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© Bild: Kurier
Ausnahmetalent
21.09.2012

Nicholas Ofczarek: Zart und explosiv

Familienmensch, Jedermann und Discobesitzer in der ORF-Satire „Braunschlag“. Weltschauspieler Nicholas Ofczarek entzieht sich dem Salzburger Trubel und hat Geborgenheit im Waldviertel gefunden.

Momente. Gerade nur gute. Tschicken schon. Wieder mal, trotz etlicher heldenhafter Versuche, es sein zu lassen. Der Burgbauch unterm Hemd in ansehnliche Form gestrafft. Ausgewogenheit: „Denn oft ist ja die Außenwirkung fantastisch und die Innenwirkung nicht.“ Im Frühjahr gab’s keine Premierenproben, nur Vorstellungen zu spielen, ein Gefühl fast wie Ferien: „Zeit für Alltäglichkeiten, ganz simple Dinge, Kochen zum Beispiel“. Ausruhen. Bei der Fußball-EM, mit puren Glückssekunden für den Fan, wie etwa „diesem wunderschönen Tor von Zlatan Ibrahimović“, das „Jedermann“ als „seitlichen Fallrückzieher“ beschreibt, um das wieder zurückzunehmen, denn „Fallrückzieher“ gibt’s natürlich in Wirklichkeit nicht, aber anders kann es Nicholas Ofczarek nicht erklären. Wer’s gesehen hat, wird wissen, was er meint. Der größte Fußballer für ihn? „Schon Maradona. Halt meine Zeit“, sagt der 41-Jährige und Männer werden wissen, was er meint. Hätscheln so viele ihre Idole aus ihrer Zeit.

Wir sitzen entspannt im Café Maria Treu unter einem Baum und schauen ein bissl zurück und ein bissl voraus. Nicht zu weit, denn mit Zukunftsprophezeiungen – „jetzt wird’s so oder so“ – hat sich Niki O., Zwilling mit Aszendent Jungfrau, zu oft gepeinigt: „Da wird man völlig wahnsinnig.“ Also Schluss damit: „Wenn ich im Augenblick lebe, geht es mir gut.“ Sehr gut sogar, denn zwei Tage nach unserem Treffen wird er im „Land von Feuer & Eis“ sein, wie Reiseagenturen Island bewerben. Weil: Er noch nie in Skandinavien war, weil er denkt, dass ihn dort „eine Natur­explosion“ erwartet, „die Erde in Island wahnwitzig lebt in allen Facetten“, und weil es dort nicht so heiß ist: „Bei Hitze bin ich nicht zu gebrauchen.“ Natürlich ist er mit Frau und Tochter unterwegs.

Danach gibt’s eine Probenwoche in Salzburg für den „Jedermann“, mit demselben Team wie vergangenes Jahr, aber mit den jährlichen kleinen Änderungen von Regisseur Christian Stückl: „Das ist gut. Macht die Proben frisch für uns.“ Ja, und es wird in nicht allzu langer Zeit eine neue Inszenierung geben, und damit einen neuen Jedermann.“ Wann, sagt er nicht, nur, dass er sich nicht in dieser Rolle abnützen wird. Niki bleibt am Boden, gibt der PR, was der PR gebührt, ohne sich überrollen zu lassen und weg­zurollen im Mozartkugel-Status vom 21. Juli bis zum 30. August. Ja, er hat sich die Wohnung einer Gräfin hinter dem Hotel Stein angeschaut, ein Traum mit Dachgarten um viereinhalbtausend Euro. Vermutlich könnte er sich das auch leisten, wollte er sich als „Jedermann“ zelebrieren wie weiland Curd Jürgens.

Doch nein, der zartbesaitet Explosive bleibt cool „in der Zwergenwohnung vom letzten Jahr, bissl außerhalb von Salzburg“, und die Familie kommt auch wieder hin, um „ein Übermaß an gesellschaftlichem Erscheinen“ zu kanalisieren. Das zehrt nur. Lieber steckt Ofczarek seine Energie in Leseabende mit Ehefrau Tara Metelka, am 2. August auf Schloss Weitra im Waldviertel und am 12. August auf Burg Golling im Salzburgerland: „Wer kann da über Liebe sprechen“, ausschließlich Texte von Literaturnobelpreis­trägern, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Dario Fo, Vargas Llosa und anderen mehr.

