Buzz 17.07.2012

Anti-Pop wie er im Buche steht

Der Anti-Pop-Literat Dirk Bernemann spricht im KURIER.at Interview über Timing, harte Worte und seltsame Geschichten, die das Leben schreibt.

Auf der Bühne schreit, flüstert und fuchtelt er leidenschaftlich. Liest im sitzen und im stehen. Er spielt mit dem Publikum, bringt es zum Lachen und zum Weinen. Dirk Bernemann, der Autor von Büchern wie "Ich hab die Unschuld kotzen sehen", "Vogelstimmen" oder "Satt:Sauber:Sicher." ist bekannt für seine direkte, derbe Sprache und obskure Geschichten, die das Leben schreibt.

Vor der Lesung am 8. Juni in Wien traf KURIER.at ihn bei Kaffee und Zigarette zum ausführlichen Interview.

KURIER.at: Hunter S. Thompson sagte sinngemäß einmal "Schreiben ist der hassenswerteste Job", wie siehst Du das?

Dirk Bernemann: Interessantes Zitat. Ich hasse meinen Job auf keinen Fall, im Gegenteil, ich mag ihn sehr gerne. Natürlich gibt es einen wirtschaftlichen Zwang dahinter, aber es macht mir einfach einen Riesen-Spaß. Ich kann das auch, glaube ich zumindest, gut in meinen Büchern vermitteln. Und es ist eines der wenigen Sachen die ich wirklich gut kann.

Dirk Bernemann: Der Autor von "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" sieht sich selbst als "Anti-Pop-Literat".
© Bild: Dirk Bernemann

Du schreibst selbst, es sind Geschichten aus der "Mitte des äußeren Randes." Zu lesen gibt es Geschichten über Freundschaft im Alkoholexzess bis hin zum Kettensägenmord aus der Sicht einer Kommode alles. Wie entwickeln sich Deine Erzählungen von der Idee bis zur Druckreife?
Den Schreibprozess selbst plane ich meistens nicht, der überkommt mich einfach. Aber ich schreibe laufend Gedanken in mein Notizbuch oder ins Handy. Das sind kurze Sätze oder einzelne Wörter die mir auf Plakaten, Aufklebern oder sonst irgendwo in der Stadt begegnen. Hin und wieder sind es auch Medienberichte. Zum Beispiel habe ich mich für eine Geschichte ("Til, schweig er" Anm.) von einem Fernsehbericht inspirieren lassen. Meistens ist es eine gesunde Mischung aus selbst Erlebtem und Phantasie. Eine Geschichte im Buch ist mir auch wirklich so passiert. Die "Klebendigkeit" Geschichte. Da war ich auf einer Silvesterparty, letztes Jahr glaube ich. Ein Kumpel will mir immer die Großstadt schmackhaft machen, aber ich bin ein Landmensch. Ich mag zwar Metropolen und ich bin dort gerne zu Besuch, aber wohnen kann ich da irgendwie nicht so gut.

Facebook, Afghanistankrieg, TV-Shows und Armut sind nur einige Punkte die Du in deinen Geschichten kritisch beleuchtest. Wie wichtig ist dir diese Kritik?
Mal mehr, mal weniger. Ich bin kein Sozialkritiker, sondern schreibe einfach nur über extreme Gefühle. Da ich selbst ein politischer Mensch bin, spielt natürlich auch Politik ab und zu eine Rolle. Die Welt da draußen ist aus speziellen Umständen nicht in Ordnung und wenn ich meine Gefühle dazu äußere, kommen diese Umstände natürlich auch zum Tragen.

Charakteristisch für deinen Stil ist eine direkte, derbe Sprache und Metaphern, die für Viele jenseits des guten Geschmackes liegen. Warum wählst Du gerade dieses Stilmittel?

Ich finde, die Metaphern sind schon so gewählt, dass sie in die Realität reinpassen und sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Ich glaube, wenn sich die Leute wirklich mal eingestehen würden, in welcher Welt wir leben, dann würden sie die Metaphern auch als passend empfinden.

Im Vorwort schreibst Du, dass Du im Laufe der Zeit sehr vielen Fehlinterpretationen zu "Unschuld kotzen" begegnet bist, was bedeutet es für dich?

