Obamas neues, altes Zuhause
Das Weiße Haus - von George Washington errichtet, diente es 43 US-Präsidenten als Wohn- und Arbeitsstätte.
Am meisten ärgern sich die Architekten, Baumeister und Spediteure in Washington, denn wenn ein neuer Präsident einzieht, floriert das Geschäft. Fast jeder neue Hausherr versucht dem Weißen Haus einen eigenen Stempel aufzudrücken, kaum einer übernahm die Einrichtung seines Vorgängers, immer wieder wurde umgebaut, erneuert, wurden Mobiliar, Geschirr und Gemälde ausgetauscht, wobei das Kommando meist die First Lady übernahm. Doch daraus wird diesmal nichts, Familie Obama bleibt im Weißen Haus.
Was heißt Haus – der Amts- und Wohnsitz des Präsidenten der USA ist ein riesiger Gebäudekomplex. Wir sehen immer nur – auch auf dieser Seite – den Mittelteil des Weißen Hauses, unsichtbar bleiben Ost- und Westflügel im Hintergrund sowie weitere Nebengebäude, die alles in allem 132 Zimmer, Swimmingpool, Fitnessraum und einen Kinosaal beherbergen, sich auf 5.100 Quadratmetern erstrecken und von prächtigen Gärten, einem Tennis-, einem Golfplatz und einem Basketballfeld umgeben sind.
Das 1. „Weiße Haus“
George Washington, der erste US-Präsident, begann 1792 mit dem Bau der Hauptstadt und legte im selben Jahr den Grundstein für das Weiße Haus. Es war ihm nicht mehr vergönnt, das vom Architekten James Hoban geplante Gebäude zu bewohnen, erst sein Nachfolger John Adams bezog es im November 1800 mit seiner Frau Abigail, die von ihrer neuen Adresse in der Pennsylvania Avenue 1600 gar nicht begeistert war. „Du musst es für dich behalten“, schrieb sie ihrer Schwester, „wenn Dich jemand fragt, sage, das Haus ist wunderbar. In Wahrheit ist es furchtbar ungemütlich.“
Die Residenz war freilich mit der heutigen nicht vergleichbar, sie verfügte, da der Kongress für den Bau nicht mehr Geld zur Verfügung stellte, über ganze sechs Zimmer. Das Haus gab’s auch nicht lange, es war noch nicht fertig eingerichtet, als es 1814 im Britisch-Amerikanischen Krieg von englischen Truppen durch einen Brandanschlag zerstört wurde. Erst der schon etwas größere Neubau erhielt einen strahlend weißen Anstrich, sodass er im Volksmund White House genannt wurde. Offiziell erhielt er diesen Namen 1901 durch Präsident Theodore Roosevelt, der seinen Wohnsitz um den heutigen Westflügel erweitern ließ, doch erst sein Nachfolger William Taft baute das legendäre Oval Office. Endlich waren Privat- und Arbeitsräume getrennt. Zwischen Schlafzimmer und Büro des Präsidenten liegen genau 100 Meter.
Staatsbesuch
Und doch war das Weiße Haus immer noch eine relativ kleine, im klassizistischen Stil errichtete Villa, als man 1939 den Empfang des englischen Königspaares vorbereitete. Der Staatsbesuch wurde zum Anlass, das Gebäude weiter auszubauen. Jetzt erst entstand ein repräsentativer Palast, dessen erster Stock der Präsidentenfamilie als Wohnung mit 20 Zimmern dient. Seit dieser Umgestaltung sagt man über den US-Präsidenten: „Er hat den härtesten Job der Welt, übt ihn aber in der angenehmsten Umgebung aus.“
Oval Office
Im Oval Office wurden weltpolitische Entscheidungen getroffen, doch nie stand der Raum so in den Schlagzeilen wie 1998, als bekannt wurde, was Präsident Clinton hier mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky getrieben hatte. Erst später erfuhr man, dass es bei John F. Kennedys White-House-Partys mindestens ebenso wild hergegangen ist. Im Oval Office hielt Richard Nixon 1974 infolge des Watergate-Skandals auch seine Abschiedsrede an die Nation.
Prunkvoller als das Oval Office ist der East-Room, der als offizieller Empfangssaal für Staatsbesuche dient und in dem auch alle im Amt verstorbenen Präsidenten aufgebahrt wurden. Frühere First Ladys missbrauchten den oft leer stehenden East-Room gerne zum Wäscheaufhängen, und Jimmy Carters kleine Tochter Amy entdeckte ihn fürs Rollschuhlaufen.
Scharfschützen
An keinem anderen Ort der Welt herrschen derartige Sicherheitsvorkehrungen wie im Weißen Haus. Das gesamte Anwesen wird von Scharfschützen, Beamten des Secret Service und Kameras bewacht. Unter dem Westflügel befinden sich zwei Kellergeschoße, die dem Präsidenten und seinem Stab in Notfällen zur Verfügung stehen. Ein solcher Fall trat bisher nur einmal ein: Während der „9/11“-Terroranschläge wurde das Weiße Haus evakuiert und Vizepräsident Dick Cheney samt Gefolgte – Präsident Bush war in Florida – im bombensicheren Bunker-Trakt untergebracht. Tatsächlich war am 11. September 2001 geplant, nach World Trade Center und Pentagon auch das Weiße Haus zu zerstören. Ein Absturz der entführten Boeing 757, die auf den Präsidentensitz zustrebte, verhinderte die Katastrophe im letzten Moment.
Umbauten
Michelle Obama richtete den Sitz des Präsidenten vor vier Jahren, wie die meisten ihrer Vorgängerinnen, neu ein, die größten Veränderungen in der Geschichte des Weißen Hauses führte aber Jacqueline Kennedy durch, als sie „aus einer Rumpelkammer die beste Kunstsammlung Amerikas“ machte und das Anwesen zum ersten Mal behaglich gestaltete. Abgesehen vom mehreren hundert Mitarbeitern, die in den Büros der Nebengebäude arbeiten, ist der mächtigste Mann der Welt auch sonst nie einsam: Das Weiße Haus wird im Jahr von 45.000 offiziellen Gästen und (in Führungen) von Zehntausenden Schaulustigen besucht.