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© Bild: JÜRGEN HAMMERSCHMID/ PRODOMO WIEN
Plagiate
09.11.2012

Der große Unterschied

Sie denken an die Anschaffung eines Design-Klassikers? Seien Sie auf der Hut: Es wimmelt vor Plagiaten. Möbel-Experte Peter Teichgräber erklärt, wie man Original und Kopie auseinanderhält.

Auf den ersten Blick sieht man es eben nicht: Falsche Maße und Proportionen, Hebel ohne Funktion oder falsch platzierte Nähte. „Wenn man schnell hinschaut, ist der optische Unterschied nicht groß“, sagt Peter Teichgräber. Der Gründer von prodomo, ein auf Designmöbel spezialisiertes Einrichtungshaus, spricht ein Problem an, das zunehmend mehr Konsumenten betrifft. Sogenannte Design-Klassiker werden immer häufiger kopiert und im Internet günstig verscherbelt. „Vielen Käufern ist es egal, ob sie ein Plagiat kaufen oder nicht. Andere sind sogar stolz darauf und glauben, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Aber die meisten wissen gar nicht, dass sie eine Kopie gekauft haben“, sagt Teichgräber.

Seit zwei Jahren wird auch prodomo mit diesem Problem konfrontiert. „Kunden kamen mit ihren beschädigten Stücken oder mit Fotos davon. Sie dachten, dass wir es reklamieren können, da es sich um ein Möbel eines autorisierten Herstellers wie Vitra oder Fritz Hansen handelt. Bei genauem Hinsehen stellte sich heraus, dass das Stück eine Fälschung ist. Für viele war das eine Riesenüberraschung, sie hatten keine Ahnung, auf ein Imitat hereingefallen zu sein“, erzählt Werner Backhausen. „Wir konnten nichts reklamieren und die Kunden sind auf ihrem Schaden sitzen geblieben“, so der Vertriebs- und Marketingleiter von prodomo.

© Bild: JÜRGEN HAMMERSCHMID/ PRODOMO WIEN
Peter Teichgräber ergänzt: „Derzeit wird der Markt von Plagiaten überschwemmt. Sie sind mittlerweile ein großer wirtschaftlicher Faktor. Allein von Arne Jacobsens Egg Chair gibt es mehr als 50 Kopien. Sie stammen hauptsächlich aus den Produktionen der sogenannten aufstrebenden neuen Märkte: Aus Indonesien, China oder Südamerika, aber auch aus Russland und der Türkei. Kopiert wird überall dort, wo billig produziert werden kann.“ Obwohl bekannt ist, wo die Fälschungen herkommen, werden die Täter selten gefasst. Für die Konsumenten kommt erschwerend hinzu, dass die Webseiten, auf denen die Plagiate angeboten werden, gut getarnt sind: Sie wirken seriös und verwenden die Fotos der lizenzierten Hersteller. Spätestens beim Preis sollte man jedoch stutzig werden: Meistens beträgt er nur einen Bruchteil des Originalpreises. Aber auch hier werden Tricks angewendet. Es gibt Angebote, die nur um 30 bis 40 Prozent günstiger sind. „Das verführt und Kunden glauben, dass es sich um ein Ausstellungsstück oder um einen Sonderabverkauf handelt“, sagt Backhausen. Vorsicht ist auch geboten, wenn der Verkauf über England abgewickelt wird. Denn weder Vitra noch Fritz Hansen sind dort ansässig. Der Inselstaat wird als Schlupfloch für die Europäische Union benutzt. Die dort herrschenden Gesetze ermöglichen nämlich, ein Unternehmen mit nur einem Pfund zu gründen. Backhausen: „Dadurch können Betrüger jede Woche mit einer anderen Firma auf- und wieder untertauchen.“

