Wahlen in Ägypten: Muslimbrüder vor Niederlage
15 Monate nach dem Sturz von Präsident Mubarak wählen die Ägypter am Mittwoch einen Präsidenten. Fünf von 13 Kandidaten sind im Rennen um den Einzug in die Stichwahl.
Die Muslimbrüder hatten nach Mubaraks Sturz Lunte gerochen. Die Bewegung, die unter dem Langzeit-Präsidenten verboten war, wollte durchstarten. Das tat sie auch und gewann 47 Prozent bei den Parlamentswahlen.
Die Partei hat die Früchte geerntet, die sie nicht gesät hat – und hat sie wieder verspielt. Während man im Parlament um Kleinigkeiten stritt, ging es Ägypten immer schlechter. Auf den Straßen herrschte wieder Chaos, die Wirtschaft schrumpfte.
"Es ist zwar zu früh, zu sagen, die Muslimbrüder hätten das Vertrauen der Ägypter verloren, doch zumindest haben sie in den letzten Monaten nicht entschieden überzeugt", sagt Asiem El Difraoui von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Es sei möglich, dass sie bei der Wahl eine starke Abmahnung bekommen.
Vor allem einer macht die Brüder nervös, der bis vor Kurzem noch einer von ihnen war: Präsidentschaftskandidat Abdel Moneim Aboul Futuh. Seit seinem Ausscheiden aus der Partei ist er auch für Liberale und Intellektuelle wählbar. Während Mursi in Umfragen auf kaum zehn Prozent kommt, schafft Futuh fast das Doppelte.
"Das Dilemma der Muslimbrüder ist die Schwierigkeit, als vormals einzige Massenbewegung zu einer politischen Partei zu werden", so El Difraoui. Es seien weitere Abspaltungen möglich. Innerhalb der Partei, die hauptsächlich von alten Männern geführt wird, herrscht zudem ein Generationenkonflikt.
"Die Muslimbrüder sind nach wie vor vermutlich die stärkste Kraft in Ägypten", sagt der Experte. "Doch die Frage ist, ob man ihr einen kompetenten Präsidenten zutraut. Die Ägypter schwanken stark zwischen dem Wunsch des politischen Islam und einem Präsidenten, der für Stabilität sorgt und das Land wirkungsvoll im Ausland vertritt."