine", die seit der Perestroika Kultstatus hat, täte gut daran, erst mal die musikalischen Vorlieben seiner Untergebenen unter die Lupe zu nehmen und daraus Konsequenzen zu ziehen. In Volkes Meinung gelten Polizisten als besonders korrupt. Kritik setzte es sogar von Kollegen wie Arkadi Muraschow, in der frühen Jelzin-Ära Polizeipräsident in Moskau. Nurgalijews Plan, sagte er bei Radio Echo Moskwy , sei absurd und würde die Kriminalitätsstatistik in keiner Weise beeinflussen.

(kurier / Elke Windisch, Moskau) Erstellt am
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