12.12.2018

Bildungsexperte Pasi Sahlberg: Darum sind finnische Schulen top

Schulbesuch in Finnland: Offener Unterricht ist hier die Regel.

© Bild: Brühl Ute

Gut ausgebildete Lehrer, Psychologen an den Schulen und ein indiviualisierter Unterricht sind Teil des Erfolgsgeheimnisses.

Finnland ist zum Wallfahrtsort für Menschen geworden, die Schule besser machen wollen. Ein Gespräch mit dem finnischen Bildungswissenschaftler Pasi Sahlberg über gute Schulen, gute Lehrer und den Umgang mit Brennpunktschulen.

KURIER: Finnland ist seit Jahren PISA-Sieger. Als Grund für den Erfolg sehen viele die Gesamtschule. Ist die Lösung so einfach?

Pasi Sahlberg: Nein, nichts ist einfach. Ich weiß, dass viele das finnische System kopieren wollen – doch so etwas funktioniert nie. Häufig kommen Politiker hierher, die selbst nie unterrichtet und sich kaum mit Schule beschäftigt haben. Doch die kapieren gar nicht, was in unseren Schulen passiert. Anders ist das bei denen, die selbst Lehrer sind und eine Woche in Finnland bleiben. Wenn sie ein Stückchen verstanden haben, wie hier das Lernen und der Unterricht funktioniert, können sie versuchen, etwas davon zu Hause umzusetzen.

Die gemeinsame Schule ist aber wesentliches Merkmal des finnischen Bildungssystems.

Wir schätzen die Idee, dass Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten mit verschiedenen Begabungen zusammen in einem Klassenzimmer sitzen. Die Schule muss sich eben überlegen, wie sie darauf reagiert und wie sie jedes Kind fördert und anspornt. Das nennt man individualisierten Unterricht. In Österreich, wo man Kinder selektiert, wird das viel weniger zur Aufgabe der Schule. Wir haben die Herausforderung angenommen, auch wenn viele gesagt haben, das ist verrückt. Wir können damit umgehen, weil wir besser ausgebildete Lehrer haben. (In Finnland werden zehn bis 20 Prozent der Bewerber zum Lehramtsstudium zugelassen, Anm.)

© Bild: Brühl Ute

Wie schafft man es, die Besten für den Beruf zu gewinnen? In vielen Ländern ist man froh, überhaupt Lehrer zu finden, und nimmt jeden Bewerber.

Wenn ich eine Antwort auf diese Frage hätte, säße ich sicher nicht hier (schmunzelt). Bevor man eine Antwort erhält, muss man Ursachenforschung betreiben. Warum hat sich das Image des Berufs massiv verschlechtert? Haben sich die Erwartungen an die Lehrer verändert? Da stelle ich fest, dass in vielen Ländern junge Menschen die Arbeit des Lehrers als eine Art industrielle Produktion sehen, wo standardisierte Ergebnisse produziert werden müssen. Sobald sie diese nicht erreichen, haben sie ein massives Problem.

Wie kann man den Lehrberuf also attraktiv machen?

Fragt man junge Menschen, wie sie sich ihren Traumjob vorstellen, sagen sie: Ich will in einem Team mit Profis arbeiten. Und ich will selbstständig entscheiden, was zu tun ist. Viele möchten zudem einen Beruf ausüben, in dem sie etwas Sinnvolles tun. Pathetisch ausgedrückt: Sie wollen „die Welt zu einem besseren Ort machen“. Als Lehrer ist es ihr Ziel, die Kinder zu befähigen, die Welt zu retten.

Und das ist in Finnland so?

Reden Sie mit finnischen Lehrern. Viele sagen: „Wir wollen den Unterschied in der Welt ausmachen.“ Die Pädagogen haben die Autonomie, ihren Unterricht so zu gestalten, dass sie das leisten können. Der Hauptgrund, sich für das Lehramt zu entscheiden, ist nicht das Gehalt. Wo das ausschlaggebend ist, läuft etwas schief.

Die große Herausforderung, vor der die Schulen des 21. Jahrhunderts stehen, ist die Migration: Da hat noch niemand den Stein der Weisen gefunden.

Politische Entscheidungsträger gehen oft davon aus, dass es nichts ausmacht, was außerhalb der Schule passiert. Die denken „Wir machen das so wie immer.“ Sie haben die gleichen Erwartung in die Lese- oder Rechenfähigkeit der Kinder in Brennpunktschulen. Doch das ist völlig illusorisch.

In Wien haben fast 60 Prozent der Volksschüler einen Migrationshintergrund. Wie würden Sie als Lehrer und Bildungswissenschaftler darauf reagieren?

