Das Boygroup-Jahrzehnt: Mann-Sein verboten

NKOTB, Take That, Backstreet Boys & Co.: Was machte die Boygroups der Neunziger aus? Und warum schafften es nur wenige ins Erwachsenenalter?

Da soll noch jemand sagen, die 80er-Jahre waren hart. In den 90ern gab es zwar Nirvana und Metallica im Formatradio (heute kaum vorstellbar). Ebendort lauerte aber auch unüberwindliche Konkurrenz für die ersten Schritte pickelgesichtiger Mittelschüler am glatten Parkett der Balzrituale: die Boybands.

Die Ersten: Bravo-Cover vom 14.12. 1989 - New Kids On The Block New Kids On The Block ... Backstreet Boys ... ’N Sync... Take That ... Caught In The Act (die Niederländer hier mit Confetti im ORF) ... Die Iren von Westlife ... ... Boyzone: Selbst mit derart skurrilen Bandnamen waren diese musikerfreien Tanz-Bands so etwas wie das Breitband-Antibiotikum zur Aufstachelung hysterischer Schwärmereien weiblicher Teenies. Deutlichere Rollenklischees als bei den gnadenlos gut aussehenden und ebenso gnadenlos gecasteten Bubengruppen gab es höchstens noch bei den Spice Girls (wobei Victoria Beckham ihre Rolle bis heute spielt). So boten sich in so gut wie jeder der Millionen Tonträger verkaufenden Boygroups folgende Charaktertypen als Material für Mädchenträume an (am Beispiel der Backstreet Boys): ... Der Schönling ...

Im Fall von Kevin bei den Backstreet Boys gleichzeitig das Modell "vernunftgesteuerter Erwachsener und großer Bruder". Der Lustige ... 

Der freundliche Komiker bei den Backstreet-Buben: B-Rock. Ein Nachdenklicher und ...

Howie D. ist der Sensible bei den Backstreet Boys. ... ein Halbstarker ...

A.J.: dunkelhaariger "Latin Lover" bei den Backstreet Boys ... variabel ergänzt durch das Milchbubi (Nick Carter). Für den etwaigen Vorzeige-Musiker der Band blieb zumeist nur der Streber-Charme über (siehe Gary Barlow).

Bild: Gary Barlow von Take That Dabei wurde genau kalkuliert: Das medienwirksame Mischverhältnis von Ohrwurm, Romantik und Modebewusstsein wurde so lange gemolken, bis die Knaben zu alt für den Spaß wurden und reihenweise den Kurzzeit-Versuch einer ernsthaften Musiker-Karriere (siehe Gary Barlow) starteten. Heikel war dabei nur eines: Trotz Leder-Shorts, nacktem Oberkörper und Paarungs-Tanz durften die Boyband-Mitglieder keine Männer sein. Eine etwaige Verstörung von Mädchenträumen durch allzu viel Männlichkeit wurde zumeist durch Sängerknaben-hohen Falsettgesang entschärft. 

Bild: Oh, "Mark weinte!" Was dann bei den zahlreichen Wiedervereinigungen ehemaliger
Boygroups Anfang dieses Jahrtausends Glaubwürdigkeits-Probleme mit sich brachte.

New Kids On The Block, 2008 Das Phänomen hat zahlreiche Vorläufer, von den Beatles und den Jackson 5 ... ... bis hin zu New Edition und Wham!. In den 90ern aber waren die durchchoreografierten Knaben-Karrieren dann so erfolgreich, dass bei Band-Trennungen Notfall-Telefone für unglückliche Fans eingerichtet werden mussten. 

1995 kam es zu Selbstmordversuchen von Mädchen, nachdem Robbie Williams Take That verlassen hatte. Auch in Österreich versuchte man, auf den Zug aufzuspringen: Manuel Ortega (im Bild ganz links) trällerte in der rasch versunkenen Formation "Whatz Up". Und an die WG-Boygroup "jetzt anders!" (vormals „jetzt“) in Folge irgendeiner Starmania-Runde erinnern sich wohl nicht mal mehr die Beteiligten.

Mehr zum Thema

(kurier / Georg Leyrer, tem) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?