Was Fakesvom Original unterscheidet, konnte – oder wollte – bisher niemand sagen. „Plagiate sind ein Tabuthema“, sagt Backhausen. „Wir wollten nicht länger schweigen und haben uns die Unterschiede bei den meist kopierten Klassikern – dem Lounge Chair von Ray und Charles Eames und der Egg Chair von Arne Jacobsen – angeschaut.“ In Absprache mit den beiden Herstellern Fritz Hansen und Vitra hat das Wiener Möbelhaus je ein gefälschtes Exemplar im Internet bestellt.
Die Resultatesprechen Bände. Allein die Materialien weisen enorme Unterschiede auf: Beim Plagiat des Lounge Chairs etwa ist das Leder zu stark gespannt. Und der Stoffbezug des kopierten Egg Chairs fühlt sich unangenehm und synthetisch an. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Viele Details erkennt man nur bei genauem Hinsehen, beim Anfassen und Probesitzen. Dazu bietet sich Gelegenheit: Bis 23. November sind die Stücke im Loft von prodomo Wien ausgestellt und können in aller Ruhe getestet werden.

prodomoWien
Michael-Bernhard-Gasse 12–14,
1120 Wien, Tel. 01/982 16 11
www.prodomowien.at

Info

© Bild: JÜRGEN HAMMERSCHMID/ PRODOMO WIEN
Holz und Furnier: Der Clubsessel ist aus Schichtholz gefertigt. Die Schale des Originals weist eine Stärke von 8 mm auf, das Material stammt aus kontrollierten Anbaugebieten. Beim Plagiat beträgt die Stärke 14 mm. Die Furnierkanten sind ausgerissen und stellenweise mit Filzstift ausgebessert. Die Herkunft des Materials ist unklar.


Polsterung und Leder: Beim Original sind Sitz- und Rückenkissen mit hochwertigem Schaumstoff und Vlies gefüllt. Durch Luftlöcher kann die Luft beim Hinsetzen ausströmen. Die Bezüge aus weichem Anilinleder sind abnehmbar, jeder Einzelteil ist austauschbar. Beim Plagiat wird billiges Leder verwendet, Luftlöcher sucht man vergeblich. Die Bezüge sind nicht abnehmbar, weil die Kissen an der Schale „angetackert“ sind.


Armlehnen und Spangen: Die Proportionen der Armlehnen sind falsch, die Linienführung plump. Die Gummimuffe an der Unterseite der Armlehne, die ein Ausreißen der Rückenschale verhindert, fehlt komplett. Die Spangen an der Rückseite sind zudem nicht poliert oder schwarz lackiert.

Info

© Bild: JÜRGEN HAMMERSCHMID/ PRODOMO WIEN
Polsterung und Nähte: Beim Original werden hochwertige Stoffe, meist vom renommierten Hersteller Kvadrat, verarbeitet. Der Bezug wird in Handarbeit gefertigt. Sichtbar ist das an den Nähten, die exakt an den Kanten platziert sind. Die Fälschung hingegen weist zu viele Nähte auf, die nicht nur schlampig ausgeführt, sondern auch falsch positioniert sind. Der Stoff ist von geringer Abriebfestigkeit, fleckig und fühlt sich rau und unangenehm an.


Federkraft-Einstellung: An der Unterseite befindet sich ein Hebel, über den sich der Neigungswinkel der Rückenlehne einstellen lässt. Er regelt den Wippmechanismus und sorgt für einen angenehmen Schaukeleffekt. Beim Original ist dieser mit einem Kreis aus Leder verstärkt. Der Hebel beim Plagiat besitzt keine Funktion. Er dient nur der Dekoration, ein Zurücklehnen ist nicht möglich. Außerdem fehlt die Ledereinfassung.


Kennzeichnung: Auch Etiketten können gefälscht werden. Aber beim Original verstecken sich mehrere Hinweise, die die Echtheit belegen. Ein Aufkleber ist an der Unterseite der Sitzschale angebracht. Die Seriennummer findet man an der Innenseite hinter einem Rückenkissen. An der Unterseite des Gestells ist neben dem Firmenlogo eine Seriennummer eingraviert, die auf der Webseite von Fritz Hansen abgefragt werden kann. Damit lässt sich die Authentizität des Möbelstücks prüfen und die Garantie kann auf bis zu 10 Jahre ausgedehnt werden.