Reportage: Antonia Rados aus Aleppo
Pausenlos donnern Bomben auf syrische Städte. Antonia Rados berichtet für den KURIER und hat sich in das umkämpfte Aleppo gewagt.
Es gibt einen Unterschied zwischen Bomben und Bomben: Wie ich da auf einer Matratze im Kinderzimmer einer Substandard-Wohnung in der syrischen Rebellenstadt Aleppo schlaflos liege, schwitze ich. Schuld daran ist zur Hälfte die drückende Hitze.
Die andere Hälfte geht auf das Konto von Präsident Assads Luftwaffe. Sie bombardiert ohne Unterlass.
Zuerst das Viertel Salahadin, weit weg von meinem Quartier, daraufhin nur noch ungefähr 150 Meter entfernt. Plötzlich das Unheil verkündende Pfeifen eines Artilleriegeschosses. Es schlägt in der Parallelstraße ein, 80 Meter entfernt.
Wenn meine Matratze nicht ohnehin am Boden liegen würde, wäre ich aus dem Bett gefallen. Wie betäubt ziehen Kameramann, Übersetzer und ich die kugelsicheren Westen an und gehen Richtung Treffer. Ein Haus wurde in tausend Teile gebombt. Es stand leer.
In Schutt und Asche
Im Vergleich zu Assads´ Krieg gegen Aleppo kommt mir der Irak-Krieg des früheren US-Präsidenten George W. Bush 2003 vor wie ein harmloses Video-Spiel, was er nicht war. Die Amerikaner warfen fast nur Präzisionsbomben ab.
Eine Methode, die Assads Militärs offenbar nicht kennen. Sie sind blind. Neben Wohnhäuser werden Schulen und Krankenhäuser in Schutt und Asche gelegt: Als würde Assad die ganze Bevölkerung dafür bestrafen wollen, dass Gruppen von Aufständischen die Stadt vor zwei Wochen eroberten und wider Erwarten Teile noch halten.
Als zwei Aufständische, meine Begleiter, mich nach der Nacht des Grauens in ihrem uralten VW mitnehmen, damit ich alles mit eigenen Augen sehe, muss ich mich daran erinnern: Wir leben nicht im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Solche Szenen dürfte es nicht mehr geben. Dass ein Diktator sein eigenes Volk bombardiert. Wohnungen brennen. Nachts Kinder nicht schlafen können.
Bei meiner Rundfahrt sehe ich eine Schar von Buben auf einem Balkon mich anstarren – Frauen sieht man in Aleppo kaum mehr. Die meisten Frauen und Kinder sind Hals über Kopf geflohen, in die nahe Türkei oder zu Verwandten aufs Dorf. Im Quartier, wo uns die Rebellen untergebracht haben, liegen Mädchen-Pyjamas herum.
Aleppos Männer hüten entweder ihren Besitz oder kämpfen gegen Assad, meistens tun sie beides. Früher war Aleppo das kommerzielle Zentrum von Syrien. Heute ist es eine Art Geisterstadt, wo keiner mehr schläft, als ich es tue.
Nie ohne Kalaschnikow
Jungen Kämpfern kann ich jedoch regelrecht ansehen, sie erleben gerade das größte und tödlichste Abenteuer ihres Lebens, Krieg: "Ich bin Student", erzählt mir ein 21-Jähriger. "Anfangs habe ich friedlich gegen Assad demonstriert. Weil seine Sicherheitskräfte auf uns schossen, habe ich mir eine Waffe besorgt." In seinem Fall eine Kalaschnikow, die Markenwaffe aller Rebellen auf der ganzen Welt, weil sie selten klemmt und weniger kostet als andere Waffen.
Jeder macht Krieg
Die Rebellen an ihrer Ausrüstung zu erkennen, ist in Aleppo unmöglich. Militärische Grade hat keiner. Jeder macht Krieg, wie er eben kann. Die sogenannte "Freie Syrische Armee", kurz FSA, ist am besten organisiert. In ihren Reihen sind viele desertierte Mitglieder aus Präsident Assads Armee.
Meine Aufständischen gehören zu einer unabhängigen Gruppe, wie ich zufällig herausbekomme. Wenn sie religiöse Fundamentalisten sind, dann verstecken sie es gut, denn sie beten alles andere als regelmäßig. Als sie mir etwas anvertrauen, sagt einer, alles sei eine Verschwörung der Amerikaner und der Israelis. Man wolle die Araber schwächen.
"Wie das", frage ich? Die USA würden nicht intervenieren, sagt ausgerechnet der Anti-Amerikaner, daher verblute das Land.
Immerhin sind meine Helfer ortskundig. Wer es nicht ist, braucht für die reine Nahrungsbeschaffung Stunden. Aber so ist immer ein Verwandter zu finden mit Zugang zum Notwendigsten wie dem kostbarsten aller Güter, Benzin.
Drei Euro pro Liter Benzin
Der Liter kostet drei Euro, ein Preis, der in Europa zur Stürmung von Tankstellen führen würde. In Aleppo unmöglich. Die meisten Tankstellen sind ausgebrannt. Händler verkaufen Benzin am Straßenrand, abgefüllt in Mineralwasser-Flaschen: "Kommt es aus der Türkei?", frage ich einen. "Nein", erwidert er zu meiner Überraschung, "aus Damaskus und Homs."
Offiziell ist die Straße in die syrische Hauptstadt Damaskus von der syrischen Armee blockiert, doch es wäre nicht der erste Krieg, wo die Fronten unklar wären.
Die geschundene Handelsmetropole Aleppo ist keine Ausnahme, sondern die Regel eines unübersichtlichen "asymmetrischen Krieges", wie der Fachausdruck lautet. Zwei ungleiche Gegner messen ihre Kräfte – die Rebellen haben keine Bomben, was nicht heißt, Assad kann siegen. Verlieren genauso wenig.
Schmutziger Krieg
Laien bezeichnen diesen Krieg als schmutzigen Krieg, was der Lage in Aleppo ziemlich genau entspricht. Wie Assad halten einige Rebellen, wenn auch in kleinerem Maße, Kriegsregeln für überflüssigen Luxus.
Videos im Internet zeigen, wie Gefangene von Aufständischen misshandelt werden. In einer Schule sehe ich, wie Bewaffnete sich da verschanzt halten – ein Bruch der internationalen Abkommen.
Inzwischen geht Aleppo den Weg jeder modernen Stadt ohne Strom, Wasser, Telefon und Müllabfuhr.
Tagsüber wird kaum gelebt, nachts wird gestorben.
Antonia Rados: Reporterin für RTL
Krisenreporterin Antonia Rados gehört zu den erfahrensten Reporterinnen im deutschen Sprachraum. 1978 begann sie beim ORF, seither berichtet sie von allen Krisenherden der Welt - und erhielt dafür zahlreichen Auszeichnungen. Rados lebt in Paris und bricht von dort zu ihren internationalen Kriseneinsätzen für den Sender RTL auf – dieses Mal wieder nach Syrien.
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