Politik/Ausland

Terrorist aus IS-Video könnte Brite sein

Aus Rache für die amerikanischen Luftschläge hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Dienstag nach eigenen Angaben einen US-Journalisten enthauptet: Ein Video davon, das die Tötung des Fotografen James Foley zeigen soll, wurde auf Youtube veröffentlicht und später wieder entfernt. Der Reporter wird nach Angaben seiner Unterstützer seit 2012 vermisst. Er habe sich zuletzt in Syrien aufgehalten.

"Botschaft an Amerika"

Die Terroristen gaben laut der Washington Post an, Foley aus Vergeltung für die Militäroffensive gegen sie umgebracht zu haben. Es handle sich um "eine Botschaft an Amerika". Sollte Washington seine Luftschläge nicht einstellen, würden weitere Reporter sterben. In dem Video erscheint laut der Zeitung auch ein anderer US-Journalist, der ebenfalls während der Berichterstattung in Syrien verschwunden war.

Die irakische Regierung hat deshalb die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen aufgerufen. Die Dschihadisten seien nicht nur eine Bedrohung für einige Bevölkerungsgruppen im Irak, sondern für die ganze Welt, sagte Außenminister Hoshiyar Zebari am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Sein Land sei auf die Unterstützung anderer Länder angewiesen, um die Islamisten zurückzudrängen.

USA glauben an Echtheit

Die US-Regierung hält das für echt. "Wir sind zum Schluss gekommen, dass das Video authentisch ist", sagte die Sprecherin des Nationales Sicherheitsrates, Caitlin Hayden, am Mittwoch in einer Mitteilung. "Die US-Geheimdienste haben das jüngst veröffentlichte Video analysiert, das die US-Bürger James Foley und Steven Sotloff zeigt", so die Sprecherin.

Der britische Außenminister Philip Hammond stufte das Video inzwischen als echt ein. "Auf den ersten Blick scheint der Terrorist außerdem ein Brite zu sein. Wir werden noch weiter untersuchen müssen, um ganz sicher zu gehen, dass das der Fall ist", so Außenminister Hammond am Mittwoch zur BBC. Der maskierte Mann spricht auf dem Video Englisch mit einem britischen Akzent.

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US-Präsident Barack Obama hat die Enthauptung auf das Schärfste verurteilt. Der Tod Foleys "schockiert das Bewusstsein der gesamten Welt", sagte Obama am Mittwoch an seinem Urlaubsort Martha's Vineyard. Die Jihadisten hätten "keine Wertschätzung für menschliches Leben". Für die IS-Terroristen gebe es "keinen Platz im 21. Jahrhundert". Die USA würden weiterhin alles tun, um ihre Bürger zu beschützen.

Der britische Premierminister David Cameron verurteilte die Enthauptung ebenfalls, er sprach von einer "barbarischen und brutalen Tat".

Seit 2012 verschollen

Foley gilt als renommierter Fotograf, der als freier Journalist für verschiedene Redaktionen arbeitete. Zahlreiche seiner Kollegen äußerten sich in sozialen Medien bestürzt über seinen möglichen Tod. Unterstützer riefen dazu auf, das Video nicht anzuschauen oder zu teilen, um den Terroristen keine Genugtuung zu verschaffen.

Das Internet-Video zeigt zunächst Fernsehbilder von Obama, wie er die jüngsten Luftangriffe auf Stellungen der IS im Irak bekannt gibt. Anschließend ist ein kniender Mann zu sehen, bei dem es sich um Foley handeln soll. Dieser ruft seine Familie und Freunde auf, gegen die amerikanische Regierung als "eigentlichen Mörder" vorzugehen.

Ein zweiter, maskierter Mann mit einem Messer steht neben Foley. Dieser wirft den USA vor, bei den Luftangriffen Muslime getroffen zu haben. "Sie kämpfen nicht mehr gegen einen Aufstand", sagt er an die USA gerichtet. "Wir sind eine islamische Armee und ein Staat, der von einer großen Zahl von Muslimen weltweit anerkannt wird." Danach wird die Enthauptung gezeigt. Die Mutter des Journalisten, Diane Foley, hat sich auf Facebook zu dem Tod ihres Sohnes geäußert: "Wir sind nie stolzer auf unseren Sohn Jim gewesen." Und fügt hinzu: "Wir bitten die Entführer, das Leben der restlichen Geiseln zu verschonen. Wie Jim sind sie Unschuldige. Sie haben keinen Einfluss auf die amerikanische Regierungspolitik im Irak, in Syrien oder irgendwo sonst in der Welt."

