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Selbsthilfe
09.07.2013

Das Schlecker-Experiment

Neun Monate nach Übernahme der ersten deutschen Filiale kämpft die Belegschaft weiter.

Die blauen „Schlecker“-Buchstaben und die triste Anmutung des Ladens sind verschwunden, dafür strahlt er nun hell mit viel frischem Grün: „Drehpunkt“ sagt das Logo am Eingang des Drogeriemarkts in Erdmannshausen, einem 6000-Einwohner-Ort nördlich von Stuttgart. Und was noch anders ist: Kundschaft ist wieder da.

Der „Drehpunkt“ ist das Vorzeige-Modell für alle Versuche der ehemaligen „Schlecker-Frauen“, ihre Pleite-Filialen selbst weiterzuführen und damit die Arbeitsplätze zu erhalten. Das haben einige quer durch die Republik versucht, nur wenigen gelang das dauerhaft und meist nur mittels Übernahme gut gelegener Filialen, etwa durch Schlecker-fremde Kaufleute in Berlin.

Misch-Modell

Hauptorganisatorin des Experiments ist die Verdi-Funkionärin Christina Frank, 51, Gewerkschaftsfrau für den Einzelhandel in Baden-Württemberg. Schlecker war eines der beliebtesten Streikziele der ohnehin sehr streikfreudigen Dienstleistungsgewerkschaft. Was Frank mit viel Einsatz auf die Beine stellte, wurde eine Mischung aus Genossenschaft und Franchise-Modell: „Dem Laden in Erdmannshausen folgen in diesen Monaten vier weitere im Südwesten der Republik. Und das, obwohl sich seit der Schlecker-Pleite schon viel alte Kundschaft zur Konkurrenz verlaufen hat, die auch nicht schläft.“

Nach Franks Erfahrungen hier ist man zuversichtlich, auch wenn man heftig kämpft: „Die meisten Schlecker-Angestellten waren ältere Frauen, die keine Chance mehr am Arbeitsmarkt hatten.“ Das ist aber übertrieben, weil etwas mehr als die Hälfte der 25.000 Beschäftigten laut Arbeitsagentur wieder arbeiten.

Noch nicht profitabel

Chancen sieht Frank aber auch nur dort, wo der Standort schon früher gut war und die Motivation der Frauen hoch. Doch ein Geschäft zu eröffnen, erfordert mehr als das Wissen einer Verkäuferin, vor allem aber: Kapital. Und das war und ist das Schwierigste, selbst wenn die Vermieter die Lokale noch weiter bereitstellten: „Die Zockerbanken zögern“, klagt Christina Frank im Gewerkschaftsjargon, sie wollten ihren Kredit oft nicht herausrücken, obwohl der durch 80-prozentige EU-Zuschüsse gedeckt sei.

Die zweimalige Nachfrage, ob die EU hier mit Steuergeld dauersubventioniere, bleibt so offen wie die, ob eben die extrem geringen Margen der Branche die Banken um ihre Kredite zittern ließen. Denn Eigenkapital haben diese älteren Jung-Unternehmerinnen nicht, auch die Waren werden auf Lieferanten-Kredit gekauft.

Die Euphorie der Gewerkschafterin wird von der Geschäftsführerin des „Drehpunkt“, Karin Meinerz, 53, gedämpft. Im November hatte sie mit einer 48-jährigen Kollegin den Laden wiedereröffnet, heute haben sie auch noch eine Aushilfe, 60. Aber „die Zahlen, die wir brauchen, erreichen wir noch nicht“, sagt Meinerz freundlich bestimmt. Immerhin musste die meiste Einrichtung gekauft und ein Kassensystem geleast werden. Für den Wareneinkauf in der heftig umkämpften Branche mussten sie mit einigen anderen Läden eine Art Einkaufsgenossenschaft aufziehen.

Sie schlafe „manchmal schlecht“, sagt Meinerz und verdiene natürlich weniger als früher. Denn „13,95 Euro pro Stunde war ja nicht schlecht“, sagt stolz die Gewerkschafterin Frank. Sie habe jedenfalls „nun Anfragen aus der ganzen Republik“.

dayli

Diese Woche entscheidet sich, wie und ob es mit dayli weitergeht. Für die rund 3500 Mitarbeiter gibt es schon jetzt bittere Nachrichten. Sie bekommen die ausständigen Juni-Gehälter und das Urlaubsgeld erst im September ausbezahlt. Der Juli-Gehalt wird Ende diesen Monats vom Masseverwalter überwiesen. Die Arbeiterkammer rät Betroffenen, einen „vernünftigen“ Zinssatz für den Überziehungsrahmen auszuverhandeln.

Beim Kreditrahmen für eine weitere Fortführung des Unternehmens sollen die Banken sehr zurückhaltend sein, heißt es. Sie wollen ein Fortführungskonzept nur dann mit einem Rahmen von 30 Millionen Euro finanzieren, wenn sich Ex-Eigentümer und Noch-Geschäftsführer Rudolf Haberleitner aus der Firma zurückzieht, ist aus informierten Kreisen zu hören. Ein Punkt im Fortführungskonzept ist die Umstellung auf ein Franchisesystem. Das Interesse der Mitarbeiter, die auf ausständige Gehälter warten, dürfte sich in engen Grenzen halten.