Das stimmt. Viele Kritiker sind der Meinung, ich würde mit meinem Stil nur provozieren und hätte dabei nichts zu sagen. Das stimmt nicht. Für mich ist es eine literarische Beschreibung der Realität. Mein Weg durch die Welt. Andere füllen ihre Tagebücher mit Gefühlen und ich eben meine Bücher mit Gefühlen, die ich gegenüber der Gesellschaft habe. Diese sind auch nicht immer negativ. Es gibt ja auch sehr positive Geschichten, allerdings gehen diese oft zwischen den Negativen unter.

Magst Du Menschen und die Menschheit?
Ich bin definitiv kein Menschenfeind. Mir ist bewusst, dass meine Bücher oft sehr negative Gedanken hegen, aber letztendlich suche ich Wege, um mit den Leuten klar zu kommen. Auch wenn es oft wenige Menschen sind, mit denen man klar kommt, bin ich generell ein Menschenfreund. Und ich habe die Hoffnung auf ein gutes Einvernehmen zwischen mir und dem Rest der Welt noch nicht aufgegeben. Deshalb gehe ich mit meiner Kunst in die Öffentlichkeit. Ich möchte die Leute mit meinen Gefühlen konfrontieren und mir sind die Gespräche, die sich daraus entwickeln, sehr wichtig.

Dirk Bernemann: Der Autor von "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" sieht sich selbst als "Anti-Pop-Literat".
© Bild: Dirk Bernemann

Warum schreibst Du eigentlich? Was hat Dich dazu gebracht?
Ich glaube es war die Beschäftigung mit Musik und Songtexten. Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass Sprache ein super Vehikel ist, um Emotionen auszudrücken. Meine Eltern haben mich sehr oft vor dem Radio "abgestellt", aus den Boxen dröhnte Schlagermusik, und dabei merkte ich, dass es da um krasse Gefühle geht. Daraufhin habe ich es selbst versucht und ich merkte, dass ich das auch kann. Ich habe dann in diversen Bands gespielt und die Songtexte geschrieben. Aus Songtexten wurden irgendwann Gedichte, aus Gedichten Kurzgeschichten und aus den Kurzgeschichten Romane. Der typische Werdegang eines Schriftstellers, wie ich finde.

Apropos Musik, Du zitierst in deinen Geschichten oft Songs und bist selbst Teil der Band "Horque". Was bedeutet Dir Musik?
Musik ist Leben. Ich bin selbst Musiker in zwei Projekten. Ich habe damit Gefühle empfangen und, seit ich selbst Musik mache, auch Gefühle weitergegeben. Es ist ähnlich wie beim Schreiben, ein direkter, kompromissloser Weg mit seiner Gefühlswelt klarzukommen und sie zu äußern.

Kann Musik etwas, das Literatur nicht kann?
Es gibt Musik, die man mit Worten schwer beschreiben kann. Post-Punk-Instrumental-Kram oder auch die Band "Mogwai" zum Beispiel. Über die Musikinstrumente werden dabei sehr viele Gefühle transportiert, für die es irgendwie noch keine Worte gibt.

Kommt Kunst für Dich von können oder müssen?
Es ist eine gesunde Mischung aus beidem. Derjenige, der muss, aber auch kann, ist dabei im Vorteil. Derjenige, der unbedingt will, aber nicht kann, ist dann halt im Nachteil.

Stichwort Timing: Warst Du schon mal zur falschen Zeit am falschen Ort?

Ja sicher. In meinem Leben passieren viele Zufälle und durch die Zufälle auch negative Sachen. Man gerät zum Beispiel an falsche Leute und erlebt dann Abende, die man sich nicht so vorgestellt hat.

Wann hast Du zum letzten Mal etwas komplett Irrationales getan?

Ich weiß nicht. Ich definiere die Welt nicht in irrational oder rational. Sachen die mir passieren sind oft irrational. Aber für mich ist das kein Bewertungsschema. Ich glaube als Künstler muss man sich davon frei machen. Vielleicht wäre es rational wenn ich populär schreiben würde, dann hätte ich vielleicht keine Geldsorgen. Aber so darf man nicht denken. Ich schreibe halt eher Anti-Pop Literatur. Pop kommt ja von populär und auch wenn ich stetig mehr Bücher verkaufe, sehe ich mich nicht in der Rolle des populären Autors. Ich habe auch beim Schreiben kein Konzept. Da ich über das emotionale Wirrwarr der Menschen, das auch in mir stattfindet, schreibe, kann ich auch kein Konzept entwickeln. Und es ist schön, dass ich mir die Leichtigkeit des einfach drauf los Schreibens bewahren konnte.

Danke für das Interview.
Herzliches Dankeschön an meine Leser.

( KURIER.at ) Erstellt am 17.07.2012