"Das Leben dieses amerikanischen Bürgers, Obama, hängt von Ihrer nächsten Entscheidung ab."


In dem Video wird auch noch ein zweiter Gefangener vorgeführt, der in einem Schriftzug als Steven Sotloff identifiziert wird. "Das Leben dieses amerikanischen Bürgers, Obama, hängt von Ihrer nächsten Entscheidung ab", sagt der Maskierte. In dem Video werden arabische und englische Schriftzüge verwendet. Foley war fünf Jahre in Syrien tätig und wurde am 22. November 2012 von Unbekannten entführt. Sotloff wird seit Juli 2013 vermisst, ebenfalls in Syrien.

Dort und im benachbarten Irak hat der Islamische Staat große Landstriche unter seine Kontrolle gebracht und ein grenzübergreifendes Kalifat ausgerufen. Die Gruppe geht mit großer Härte gegen Andersgläubige vor - die USA haben damit begonnen, Waffen an die Kurden im Nordirak zu liefern, die gegen die IS kämpfen.

Österreich startet am Donnerstag mit Hilfslieferungen

Indes werden am Donnerstag die ersten Hilfslieferungen aus Österreich Richtung Krisenregion geflogen. Aufgrund der großen Not im Irak sei es Österreichs Regierung "wichtig" gewesen, "schnell und unbürokratisch zu helfen", erklärte SPÖ-Verteidigungsminister Gerald Klug in einer Militärkommando-Aussendung.

Eine C-310 Transportmaschine "Hercules" soll Donnerstagfrüh vom Flughafen Hörsching aus in Richtung Leipzig oder in die Türkei starten. Von dort aus sollen Hilfspakete mit medizinischer Erstversorgung für bis zu 100.000 Menschen von einer deutschen Transportmaschine gemeinsam mit anderen Hilfsgütern in den Irak geflogen werden. Die medizinischen Hilfsgüter würden etwa für die Dauer von drei Monaten ausreichen.

Am späten Dienstagabend platzte via Twitter eine emotionale Bombe. Reihenweise gingen Nachrichten von einem gewissen James Foley ein. „Enthauptet“, „schaut euch das Video nicht an“, „verbreitet keine Bilder“ lautete der panische Chor westlicher Journalisten und Nutzer. Was war passiert?

Register der medialen Kriegsführung

Die Terrormiliz Islamic State (IS) hatte den seit 2012 in Syrien entführten US-Fotografen offenbar bestialisch ermordet. Die Gruppe stellte das Video online und zog dann alle Register der medialen Kriegsführung. Das Material wurde auf Twitter gestellt, wo der Schneeballeffekt des Horros eintrat: Bildausschnitte sind auf dem Kurznachrichtendienst oft auch dann zu sehen, wenn die User Links weiterverbreiten. In der Schnelle des Mediums wird oft schneller geklickt und geteilt, als man denken kann.

Am Dienstag passierte dennoch Bemerkenswertes: Eine große Zahl von Usern mobilisierte gegen die Weiterverbreitung des graufenhaften Propagandamaterials. Der Hashtag #ISISmediaBlackout verbreitete sich ebenso rasend wie das IS-Video und die Teilnehmer plädierten dafür, dem Kalifaten-Terror-Regime nicht auf den Leim zu gehen, indem man seine Bilder weiterverbreite, so erbarmungswürdig grausam die auch sein mögen. "In Momenten wie diesen sind die Nutzer gefragt", schrieb Süddeutsche de am Mittwoch.

Dilemma für Journalisten

Ein Erfolg der Zivilgesellschaft auf sozialen Netzwerken, die allzu oft Propaganda aus dem Druckkochtopf Naher Osten gedankenlos weiterverbreitet hatte. Was wiederum die Journalisten vor ein Dilemma bei der Bildauswahl stellt: Der dokumentarische Charakter der Aufnahme ist unbestritten wichtig. Auch Selbstzensur ist eine Beschränkung der Meinungsfreiheit, wobei der perfide Propaganda-Schlachtzug der IS-Terroristen natürlich genau diese Nebenfront im Visier hat: Wenn Medien und Bürger sich in ihrer Informationsfreiheit beschränken, um einem Außenfeind keinen Punkt machen zu lassen, zieht das unweigerlich Konsequenzen nach sich. Ähnlich wie die Hochrüstung der Sicherheitsapparate bis zum Schuhe-Ausziehen am Flughafen nach 9-11 handelt es sich um einen indirekten Angriff auf ein liberales System, das sich selbst ein Stück Offenheit und Freiheit nehmen muss.

