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Politik/Ausland
20.05.2012

Lokalaugenschein in Kairo

In Ägyptens Hauptstadt herrscht vor allem eines – Unsicherheit.

Der Ataba-Platz mitten in Kairo an einem Samstagvormittag, kurz vor der Wahl: Zusammengeflickte Uralt-Busse und rostige Autos duellieren sich um den Vorrang auf den breiten Straßen. Ihre wichtigste Waffe dabei: die Hupe. Auf den ersten Blick ist Kairo nach der Revolution vor der Revolution – pulsierend, laut, bunt, chaotisch.

Wer einen zweiten Blick riskiert, bemerkt auf dem Markt, der sich durch die Gassen am Rande des Midan Ataba schlängelt, bärtige Männer zuhauf, begleitet von Augenschlitzen, die mutmaßlich ihre Frauen sind. Hier ist die Gesinnung an der Haarlänge ablesbar. Das war früher nicht so, berichten Leute, die seit Jahren hier leben.

Der Ataba-Platz liegt gerade noch im Stadtzentrum der Metropole, Touristen haben sich auch in für sie besseren Zeiten kaum hierher verirrt. Er gehört also ganz den Einheimischen. Marktbesucher mischen sich mit Militär, Polizei und Salafisten zu einem Menschengewurl. Eine ziemlich heruntergekommene Gegend mit Trödelläden, Müll und Slum-Behausungen.

Das war früher ganz anders: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Ataba das Zentrum des kommerziellen Kairos mit einem Nobel-Kaufhaus, das durchaus mit den "Galeries Lafayette" in Paris vergleichbar war. Vom Glanz geblieben ist nur das Gebäude – ein Jugendstil-Juwel, auf dem bis heute weithin sichtbar der Name des einstigen Eigentümers steht: Tiring.

Victor Tiring war Altösterreicher und k&k-Textilunternehmer. Er ließ sein Kairoer Kaufhaus vom Wiener Architekten Oscar Horowitz entwerfen. Befragt man die Händler, die jetzt auf dem Markt Kleider feilbieten, nach der Geschichte des Gebäudes hinter ihnen, schütteln sie die Köpfe. "Tiring?", sage ich zu Mohammed und zeige auf den Schriftzug. "Do you know him?" – "No", sagt er und will ohnedies viel lieber über die Revolution reden. Was er davon halte, frage ich den jungen Mann. "Wonderful", sagt er.

Gleichzeitig wandeln wieder Augenschlitze in bärtiger Begleitung an uns vorüber. Wonderful? Man wird sehen.

Wie es nach der Wahl weitergeht – keiner kann es sagen. Die Unsicherheit ist spürbar und gipfelt in dem Faktum, dass derzeit keiner etwas entscheiden will, um hinterher – nach der Wahl – nicht schuld zu sein, oder gar auf der falschen Seite gestanden zu haben. Stillstand, diagnostizieren die Kairoer, trotz aller Hektik im Außen.