Schlacht um Damaskus
Syrien: Die Gegner von Bashar al-Assad sind mittlerweile so stark bewaffnet, dass sie das Regime in der Hauptstadt herausfordern können.
Mit Unterstützung von Kampfpanzern und Hubschraubern versuchten die Truppen von Bashar al-Assad am Dienstag die Kontrolle über zwei Bezirke der Hauptstadt Damaskus zurückzugewinnen – doch sie stießen auf starken Widerstand. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) starteten sogar Gegenangriffe: Einen der Militärhubschrauber wollen sie abgeschossen haben. Der syrische Generalstab verlegte nicht nur sein Hauptquartier in einen Bunker im Stadtzentrum, er soll laut israelischen Quellen auch Streitkräfte vom Golan abziehen, um sie in Damaskus einsetzen zu können.
Zuvor hatte das FSA-Kommando zu einer landesweiten Offensive unter dem Namen "Damaskus Vulkan und Erdbeben Syriens" aufgerufen. Sämtliche Posten der Armee, der Geheimdienste und der regierungstreuen Shabiha-Miliz sollten eliminiert werden. Am Dienstag kündigte die FSA dann die "Befreiungsschlacht von Damaskus" an: Man könne sich auf Überraschungen gefasst machen.
Neues Selbstbewusstsein
Die martialische Rhetorik ist natürlich Teil der Kriegspropaganda, aus ihr spricht aber ein neues Selbstbewusstsein der Opposition. Dieses wächst parallel zur Feuerkraft. Es ist augenscheinlich, dass die Assad-Gegner immer besser bewaffnet sind. Sie verfügen jetzt über wirksame Panzerabwehrraketen.
Anfangs hatte die FSA lediglich die von Deserteuren mitgenommenen Waffen aus den Beständen der Armee gehabt. Später füllte sie ihr Arsenal durch Überfälle auf Militärkonvois und auf den Schwarzmärkten im Irak und im Libanon auf. Jetzt werden die Aufständischen offenbar von Libyen, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten versorgt. Westliche Geheimdienste sollen bei der Verteilung der Waffen mitmischen.
Umstrittene Aufrüstung
Die Aufrüstung der Assad-Gegner ist umstritten, denn zu den vielen Überläufern aus den Reihen der Armee gesellen sich auch Zivilisten mit höchst unterschiedlichen Motiven, ausländische Kämpfer und Islamisten. Schätzungen gehen von mittlerweile etwa 40.000 bewaffneten Oppositionellen aus.
Nicht nur dem Regime, auch der von Sunniten dominierten Freien Syrischen Armee werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. So soll es immer wieder zu gezielten Übergriffen auf Christen und Alawiten kommen. Und im Fastenmonat Ramadan, der am Freitag beginnt, wird eine weitere Eskalation der Gewalt befürchtet.
Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan bemühte sich am Dienstag in Moskau, Wladimir Putin von einem gemeinsamen Vorgehen zu überzeugen: Syrien stünde nun am Scheideweg, so Annan. Doch Russlands Präsident lehnt weiter jede Sanktionsdrohung ab. Dafür wünscht er eine Verlängerung der UNO-Beobachtermission, deren Mandat am Freitag ausläuft. Die westlichen Länder im Weltsicherheitsrat wollen es aber nur verlängern, wenn der Druck auf Assad durch wirtschaftliche Sanktionen glaubhaft verstärkt wird. "Alles andere hat keinen Sinn", sagte ein europäischer Diplomat in New York. Bisher habe Kofi Annans Friedensplan nichts gebracht. Militärische Pläne, wie von Russland behauptet, gebe es nicht. Am Mittwoch soll über die Zukunft der Beobachtermission entschieden werden.
Angst vor den riesigen Chemiewaffen-Arsenalen
Für den übergelaufenen syrischen Botschafter in Bagdad ist klar: Als letztes Mittel würde Machthaber Bashar al-Assad nicht davor zurückschrecken, in den Chemiewaffen-Schrank zu greifen und "das gesamte syrische Volk auszulöschen", sagt Nawaf Fares. Laut einem Bericht des amerikanischen Wall Street Journals hat das Regime schon damit begonnen, die Massenvernichtungswaffen aus den Lagern zu holen.
Wobei die Interpretation der Maßnahme vielfältig ist. Manche Experten meinen, dass dies deswegen geschehe, um sie dem Zugriff der Rebellen zu entziehen. Andere sehen darin eine Vorkehrung, um bei einer etwaigen ausländischen Intervention weiter im Besitz der Arsenale bleiben zu können. Es könnte sich aber auch um eine Drohgebärde handeln, um Chaos zu stiften, oder tatsächlich um die Vorbereitung eines Massenmordes.
Syrien hat seit den 1980er-Jahren systematisch seine Chemiewaffen-Bestände aufgebaut und verfügt nach übereinstimmenden Experten-Einschätzungen über eines der größten C-Waffen-Lager. Laut CIA umfasst es unter anderem Senfgas, das schwere Hautschäden hervorruft, sowie das Nervengas Sarin, das schon in kleinen Dosen tödlich ist, und das Nervengift VX, das die Atemwege lähmt und binnen Minuten zum Tod führt.
Das syrische Militär kann Artilleriegeschoße und Raketen der Typen Scud-B und -C (Reichweite 500 km) mit den Giftstoffen bestücken. Bisher wurden sie angeblich in der Militärbasis Al-Safir gelagert, aber auch in den jetzt so umkämpften Städten Homs, Hama, Aleppo und Damaskus. Für den Fall, dass die C-Waffen in die Hände El-Kaida-naher Extremisten zu fallen drohen, stehen angeblich US-Sonderkommandos in Jordanien zum Eingreifen bereit.