Vor 16 Jahren hat er sich in Reichenau in die Schauspie­lerin Metelka verliebt, 15 Jahre sind sie verheiratet – „und es fühlt sich noch immer gut an: Mir war noch nie fad mit meiner Frau“, sagt der Vielumschwärmte schlicht. So leicht, zart und unaufgeregt, dass es wahrer klingt als in jedem Brustton. Wie man das macht mit der glücklichen Dauer? „Rezept hab ich keins“, meint er ernsthaft, „man muss halt aufeinander und auf Kompromisse eingehen. Klar. Von selber tut es sich nicht.“

Abgefüllt. Mit leerem Blick. Schwankend um den Stand bemüht, die männliche Würde. Aufgelöst in der abgestandenen Luft unzähliger Stamperln. Industrieschnaps, Selbstgebrannter, alles eins, Hauptsache Alk. Die Konturen zerfließen im scharfen Gestank halbvoller Aschenbecher, im Samstagabendmief von Rasierwässern und Parfüms. Die Zigarette steif, beinahe affektiert gehalten. Männerfingerhaltung, so wie Frauen kleine Finger beim Kaffeeplausch abwinkeln, um elegant zu wirken. Der tiefe Schrecken im Blick, als der Doktor klarmacht, dass der „Discotrottel“ Richard Pfeisinger unfruchtbar ist ...

Nicholas Ofczarek in Braunschlag. Wer die DVD gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Von Witz und Wahnwitz im Waldviertel. Die Fernsehzuschauer werden’s erst im Herbst wissen. Wobei Braunschlag überall liegen könnte in Niederösterreich und in der ganzen Republik. „Es geht um eine Art Welt-Niederösterreich, wenn man Musil dafür strapazieren will ... ein Sinnbild für zeitgemäße Zustände, die hier nur als Labor für das Überall dienen. Auch, wenn die Geschichte in einem Milieu verortet ist“, sagte Regisseur David Schalko im Wochenmagazin „Die Zeit“. Auch, dass die niederösterreichische Filmförderung ausblieb. „Danke, St. Pölten!“ Nur eine kleine Filmpointe, zum Brüllen komisch. Aber: „Überall verhalten sich die Menschen wie die Braunschlager. Überall könnte ein Bürgermeister eines maroden Ortes ein Wunder vortäuschen, um Menschen und Touristen anzulocken ...“

Den Bürgermeister Gerri Tschach spielt Robert Palfrader, und die Kritiker finden, dass es die Rolle seines Lebens ist. Eng gekettet an das Leben seines besten Freundes und besten Feindes, Discobesitzer Pfeisinger/ Ofczarek. Gnadenlos eng, wie’s in Landorten so hergeht.
Pfah! können selbstbewusste Frauen applaudieren, wenn sich Mamabubi Tschachs frustrierte Gattin Herta (Maria Hofstätter) von ihm freimacht und aufblüht, womit sie ihm den Boden endgültig unter den Füßen wegzieht. Wenn sich Pfeisingers lüstern-kinderwunschhysterisches Frauchen Elfi (Nina Proll) einen Samenspender sucht, weil’s daheim nix wird mit dem Kind. Natürlich nur ein Knoten in der Braunschlager Weltchronik, an der Frauen, (die nicht – Pfah! – applaudieren), allerhand über das Rätsel Mann erfahren können. Über verzweifelt ratlose Kinderseelen, die hinter dem Machogehabe, unter dem Alkdampf verborgen liegen.

