Buzz 05.12.2011

Gaga: Gruppentherapie für Teilzeit-Freaks

Die Popsängerin feierte eine hysterische Faschingsparty in Wien. Und bemutterte die anwesenden Außenseiter.

Nein, bei einem Lady Gaga-Konzert fühlt man sich nicht einfach nur frei. Man fühle sich gefälligst "superfrei"! Der Superstar im Dauer-Superlativ hat am Donnerstag die Wiener Stadthalle zugeschrillt. Ganz schön super. Mit Knaller-Konzert, Kostüm-Kasperltheater und Kunstbehauptung musste man sich aber natürlich nicht zufrieden geben.

Frei nach der Musical- und Discoweisheit "I am what I am" veranstaltete das Pop-Unikat eine musikalische Gruppentherapie unter dem Kampf-Motto: Mut zur Andersartigkeit. Denn Lady Gaga wurde "verdammt noch mal so geboren", und wir minderwürdigen Teilzeit-Freaks dürfen uns von ihr verstanden fühlen: Wir sind eh ganz normal, auch wenn wir Selbstbräuner verwenden, von niemandem gemocht werden oder Herrenhandtaschen tragen. Oder alles drei!

Denn Gaga opfert sich für die "kleinen Monster", wie sie uns mütterlich nennt, dem weltweiten Scheinwerferlicht. Um zu zeigen: Es gibt jemanden, der ist noch eigenartiger als wir alle zusammen. Und jetzt "vergesst, was euch unsicher macht. Liebt euch mehr!"

Zerbeißen

Und hoch die Hände: Lady Gaga bat zur jugendfreien Pop-Show mit Grinsefaktor.
© Bild: apa

Was so seine Grenzen hat. Für ein weißes Stofftier etwa war diese Liebe schwer zu spüren - denn dem hat Lady Gaga auf der offenen Bühne den Kopf abgekaut. Jetzt zerbeiß' ich's!

Sonst aber war es ein wohliges Emotions-Bad in der trotz ganz viel nackter Haut steril jugendfreien Popshow. Gaga spielt Model-Casting gegen sich selbst und wechselt rasant diverse Outfits mit Grinsefaktor - von der Krakenbrille bis zum SM-Gewand, vom Teletubbie mit ganz vielen Fransen bis zum Metallstanitzel. Und dazu gab's ein Best-of der bildhaften Popzitate: Vom Ersatz-Slash an der verbotenen V-Gitarre über Strapse tragende Rocky-Horror-Gestalten bis hin zur x-fach hochpotenzierten Zwanghaftigkeit, mit der sich Madonna zur Modeikone stilisiert hat.

Kotzen

Und hoch die Hände: Lady Gaga bat zur jugendfreien Pop-Show mit Grinsefaktor.
© Bild: apa

Lady Gaga hat bei dieser Tour durch den musikhistorischen Selbstbedienungsladen mindestens so viel Humor wie Rammstein: Nein, das ist doch alles nicht ernst gemeint. Wohl deshalb schaut die Profi-Begleitband in strengem Leder kurz aus wie die Scorpions. Da ist Blut schlürfen und Farbe kotzen (in einem der zahlreichen, die Show ziemlich bremsenden Umziehpausen-Videos) nichts dagegen.

Geisterbahn-Monster

Und hoch die Hände: Lady Gaga bat zur jugendfreien Pop-Show mit Grinsefaktor.
© Bild: apa

Lustig war's, eine hysterische Faschingsparty, dauerhaft im roten Drehzahlbereich. Singen kann sie auch, der Sound war an manchen Plätzen ganz okay, anderswo unerträglich, und die transportierte Botschaft ist eigentlich sympathisch. Stutzig machte hauptsächlich, wie bieder das alles dann doch war: In der neonfarbenen Musical-Kulisse mit Autowrack, U-Bahn-Waggon und Showtreppe hätten auch Britney Spears oder Beyoncé tanzen können.

Und das peinliche Geisterbahn-Monster bei "Paparazzi" sollte wohl das zahlreich vertretene ganz junge Publikum ansprechen. Hoffentlich aber haben die weggeschaut, als der Tänzer Michael seine Vorliebe für beide Geschlechter mit eindeutigen Mundbewegungen untermauerte. Auch egal. "Ich hasse die Wahrheit", schreit Gaga. Genau.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011