Die mächtigste Frau der Formel 1
Die Österreicherin Monisha Kaltenborn spricht im KURIER-Interview über größer werdende Verantwortung.
Die Welt der Formel 1 ist eine Männerwelt. Schnelle Autos, reiche Fahrer und Damen, die als optischer Aufputz durch die Boxengasse stöckeln. Und dann ist da Monisha Kaltenborn. Die 41-jährige Wienerin mit indischen Wurzeln ist Geschäftsführerin bei Sauber und wird in absehbarer Zukunft das Amt von Teamchef Peter Sauber übernehmen.
Als erste Frau überhaupt wird sie spätestens im kommenden Jahr ein Formel-1-Team führen. Im Motorhome von Sauber bestellt sie einen Tee und nimmt sich dann Zeit für das KURIER-Gespräch.
Gratulation zum ersten Sieg. Chelsea hat die Fußball-Champions-League gewonnen.
Monisha Kaltenborn: Aja, danke! Die Kooperation von Sauber mit Chelsea ist kein Mysterium (das Chelsea-Wappen prangt auf den Autos, dafür wirbt Sauber im Stadion an der Stanford Bridge) . Wir haben damit eine Plattform geschaffen für zwei Teams aus zwei Sportarten, die weltweit am meisten verfolgt werden. Von den Dimensionen her ist das gigantisch. Diese neue, große Community kann man auf verschiedenen Ebenen nützen. Zum einen auf der kommerziellen Seite: Einem neuen Sponsorpartner kann man die große Plattform anbieten. Darüber hinaus gibt es den sportlichen Teil, auch da können wir viel untereinander austauschen.
Ab wann werden Sie das Team als Chefin übernehmen?
Der Termin steht nicht fest und auch nicht im Vordergrund. Herr Sauber hat immer gesagt, dass er mit 70 nicht mehr an der Boxenmauer stehen will. 70 wird er erst nächstes Jahr.
Was wird sich an Ihren Aufgaben ändern?
Ich bin jetzt schon überall eingebunden. Aber die Verantwortung ist größer, wenn man am Rennwochenende einem Team vorsteht. Und natürlich ist es auch eine repräsentative Tätigkeit.
Was kann ein guter Teamchef bewirken?
Ein Chef sollte sein Team so aufstellen, dass es eigenständig arbeiten kann, ohne geführt werden zu müssen. Der Teamchef hat die Aufgabe, einen Rahmen zu schaffen. Auch – aber nicht nur – finanziell. Und er muss Ziele setzen. Unser Ziel ist klar. Wir wollen nach oben.
Wo sehen Sie Sauber in fünf Jahren?
Ganz vorne. Jeder, der in der Formel 1 arbeitet, hat so ein Ziel. Man muss sich nur trauen, es auszusprechen. Wir haben auch nach dem Ausstieg von
BMW im Jahr 2009 noch immer die Ressourcen und das Know-how. Es hindert uns niemand daran, das alles zu nutzen.
Männerwelt
Stimmen Sie zu, wenn ich sage: Die Formel 1 ist eine Welt der Machos?
Das ist so, ja. Das gehört aber auch irgendwie zum Image dazu und es kommt ja nicht schlecht an.
Werden Sie das Team übernehmen, weil Sie eine Frau sind, oder obwohl Sie eine Frau sind?
Die Frage des Geschlechts war weder ein Grund noch ein Hindernis. Peter Sauber und ich haben uns nie gedacht, dass wir so eine Entscheidung treffen "obwohl" ich eine Frau bin. Ich denke mir auch nicht: Jetzt will ich allen zeigen, dass ich es als Frau schaffen kann.
Haben Sie während Ihrer Zeit in der Formel 1 Widerstände gespürt, weil Sie eine Frau sind.
Gespürt habe ich es nie. Ob es aber Sprüche gab, weiß ich nicht. In den Funktionen die ich hatte, habe ich mich immer sehr im Hintergrund gehalten. Das war sicher ein großer Vorteil, weil man aus der Distanz das Große Ganze sehen kann. Daraus habe ich viel gelernt.
Was ist für Sie die Faszination Formel 1?
Für mich ist es die einzigartige Kombination aus drei Komponenten: Dem mit vielen Emotion verbundenen Sportlichen, der Technik auf diesem extrem hohen Level und dem Kommerziellen.
Was ist das Spezielle an Monte Carlo?
Das ist die gesamte Atmosphäre. Wenn man mit der eigenen Tätigkeit dann so in diese Stadt integriert wird, ist das schon sehr eindrucksvoll.
Familienmensch
Sie haben zwei Kinder im Alter von zehn und sieben Jahren. Was sagen die, wenn ihre Mutter so viel unterwegs ist?
Gut finden sie es nicht. Und das ist gut so, dass sie es nicht gut finden. Aber ich rede sehr viel mit ihnen, wenn ich wieder einmal weg muss und ich telefoniere mit ihnen, damit sie nicht das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Im letzten Jahr waren sie zum ersten Mal mit mir bei einem Rennen. Sie haben gesehen, wie ich arbeite und was hier alles passiert. Das Rennen hat sie viel weniger interessiert als das Rundherum.
Sie sind in Indien geboren, in Österreich aufgewachsen, haben einen Deutschen geheiratet, leben in der Schweiz und reisen das ganze Jahr um die Welt. Sind Sie Weltbürgerin?
Nein. Ich fühle mich dorthin zugehörig, wo ich die meisten Erlebnisse hatte, die einem bleiben. Und das ist Österreich,
Wien. Hier war ich in der Volksschule und im Gymnasium, das hat mich geprägt. In Wien wohnen noch meine Eltern, da kenne ich mich aus, da fühle ich mich zu Hause. Aber natürlich ist zu Hause auch dort, wo die Familie ist.
Wer gewinnt am Sonntag?
Vielleicht gibt es den sechsten Sieger im sechsten Rennen. Warum soll es nicht auch für uns möglich sein?
Zur Person: Die Weltenbummlerin
Monisha Kaltenborn wurde am 10. Mai 1971 in Dehradun/Indien geboren. Als Achtjährige emigrierte sie mit ihrer Familie nach Wien, wo sie zur Schule ging und schließlich ihr Jus-Studium abschloss. Seit 1998 ist sie für das Schweizer Sauber-Formel-1-Team tätig, seit Anfang 2010 als Geschäftsführerin, spätestens im kommenden Jahr soll sie Teamchefin werden. Die Österreicherin ist mit einem Deutschen verheiratet, hat zwei Kinder (10 und 7 Jahre) und lebt in der Schweiz in der Nähe des Sauber-Werks in Hinwil.
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