Die Kunst des Weltschauspielers Nicholas Ofczarek liegt in der letzten, der achten Folge „Freunde fürs Leben“. Als der Pfeisinger draufkommt, dass sein bester Freund Tschach mit der Elfi, „gepudert“ hat (worüber der ganze Ort längst redet). Als er wie Rambo stockbesoffen heimrast, als man Mord und Totschlag erwartet, verstummt er, gefriert zu einer Statue mit starrem Blick. Torkelt in sich außer sich in die Greißlerei und kauft packelweise: Vollkornbrot, das er sich kleinstückelweise in den Mund bröselt. Auf der Bank vor der Postbusstation, daheim im Wohnzimmer. Kurz ausrastet, die Bank zerhackt, die öffentlich grünenden Birken mit der Flex durchsägt, zum Countdown mit Gerri ins örtliche Schwimmbad entweicht – wo minutenlang unklar bleibt, ob er ihn nicht ersäufen wird: bis sich Schmerz, Wut, Traumata und Psychosen im Wasser auflösen. Die Kindheitsfreunde weißgewaschen gemeinsam einer Art Erlösung entgegenblödeln. Während Braunschlag wegen Verstrahlung evakuiert wird, bleiben sie beisammen. Zwei Männer alleine auf einer Insel. Adam & Adam. Amen.

Natürlich liegt das Haus, das den Schauspieler Ofczarek „erdet“, im Waldviertel. Ganz oben bei Heidenreichstein an der tschechischen Grenze, aber „Danke, St. Pölten für die guten Straßen! – ist es in eindreiviertel Stunden zu erreichen. Es ist jetzt „richtig“ fertig. Tochter Maeve, das „Vaterkind“, das mit 13 auch schon zu den Jugendlichen gehört (als er das sagt, zittert leise Bewegung durch die Stimme), bekam noch ein Dachzimmer, ganz zuletzt wurde, wie’s ortsüblich ist, die Fassade gemacht. Niki fährt oft nur für einen Tag hinauf in die Stille.
Geborgenheit für einen, der durch den Beruf der opernsingenden Eltern permanent übersiedelt wurde, ständig die Schulen wechseln musste. „Bei meiner Tochter konnte ich das zum Glück vermeiden“, ist er stolz. Total. Auf sein „soziales ungemein höfliches freundliches Kind, das man nur bestärken kann, ihm die Sicherheit geben, dass es richtig ist, was es – von selber – tut.“ Er sei mehr Begleiter als Erzieher.

Keine Dramen daheim heißt Rückenfreiheit für die Kunst. Auf der Bühne, in Film und Fernsehen. Niki Os anarchischer Humor, Lebensmittel jeder Satire, wucherte in der Parodie von ORF-Stiftungsrat Niko Pelinka, damals im Dezember, als Niko fast Büroleiter von ORF-Direktor Alexander Wrabetz geworden wäre. Das einzig Gute, was über das ganze Qui-Pro-Quo zu sagen ist: Schön, dass Sendungen wie „Wir Staatskünstler“ möglich sind. Die Außenwirkung dieser Parodie war enorm, Ofczarek lernte Pelinka, den er vorher nur einmal zufällig auf einer Charity gesehen hatte, näher und ein bissl unangenehmer kennen. Okay, ist auch schon gegessen.

Ob und welcher Art Herbst-Auftritte in der Staatskünstler-Satire bevorstehen, weiß der Mann mit dem Charakterkopf noch nicht. Fix ist, dass er „Ulysses“, James Joyce Roman über einen einzigen Tag, am 1. September mit Corinna Harfouch, Karl Markovics und einer Percussionistin im Theater an der Wien aufführen wird. Seit die Rechte frei sind, profilieren sich die größten deutschen Schauspieler daran. Ofczareks vereinfachende Begründung: „Da ich mütterlicherseits halber Ire bin.“ Fix ist, dass er mit Burgchef Matthias Hartmann TschechowsOnkel Wanja“ fürs Akademietheater im November erarbeiten wird. Und der Dezemberstart des Films „Jesus loves me“, in dem er den Satan gibt. Doch, er glaubt an Gott, konfessionslos. Die Tochter ist nicht getauft, aber da ihr frei stand, den Religionsunterricht in der Piaristenschule zu besuchen, tut sie’s mit Begeisterung. Über ihren Glauben soll sie selbst entscheiden. Scheint alles ganz einfach zu sein, in guten Momenten.