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© Bild: Reuters/DAVID MDZINARISHVILI
Kiew
26.01.2014

Ausschreitungen nach „unmoralischem Angebot“

Vitali Klitschko lehnte das Angebot der Regierungsbeteiligung ab – die Krawalle gehen weiter.

Es war ein zweifelhaftes Angebot: Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch - jene zentrale Person, gegen die sich der Protest in der Hauptstadt richtet - wollte seine Gegner ins Boot holen. Er bot der Opposition rund um Ex-Boxer Vitali Klitschko eine Regierungsbeteiligung an.

Die Reaktion war wenig wohlwollend: „Wir werden nicht von unseren Forderungen abweichen und auf bestehen auf die Abhaltung von Präsidentschaftswahlen noch in diesem Jahr“, sagte Klitschko kurz nach Bekanntwerden des Angebots. Auch der frühere Außenminister Arseni Jazenjuk, der nach Wunsch Janukowitschs das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen hätte sollen, schloss sich dem an: Er meinte, die Opposition sei zwar bereit, die Regierung zu übernehmen - aber nur, um das Land dann in die Europäische Union zu führen. Seine Bewegung habe keine Angst, Verantwortung zu übernehmen. „Aber wir glauben der Staatsmacht kein einziges Wort“, rief Jazenjuk, Chef der Vaterlandspartei der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko.

Auch Oleg Tjangnibok von der rechtsextremen Freiheitspartei (Swoboda), die mittlerweile zahlreiche ihrer Anhänger auf dem Maidan versammelt hat, kündigte unter dem Jubel der Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz an: "Der Kampf geht weiter."

Protest als Antwort

Die Demonstranten ließen sich von den Versprechungen nicht beeindrucken: Das Angebot an die Opposition sah nämlich auch eine Straffreiheit für all jene vor, die bei den seit Wochen andauernden Protesten festgenommen worden waren. Im Gegenzug sollten alle blockierten Plätze und Gebäude im Zentrum von Kiew geräumt werden. Janukowitsch hatte auch eine Verfassungsänderung mit gestärkten Rechten für das Parlament in Aussicht gestellt; etwas, was die Opposition seit langem fordert – ebenso wie die Änderung der zuletzt verabschiedeten Gesetze zur Einschränkung der Demonstrations- und Pressefreiheit an.

Kongresszentrum besetzt

Die Demonstranten antworteten mit anhaltendem Protest: Sie erstürmten das von den Sicherheitskräften genutzte Kongresszentrum in der Nähe des Europaplatzes; Tränengas und Blendgranaten kamen zum Einsatz. Wie das ukrainische Fernsehen berichtete, verließen rund 200 Sicherheitskräfte das Ukrainische Haus am Sonntag über einen Seiteneingang. Laut Innenministerium ist eine "Reserveeinheit" der Sicherheitskräfte aus dem früheren Lenin-Museum abgezogen worden.

Damit hätte eine Eskalation der Lage vermieden werden sollen. Die Sicherheitskräfte hätten sich nicht provozieren lassen und mit "Zurückhaltung" reagiert, erklärte das Ministerium. Klitschko, der sich vor Ort aufhielt, bestätigte die Einnahme des Gebäudes. "Das Ukrainische Haus wurde ohne Blutvergießen eingenommen." Seinen Angaben zufolge wollen die Regierungsgegner das Gebäude jedoch nicht selbst nutzen, sondern nur die Eingänge bewachen, damit die Sicherheitskräfte nicht zurückkehren können.

Das weitgehend leer stehende Gebäude, das während der Proteste von den Sicherheitskräften als Quartier genutzt wurde, war in der Nacht von etwa 2.000 Demonstranten angegriffen worden. Einige drangen in das Gebäude ein und warfen Molotowcocktails, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. Die Polizisten setzten Wasserwerfer und Blendgranaten ein. Zahlreiche Fensterscheiben wurden zertrümmert.

Fernsehberichten zufolge waren in der Früh noch Hunderte Demonstranten vor Ort, die Lage hatte sich jedoch beruhigt. "In den Büros wird Essen und heißer Tee ausgegeben, hier können sich unsere Kampfgenossen aufwärmen", sagte eine Sprecherin der Regierungsgegner. In Kiew herrschte am Sonntag in der Früh strenger Frost bei etwa minus 20 Grad.

Hintergrund

Sergej hat den Schal weit über die Nase und die Haube tief ins Gesicht gezogen. Darüber trägt er einen orangefarbenen Bauhelm. Seine Arme lehnen auf einer mannshohen Eisenstange. Sergej steht breitbeinig auf den Barrikaden in der Grushewskogo-Straße, bereit zu kämpfen. Wieder und wieder. Seit Sonntag ist er hier. Er sieht aus, wie alle an diesem Ort. Und doch gibt es einen kleinen Unterschied, den nur Sergejs Beinkleider verraten – er trägt ein Kleid: Sergej ist Geistlicher der ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats und lacht selbst darüber, dass er ein bisschen wie ein japanischer „Ninja“-Kämpfer aussieht.

