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"Und ich dachte, also so ist der Tod“

Kaum ist Norman Dyhrenfurth, legendärer Filmemacher und Expeditionsleiter mit Wohnort Salzburg, von der Dhaulagiri-Expedition 1960 in die USA zurückgekehrt, denkt er schon an die nächste Herausforderung im Himalaja. Diesmal gerät der Mount Everest in sein Visier. Es sollte die vierte Besteigung in der Geschichte werden. Im Mai 1961 erhält der damals 43-Jährige die ersehnte Bewilligung aus Nepal. Nun liegt sein Fokus, trotz kalifornischer Sonne, nur in den eisigen Höhen des Himalaja.

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Doch die Sponsorensuche erweist sich als schwierig, der Everest war kein bergsteigerisches Neuland mehr, bereits acht Jahre zuvor hatten Edmund Hillary und Tenzing Norgay den Gipfel erklommen. „In den USA ist die Beschaffung von Geldmitteln für eine Mount-Everest-Expedition kaum leichter als die Finanzierung einer Karl-Marx-Statue vor dem Weißen Haus“, schrieb der amerikanische Schriftsteller James Ramsey Ullman. Norman Dyhrenfurth greift zu einer verwegenen Idee, um Sponsoren zu locken, eine bergsteigerische Neuheit, die Reinhold Messner als „völlig revolutionär“ bezeichnet: Er plant als Expeditionsleiter, den Mount Everest erstmals zu überschreiten. Messner im Rückblick: „Das gehört zu den großen Taten des Alpinismus.“

900 Träger

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Im Februar 1963 machen sich 19 amerikanische Bergsteiger und Wissenschaftler mit unvorstellbaren 900 Trägern und 27 Tonnen Ausrüstung auf den Weg zum Basislager. Die A.M.E.E., die American Mount Everest Expedition, verfolgt auch einen hohen wissenschaftlichen Anspruch: Geologen, Glaziologen, Meteorologen, Psychologen, selbst Soziologen und Psychologen , die das Verhalten der Bergsteiger unter Stress untersuchen, sind mit von der Partie.

Oberhalb des Basislagers auf 5400 Höhenmetern wird die Durchquerung des Khumbu-Eisbruchs vorbereitet, ein 600 Meter hoher extrem gefährlicher, endlos zerklüfteter Gletscherabbruch. Hier kommt es zur Katastrophe: Drei Männer arbeiten sich eine zehn Meter hohe Eiswand hoch. „Da gab es ein Geräusch, und alles unter, um und über uns begann sich zu bewegen,“ erzählt der Überlebende Dick Pownall, „ich konnte es zunächst nicht glauben, dann aber wusste ich, dass ich fiel, und ich dachte, also so ist der Tod.“

Pownall wird gerettet, ebenso der schwer verletzte Sherpa Ang Pema, der ausgegraben werden kann. Doch von Jake Breitenbach, dem Dritten im Bunde, gibt es kein Lebenszeichen. Nur noch das Seil, das ihn mit dem Sherpa verband, weist auf den Körper des Bergsteigers hin, doch es führt in die unterste Schicht der Eistrümmer. Breitenbach liegt fünf bis zehn Meter unter den Eisblöcken, und nur ein Bagger hätte seine letzte Ruhestätte noch freilegen können.

Nach diesem Unglück – an der Türschwelle zum Everest ein Todesopfer – verharrt die Expedition zwei Tage in Schockstarre, bis wieder langsam der Everest in den Vordergrund rückt: „Wir haben begonnen, uns wieder zusammenzureißen,“ schreibt Dyhrenfurth in seinen Erinnerungen, „und nun sind wir wieder eine Mannschaft, statt eine Anzahl kopfloser, deprimierter Einzelwesen.“

Filmen auf 8600 Metern

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Ende März ist der Khumbu-Eisbruch endlich überwunden, im „Tal des Schweigens“ werden Lager eingerichtet. Jim Whittacker und Sherpa Nawang Gombu starten auf der Hauptroute den Gipfelsturm. Dyhrenfurth und sein Sherpa folgen ihnen mit Respektabstand, sie müssen die schwere Filmausrüstung tragen und laufend filmen – bis auf über 8600 Meter, wo sie notgedrungen umkehren müssen. „Wir können den Gipfel ohne Sauerstoff nicht erreichen, wären also nicht einmal tote Helden auf dem höchsten Gipfel der Welt“, schreibt Dyhrenfurth.

Am 1. Mai erreichen seine Kameraden als erste Amerikaner in der Geschichte den Gipfel auf 8848 Metern Seehöhe und hissen die US-Flagge. Die Pflicht, der Gipfelsieg auf der Normalroute, war geschafft, nun sollte die Kür folgen, die Übersteigung des Berges über eine noch nie gegangene Route.

Nur drei Wochen später sollte es soweit sein: Willi Unsoeld und Tom Hornbein klettern den Westgrat hoch, steigen in die Nordflanke ein und erreichen nach einem endlos erscheinenden Kampf den Gipfel. Im Hochlager trauen die Wartenden kaum ihren Ohren, als über das Funkgerät die Stimme Unsoelds zu hören ist, der den amerikanischen Dichter Robert Frost zitiert: „Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich steh’n ... und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.“

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In den Staaten wird Dyhrenfurth und seinen Männern ein triumphaler Empfang bereitet. Im Juli ehrt sie John F. Kennedy (nur vier Monate vor seiner Ermordung) im Rosengarten des Weißen Hauses mit der selten verliehenen Hubbard-Medaille, die zuvor etwa die Entdecker von Nord- und Südpol, Peary und Amundsen, erhalten hatten.

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Mit Dyhrenfurths Film „Americans on Everest“ startet die National GeographicSociety ihr Fernsehprogramm, der Film wird zum Straßenfeger. Eine Vortragsreise führt Dyhrenfurth 1964 in die Schweiz, wo er seine heutige Lebensgefährtin Maria, die „Moidi“, kennenlernt. Mit ihr lebt der 94-Jährige bis heute in Salzburg.

Lesen Sie das nächste Mal: Die internationale Himalaja-Expedition

Buchtipp: Günter, Hetti, Norman Dyhrenfurth – Zum dritten Pol von Andreas Nickel; AS Verlag; 26,80