Wien als Osteuropa-Hub
Österreich ist Sitz für 314 regionale Headquarter - aber der Druck steigt.
Prag, Bratislava, Warschau – drei Metropolen in der Nachbarschaft, die rasant aufgeholt haben. Auch Budapest ist in Lauerposition. Eine Gefahr für Wien als Drehscheibe in Richtung Osteuropa?
"Nein, diese Rolle ist überhaupt nicht gefährdet", beruhigt Leo Hauska von Headquarters Austria. Der von der WKO gesponserte Verein beobachtet seit 2008, wie viele Konzerne die Zelte in Österreich aufgeschlagen haben.
Das nächste Update folgt in drei Wochen. Zwischenstand: Aktuell sind 314 Headquarters mit überregionaler Verantwortung in Österreich vertreten – im Vorjahr waren es 311, im Jahr davor 308. Die Zahl der Wiener Standorte ist von 185 im Jahr 2012 auf 180 etwas gesunken.
Auch wenn die Zahl der Headquarters relativ konstant bleibt: Der Druck nimmt eindeutig zu, sagt Arnold Schuh, Direktor des CEE-Kompetenzzentrums an der Wirtschaftsuniversität Wien. Aus Kostengründen seien die Osteuropa-Headquarter heute keine Klone der globalen Firmensitze mehr, sondern deutlich abgeschlankt: Sie haben Personal und Entscheidungsmacht verloren.
Das liegt zum einen daran, dass Osteuropa nicht mehr die Boomregion ist, die sie bis 2007 war. Zum anderen ist die Aufbauphase nach gut zwanzig Jahren schlicht abgeschlossen: Heute gibt es vor Ort viele fähige Manager, die direkt an die Konzernzentralen berichten können.
Und: Ein Trend geht dahin, Dienstleistungen an einzelnen günstigen Standorten zu konzentrieren. So hat Henkel (unabhängig von der CEE-Zentrale in Wien) in Bratislava ein "Shared-Service-Center", das für die Gruppe Dienstleistungen erledigt.
Mit Ablaufdatum
"Die klassische Osteuropazentrale hat ein Ablaufdatum", sagt auch Hauska. Dafür kämen aber neue Kompetenzen hinzu. Und: "Es gibt Firmen aus CEE, die Wien in Gegenrichtung nutzen, als Sprungbrett in den Westen."
Bisher blieben nach Übernahmen die Osteuropa-Agenden meist in Wien. Mittlerweile herrscht ein Kommen und Gehen. Gerade für Wien gab es in den letzten Jahren schmerzhafte Einschnitte. So zogen zum Beispiel Kaffeekapselproduzent Nespresso, Handyhersteller Nokia und Brauereiriese Heineken ihre Osteuropa-Zentralen ab. Es gibt aber auch Gegenbeispiele.
Seit August betreut die Versandhandelsgruppe Otto von Wien aus die Märkte Ungarn, Tschechien und Slowakei.Honda Austria in Wiener Neudorf bekam im April die Agenden für Tschechien, Ungarn und die Slowakei dazu.
Seit der Übernahme durch Lufthansa kamen der AUA zwar Jobs und Kompetenzen abhanden, dafür verlagerte die deutsche Airline Anfang 2014 den (relativ kleinen) Osteuropa-Vertrieb von Budapest nach Wien.
Wien wurde 2013 zum Headquarter von Merck Serono Westeuropa und zum Osteuropa-Hub für Arzneimittelsicherheit.
Die italienische AB Energy lenkt seit 2013 von Schwaz in Tirol aus acht Töchter.
2013 schlug der US-IT-Konzern CSC in Wien sein Hauptquartier für Osteuropa auf.
Was hat Wien zu bieten? Das Netzwerk an Anwaltskanzleien, Banken und Versicherungen mit Ost-Know-how sei nicht zu unterschätzen, sagt Schuh. Die Stadt werde von Geschäftsreisenden geschätzt. Und: "Wir haben hoch qualifizierte Manager mit Aufbau-Erfahrung in Osteuropa." Diese gelte es andernorts einzusetzen – etwa in der Türkei, in Nordafrika oder in den GUS-Staaten.