Beten und schweigen

Die ukrainische Orthodoxie ist allgegenwärtig in diesem Aufstand gegen die Führung in Kiew – nicht nur auf den Barrikaden. Auch davor. Jeden Tag marschieren Popen durch die Linien, um sich zwischen die Fronten zu stellen und zu beten. Das drohende Klopfen von Eisenstangen auf Beton oder auf Eisenfässern hört dann auf. Es wird still, Schweigen tritt ein. Die Drohgebärden haben Pause.

Und wenn es dann wieder losgeht, sind es zwischen patriotischen Liedern, die hier und überall im Protestlager gesungen werden, vor allem auch geistliche Gesänge, die Menschen jeden Alters anstimmen.

Für das Kiewer Patriarchat ist der Aufstand in der Ukraine je nach Sichtweise ein Überlebenskampf oder ein Triumph. Seine tiefe Involvierung in den Protest aber verdeutlicht vor allem auch eines: Wie gespalten dieses Land ist. Drei große christliche Gemeinden existieren in der Ukraine: Die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche, die ukrainisch-orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchats sowie die ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats. Erstere überwiegen in der Westukraine und kommen einander kaum in die Quere.

Die ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats ist die mit Abstand größte und finanziell am besten ausgestattete religiöse Gemeinschaft der Ukraine. Sie dominiert den Osten des Landes. Wenn sich die Angehörigen der Regierung Janukowitschs in Gotteshäusern zeigen, so gehen sie in Kirchen des Moskauer Patriarchats. Zwischen dem Moskauer und dem Kiewer Patriarchat herrscht milde ausgedrückt Eiszeit.

„Letzte Zuckungen“

In einem kleinen Kirchenbau gegenüber dem weltbekannten Höhlenkloster Lavra in Kiew sitzt Iwan Wolodimirowitsch Zorja, Erzbischof (Kiewer Patriarchat) von Tschernigiw. Detail am Rande: Lavra untersteht dem Moskauer Patriarchat. „Es geht um die Unabhängigkeit dieses Landes“, sagt Zorja auf die Frage der Motivation hinter dem massiven Engagement des Patriarchats bei den Protesten. „Die Kirche ist mit den Menschen, weil ohne Menschen gibt es keine Kirche“, sagt er. Um Politik gehe es da nicht. Viel eher um Würde angesichts der massiven Gewalt seitens der Staatsorgane und die Abwehr eines, wie er sagt, wachsenden russischen Einflusses. Was derzeit in Kiew vor sich gehe, das nennt Zorja die „letzten Zuckungen der ohnehin schon toten Sowjetunion“. Zugleich sei es aber auch „ein Kampf um unsere Existenz“.

Ein solcher ist es aber auch für das Moskauer Patriarchat. Kiew, das ist im orthodoxen Christentum eine heilige Stadt. Von hier aus wurde die mittelalterliche Region um Kiew christianisiert – zu einer Zeit, als Moskau noch gar nicht existierte. Zorja sagt: „Ohne Kiew hat die russische Orthodoxie keine Mutter mehr.“ Und die gegenwärtige Situation sei für das Moskauer Patriarchat nicht gerade hilfreich.

Ärger der Gläubigen

Vertreter des Moskauer Patriarchats in Kiew haben sich weit hinausgelehnt und klare Unterstützung für Präsident Viktor Janukowitsch bekundet. Bei vielen Gläubigen kam das jedoch nicht gut an. Und Vertreter der Patriarchats auf regionaler Ebene bekundeten zum Teil lautstark Protest gegen eine so eindeutige politische Positionierung.

Das Kiewer Patriarchat indes hat sich festgelegt. Geistliche wie Sergej kämpfen aber als Individuen und nicht als Kirchenvertreter auf den Barrikaden der ukrainischen Hauptstadt. Das Ziel des Aufstands, den Sturz der Regierung, würde das Kiewer Patriarchat aber begrüßen.

Von „Märtyrern“ spricht Sergej, wenn er über die Leute erzählt, die auf der Grushewskogo-Straße seit Sonntag gestorben sind und von „Helden“, wenn er die meint, die trotz beißender Kälte noch immer hier sind. Er selbst sagt: „Ich bin hier, um zu sterben.“ Er zippt die Jacke auf, deutet wortlos auf ein großes goldenes mit Steinen besetztes Kreuz, das er um den Hals trägt. Er lächelt, zippt die Jacke wieder zu und legt die Hände auf seine Eisenstange.