Highspeed-Theater mit vollem Körpereinsatz

Spagat zwischen zwei "Rolltreppen": Rainer Doppler, Sissi Noé, Jens Claßen und Barbara Kramer (von links nach rechts).
Foto: Nick Albert

Schauspieler spielen spontan unverbrauchte Texte. Seit 2007 gibt es "Drama Slam" in Wien - als Mischung aus Poetry Slam und Theatersport.

Kann man den Wert einer künstlerischen Leistung in nackten Zahlen messen? Das meistverkaufte Buch, der bestbesuchte Film - als verlässliches Kriterium für Qualität werden derlei Superlative eher in Zweifel gezogen. Auch Jury-Urteile bei Wettbewerben können immer nur einen Teilanspruch auf Objektivität erheben.

Völlig unverkrampft gehen seit Jahren die Poetry Slams an dieses Thema heran. Dabei lässt man einfach das Publikum über vorgelesene Texte abstimmen. Der urbane Dichterwettstreit erfreute sich stetig wachsender Beliebtheit und zog kreative Weiterentwicklungen nach sich: Der Schauspieler und Poetry-Slammer Wolfgang Lampl (aka Jimi Lend) hatte 2007 die Idee, das Prinzip des "basisdemokratischen" Poetry Slams auf szenische Texte zu übertragen.
Seitdem hat er acht sogenannte "Drama Slams" veranstaltet (5x in Wien, 2x Berlin und einmal sogar in St. Petersburg). Aber spätestens an diesem Punkt der Geschichte würden die beiden Moderatoren ("Slam-Master") Jimi Lend und Andrea Kramer unterbrechen und zur Eile rufen - denn bei "Drama Slam" ist Highspeed gefragt!

Neue Location

Am Donnerstag, 21. Jänner, stand das erste Drama Slam des Jahres auf dem Programm. Und das in einer brandneuen Location, dem Palais Kabelwerk in Wien-Meidling. Ein massiver Würfel aus kargem Sichtbeton, darin eine vollbesetzte, steile Zuschauertribüne. Ideale Bedingungen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Sieben druckfrische Theater-Texte und das spontane Spiel von fünf Schauspielern, die keines der Mini-Dramen vorher zu Gesicht bekommen haben.

Susanna Bihari, Barbara Kramer, Sissi Noé, Jens Claßen und Rainer Doppler lasen die Dialoge szenisch, aber schon beim ersten Text, "Die Rolltreppe" von Raoul Biltgen, wurde klar, dass Drama Slam von einer Lesung weit entfernt ist - voller Körpereinsatz ist gefragt. So sah etwa ein Spagat zwischen zwei Stühlen, die zwei Rolltreppen darstellen sollten, richtig gefährlich aus. Man merkte: die Schauspieler nehmen die Texte ernst. Wenn schon bitte ein Text wenige Ja-Stimmen erhalten sollte, dann soll's nicht an mangelnder schauspielerischer Verve liegen.

Zehn Minuten Zeit

Spagat zwischen zwei "Rolltreppen": Rainer Doppler, Sissi Noé, Jens Claßen und Barbara Kramer (von links nach rechts). Foto: Nick Albert Spagat zwischen zwei "Rolltreppen": Rainer Doppler, Sissi Noé, Jens Claßen und Barbara Kramer (von links nach rechts).

Und das ist das Spannende an dem Konzept: Es wird zwar von einer Jury eine Vorauswahl der eingesandten Texte nach gewissen Qualitätskriterien getroffen, aber die tatsächliche Kraft des Textes kann sich nur live beim Drama Slam beweisen. Drei Minuten haben die Autoren jeweils zur Verfügung, um letzte Regieanweisungen, Erklärungen zu geben. Als Bühnenbild werden lediglich ein paar Stühle arrangiert, ein Requisit darf eingesetzt werden.
Dann geht's los: Zehn Minuten ist Zeit für eine Szene - dann wird unerbittlich das Schluss-Signal getrötet. Das heißt: Der Funke muss schnell überspringen - vom Text auf die Schauspieler, und von diesen auf die Zuschauer.

Auf Platz 3 in der Publikumsgunst kam "Der Zug" von Felix Richtsfeld. Der Boku-Student hatte zweimal ein "Drama Slam" besucht, und dachte sich: Das kann ich auch. Sein Text - mehr Comedy Sketch als großes Drama - handelt von einem Schaffner, der nacheinander auf drei völlig verschiedene Charaktere in einem Zug trifft.

Platz 2 holte sich die Wiener Dialektdichterin El Awadalla (bekannt auch aus der "Millionenshow"). Die kernigen "U-Bahn-Dialoge" stellten die Schauspieler allerdings vor gehörige Probleme. Awadallas Beschreibung des Wiener Idioms (Beispiel: "Booarnohefdl") war live beim ersten Lesen offenbar schwer zu entziffern. Für einen Drama Slam bühnengerecht zu schreiben gestaltet sich also gar nicht so einfach. Dem Publikum gefiel's trotzdem.

Gespür für theatertaugliche Texte

Spagat zwischen zwei "Rolltreppen": Rainer Doppler, Sissi Noé, Jens Claßen und Barbara Kramer (von links nach rechts). Foto: Nick Albert Spagat zwischen zwei "Rolltreppen": Rainer Doppler, Sissi Noé, Jens Claßen und Barbara Kramer (von links nach rechts).

Dass die Zuschauer aber ein untrügliches Gespür für "Theaterpranke" besitzen, bewiesen die vielen Ja-Stimmen für Raoul Biltgens "Die Rolltreppe", was den Text auch zum Gewinner des launigen Abends machte. Da griff die Textvorlage am geschmeidigsten mit den Fähigkeiten des kleinen Ensembles ineinander. Biltgen ist allerdings auch der profilierteste Bühnenautor unter den sieben Kandidaten. Stücke des in Wien lebenden Luxemburgers wurden etwa bereits am Landestheater in Bregenz ("Aloha!") und am Wiener Schauspielhaus aufgeführt.

"Die Rolltreppe" ist die Weiterschreibung eines bekannten Witzes: Stellen Sie sich vor, Sie bleiben stundenlang auf einer Rolltreppe stecken ... - Die Skurrilität dieser Ausgangssituation steigert Biltgen durch stakkato-artige Dialoge vierer Personen, die sich im Zeichen einer alarmistischen Gesellschaft sogar ausmalen, dass sie auf der Rolltreppe einer psychologischen Versuchs-Situation ausgeliefert sein könnten - überwacht von Kameras.

Biltgens Mini-Drama war zwar deutlich zu lang - das Zehn-Minuten-Signal kam unerbittlich mitten im Text - , aber die Atmosphäre der absurden Situation ist voll beim Publikum angekommen, einen Stichwortgeber aus dem Publikum erinnerte diese an "Warten auf Godot".
Wer das Ende gerne gesehen hätte, musste auf die "Drama Slam Revue" vertröstet werden. Diese soll an einem noch nicht fixierten Termin im Mai stattfinden.

Davor findet am 20. März 2010 das erste Drama Slam in Graz statt. Texte für die Show im Grazer Theater Im Bahnhof können bis 5. März eingesandt werden (Link siehe unten). Und im Mai soll noch das Wiener Drama Slam Nummer 7 - voraussichtlich in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters - über die Bühne gehen. Auch dafür könnten potenzielle Autoren eigentlich schon ihre Bleistifte spitzen - und ihre "Theaterpranke" unter Beweis stellen.

(KURIER.at) Erstellt am
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