Gegenfrage: Warum erlauben wir dem System nicht, flexibel zu sein? Wenn man Klassenzimmer hat, in denen fast alle schlecht Deutsch sprechen und aus anderen Kulturen kommen, dann lassen wir doch die Lehrer entscheiden, was der beste Weg ist, um voranzukommen. Genau mit diesem Thema beschäftige ich mich derzeit als Forscher an der Universität Southwales Sydney. In Australien gibt es ähnliche Herausforderungen mit den Ureinwohnern. Auch da erwarten viele Politiker, dass diese Schulen den gleichen Lehrplan, den gleichen Unterricht und dieselben Schulstunden benötigen.

Was sagen Sie aus Sicht des Forschers dazu?

Mein Vorschlag: Probieren wir noch einmal etwas Neues aus. Reden wir mit den Kindern, den Eltern, der Community und fragen sie, was sie brauchen, um sich in Österreich voll zu integrieren. Doch das passiert nicht. Die Erziehungssysteme sind oft rigide und erlauben keine lokalen Entscheidungen. Genau das ist eine der Stärken, die wir in Finnland haben: eine große Autonomie. Das zeigt sich z.B. im finnischen Espoo, wo der Migrantenanteil hoch ist. Hier reagieren die Schulen auf die Schülerschaft.

Viele Lehrer beklagen, dass sie aufgrund der mangelnden Disziplin kaum unterrichten können. Was könnten sie tun?

Die Antwort schlechthin gibt es nicht. Da muss man zuerst Ursachenforschung betreiben. Disziplinlosigkeit ist oft eine Form der Rebellion – dabei wollen die Jungen sich meist gar nicht so verhalten. Die Schule ist nicht so gestaltet, dass sie Schüler darin bestärkt, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Sie ist kein demokratischer Ort. Für viele Jugendliche ist der Unterschied zwischen Gefängnis und Schule minimal – beides ein Ort von Regeln und Bestrafung. Kein Wunder, dass man da die Lehrer wie Polizisten sieht. Es gibt aber weltweit viele Schulen, die es geschafft haben, die Gewalt zu überwinden. Sie schufen einen Platz, in dem Respekt und ein Miteinander herrschen, weil sie die Schule fundamental anders gedacht haben.

Wie muss eine Schule aussehen, die das leisten kann? Braucht es außer dem Lehrer noch Unterstützungspersonal?

Das ist sogar essenziell: Schulen, die keine Sozialarbeiter, Entwicklungspsychologen und sonstige Unterstützung haben, tun sich schwer. Stellen Sie sich die Rahmenbedingungen vor: Die meisten Lehrer lernen mit 25 sehr verschiedenen Individuen – keine einfache Sache. Zum Vergleich: Bei einer Gehirnoperation haben Sie ein ganzes Expertenteam. Im Klassenzimmer machen Sie auch eine Art Gehirn-OP: Sie haben 25 Gehirne und ein Lehrer muss diese verstehen.

In welcher Form werden Lehrer in Finnland unterstützt? Gibt es Sozialarbeiter und Psychologen an der Schule?

Ja. Wir verbinden Unterstützungseinrichtungen mit den Schulen. Nicht so, dass man sagt: Der Schüler braucht Hilfe und ich schicke ihn zum Experten. Wir bringen die Experten in die Schulen – Berater, Psychologen, Ärzte sind für die Schüler erreichbar. Der Pädagoge ist Teil eines Teams, womit der Beruf attraktiv wird. In Afrika sagt man: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. In der Schule braucht es ein Dorf von Experten.

Laut Studien gehen finnische Kinder dennoch besonders ungern in die Schule.

Ich gehe in viele Schulen und habe niemanden getroffen, der diese hasst. Die Frage, ob man gerne in die Schule geht, wird ja meist ähnlich beantwortet wie die, ob man gerne Steuern zahlt. Wer glaubt, dass Schule hier unbeliebt ist, den lade ich in jeden beliebigen Standort ein. Da wird er sich vom Gegenteil überzeugen können. Übrigens: Der neue finnische Lehrplan wird ein anderes Bild von Schule vermitteln, weil Schüler eine Mitsprache haben. Es wird Projekte geben, wo die Schüler fächerübergreifend lernen. Beim Thema „Altes Rom“ braucht man Wissen in Geschichte, Geografie, Physik, Mathe und Englisch und lernt gleichzeitig, vernetzt zu denken.

Zur Person: Der 59-jährige Finne Pasi Sahlberg ist Lehrer für Mathematik, Bildungswissenschaftler und war Berater im finnischen Bildungsministerium.Weltweit bekannt wurde er durch das Buch „Finnish Lessons: What Can the World Learn About Educational Change in Finland?“

Projekt HundrED Pasi Sahlberg war Redner bei dem Kongress HundrED, der jährlich in Helsinki stattfindet. Dabei treffen sich Hunderte  Pädagogen und Interessierte, um sich von Bildungsinnovationen aus der ganzen Welt inspirieren zu lassen.