10 Beispiele für die "dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft"

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Jens J. Korff zeigt in seinem Buch nicht nur die dümmsten Sprüche, sondern auch, "wie Sie gepflegt widersprechen."

Seien wir uns doch ehrlich: "Wer hohe Managergehälter kritisiert, führt eine Neiddebatte".

Weil sowieso: "Jeder ist seines eigen Glückes Schmied".

Aber natürlich: "Geld regiert die Welt".

Nach solchen Sätzen endet normalerweise jede Diskussion. Dennoch - oder gerade deswegen - sind Talkshows voll davon.

Jens J. Korff - Historiker, Politologe, Werbe- und Webtexter (Selbstbezeichnung) - konnte diese einfachen, selbstgefälligen Dogmen nicht mehr hören.

In seinem Buch "Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft - und wie Sie gepflegt widersprechen" hat er deshalb, ja genau: die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft gesammelt und zeigt, Überraschung: wie man gepflegt widersprechen kann.

Zu diesem Zweck teilt er die Stehsätze in "Dogmen der Betonköpfe", "Basta-Dogmen" und "Dünkeldogmen" (siehe Beispiele in der Bildergalerie). Die offensive Aufmachung sollte dabei aber nicht täuschen. Mit Hilfe von handfesten Zahlen und Fakten und einem lockerem Stil zerlegt Jens. J. Korff die Denkmuster, die hinter solchen Bauchsätzen wie "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit" stecken.

Das Schöne dabei: Am Ende eines jedes Exkurses bringt er sein Argument auf eine ebenso einfache Formel wie das Dogma, gegen welches er argumentiert hat. "Wer nicht gegen den Kongokrieg demonstriert, darf auch nicht gegen den Nahostkrieg demonstrieren" - Diesem Totschlagargument, das etwa WDR-Moderator David Eisermann 2009 in der Anmoderation eines Beitrags nannte, begegnet er letzten Endes mit dem lyrischen Satz: "Natürlich dürfen wir die Dorflinde vor der Säge retten, auch wenn im Regenwald weiterhin abgeholzt wird."

Das Schade dabei: Jens J. Korff gelingt es nicht immer, die Argumente und Dogmen auf den Punkt zu bringen. Auch wenn der Leser weiß, was mit "Freie Märkte und freie Unternehmer können alles" gemeint ist, so holprig hat man das noch nirgends gehört. Andere Dogmen wie "Wer einen Haushalt führen kann, kann auch einen Staat führen" sucht man vergebens. Was schwerer wiegt ist, dass Korff für seine Sammlung nerviger Sprüche nicht in Österreich recherchiert hat. Was er auf das Wirtschaftskammer-Credo "Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut" antworten würde, hätte uns (und wohl auch halb Südeuropa) doch sehr interessiert.

"Der Bau von Kampfflugzeugen schafft Arbeitsplätze" - Mit diesem Argument wehrten sich die deutschen Waffenschmieden erfoglreich gegen das Vorhaben Sigmar Gabriels, 2014 die deutschen Rüstungsexporte etwas einzuschränken. Korff dreht das Argument um: 2013 machte etwa Eurofighter-Hersteller EADS mit 45.000 Mitarbeitern 14 Mrd. Euro Umsatz. Jeder Arbeitsplatz kostete die Steuerzahler eines Landes, das dort Flugzeuge bestellt hat, 311.000 Euro. Würde man dasselbe Geld in andere Branchen investieren, würde man die dreimal so viele Jobs generieren. "Politik verdirbt den Charakter" - Gegen die boshafte Unterstellung - Korff spricht von "Dünkeldogma" hat der Journalist und Linksdemokrat Axel Eggebrecht bereits 1988 eine Polemik geschrieben. Sein Schluss, der auch Julius Raab zugeschrieben wird: Nicht die Politik verdirbt Charaktere, schlechte Charaktere verderben die Politik. "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" -  Die einfachste Antwort: "Dann stellen Sie den Satz mal in einem Bild dar." Die etwas längere: Ein Wort wirkt länger als drei Bilder - und ein Bild lügt schneller als tausend Worte.
  "Ein Tempolimit verursacht Staus" - Ganz einfach: Da der Sicherheitsabstand bei Tempo 130 geringer ist, als etwa bei Tempo 200, passen auch mehr Autos auf die Autobahn, die Autobahnspuren werden besser ausgenutzt und es gibt also weniger Staus. "Männer denken immer nur an Sex": Die Überprüfbarkeit eines solchen Satzes ist naturgemäß schwer - und genau hierin liegt auch die Krux. Studien, die sich mit den Fragen "Wann, wie oft und überhaupt wie und mit wem" beschäftigen, haben stets strukturelle Defizite. Laut einer Studie von Pro7 und der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung hätten die Deutschen 139-mal im Jahr Sex, 97-mal laut einer Studie, die Focus veröffentlichte. Sex-Kolumnistin Barbara Ehrenberg hält 24 - 48-mal für realistisch. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass an Sex zu denken eben noch lange nicht heißt, auch welchen zu haben. "Wer A sagt, muss auch B sagen." - Diese altväterliche deutsche Spießerweisheit (© Jens J. Korff) hat schon Bertolt Brecht genervt. Sein Antidogma: "Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch gewesen ist." Konrad Adenauer brachte es etwas volkstümlicher im schönsten Rheinisch auf denselben Punkt: "Wat jeht mich mein dummet Jeschwätz von jestern an?" Wolfgang Schüssel wiederum ließ als Antwort statt Worten Taten sprechen - und ließ sich 2000 von der FPÖ zum Bundeskanzler machen... so geht's natürlich auch. "Der Krieg ist der Vater aller Dinge", meinte schon Heraklit. Das wohl wichtigste Gegenargument aus welthistorischer Sicht: Das Rad wurde im Frieden erfunden. So wie der Pflug, der Webstuhl, der Buchdruck, die Dampfmaschine und ... Selfies. "Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind" - Es stimmt schon, über 90 Prozent der Deutschen haben entweder ein Auto, oder hätten gerne eines. Die Funktion des Statussymbols hat das Auto für die meisten Besitzer aber inzwischen verloren. Dazu passend: "Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt von der Autoindustrie ab." Um die Bedeutung der Autoindustrie für unsere nördlichen Nachbarn zu unterstreichen, hat auch schon Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dieses Fehlinformation zurückgegriffen. Tatsächlich arbeitet rund ein Fünfzigstel der 42 Millionen deutschen Arbeitnehmenr in der Autoindustrie. Gegenargument: Jeder dritte Arbeitsplatz in Deutschland hängt vom Gesundheitswesen ab. "Wer hohe Managergehälter kritisiert, führt eine Neiddebatte" - Das mag vielleicht auch einer (uninteressanten) persönlichen Ebene stimmen. Auf einer systemischen Ebene gilt: Wer krasse Ungleichheit kritisiert, stellt eine Machtfrage. Denn Reiche sind meistens nicht nur reich, sondern auch mächtig.

Westend Verlag Foto: Westend Verlag Zum Autor: Jens Jürgen Korff, geboren 1960 in Aachen, ist studierter Historiker und Politologe, Autor von Umweltlexika und Werbe- und Webtexter. Gemeinsam mit Gerd Bosbach hat er den Bestseller "Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden" geschrieben. "Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft und wie Sie gepflegt widersprechen" ist im Westend Verlag erschienen. 256 Seiten, 14,99 Euro.

(KURIER / kob) Erstellt am
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