"Dokumentarisch" greift zu kurz

Dennoch: Die Bilder, die auch von Nachrichtenagenturen und herkömmlichen Medien (auch Kurier.at ) von der Hinrichtungsszene verbreitet werden, sollten journalistisch sorgfältig behandelt werden. Und als das betrachtet werden, was sie sind: Die Inszenierung einer blutrünstigen Mörderbande. Filmstills, in denen James Foley mit rasiertem Schädel in einer orangen Uniform vor seinem Häscher kniet, sind kein journalistisches Produkt, sondern reines Propagandamaterial, in der ein Mensch in den letzten Minuten seines Lebens auf schändlichste Weise die letzte Würde genommen wird. Die Verbreitung rein unter dem Blickpunkt des „Dokumentarischen“ greift hier zu kurz. Um ein krasses Gegenbeispiel zu nennen: Niemand käme auf die Idee, Standbilder aus beschlagnahmten Kinderpornos „aus dokumentarischen“ Zwecken zu schildern, so aufsehenerregend der berichtete Fall auch sein mag.

Ein Kollege, der Foley kannte, schreibt in einem Beitrag, dass es dem Leben des leidenschaftlichen Reporters einen schlechten Dienst erweisen würde, wenn man die Umstände seines Todes verschweigen würde. Er beschreibt den Amerikaner als kompromisslosen Berichterstatter, der bereits im lybischen Regime Muammar Gaddafis für ein Monat in Gefangenschaft geriet. Es hielt ihn nicht davon ab, aus Syrien zu berichten. Es stellt sich dennoch die Frage, wie man das Bildmaterial sorgfältig in die Berichterstattung einordnet und dem reißerischen Charakter der Inszenierung nicht zuviel Raum gibt.

Einen möglichen Hinweis gibt uns die Mutter des Ermordeten: "Wir waren noch nie stolzer auf unseren Sohn. Er hat sein Leben dafür gegeben, der Welt das Leiden des syrischen Volkes zu zeigen", schreibt Diane Foley. Einen schöneren Appell für die Freiheit der Presse könnte es nicht geben. Das sollte eigentlich medial höher bewertet werden als die Niedertracht einer gemeinen Mörderbande.

Mehrere Vertreter der Yeziden haben am Mittwochvormittag im Rahmen einer Veranstaltung der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG) im Concordia Presseclub Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und die österreichische Bevölkerung angesichts der Massaker an der religiösen Minderheit im Nordirak um Hilfe gebeten.

Bevor die Veranstaltung begann, wurden im Gedenken an die Toten im Nordirak einige Schweigesekunden abgehalten. Danach stellte die Obfrau des Vereins der Yeziden in Österreich, Sandos Solamen, einen Blumenstrauß zu einer Pinnwand mit Abbildungen von yezidischen Kindern.

"Nicht alle Muslime sind in einen Topf zu werfen."


"Nicht alle Muslime sind in einen Topf zu werfen. Ich denke, dass der Islam eine friedliche Religion ist. Aber seit 2. August 2014 begann die (sunnitische Extremistenorganisation, Anm.) IS, die Kontrolle über die Yezidengebiete zu übernehmen. Sie stellten unseren Glaubensbrüdern ein Ultimatum. Entweder sie mussten Moslems werden oder sie wurden brutal ermordet", berichtete Solamen.

Das schreckliche Trauma wurde dadurch verschlimmert, dass yezidische Frauen als Sexsklavinnen gehalten und Männer lebendig begraben wurden. "Die Frauen wurden vor ihren eigenen Familien vergewaltigt und dann geköpft", so Solamen weiter. Sie gab auch zu bedenken, dass 200.000 Yeziden geflüchtet seien und viele von ihnen Selbstmord begangen hätten. Einige seien auch verhungert, weil sie sich ohne Brot und Wasser auf den Weg in die Berge gemacht hätten.

Die Petition, die die Vertreter vorbereitet hatten, war von mehreren hochrangigen Yeziden-Vertretern unterzeichnet worden. "Wir haben vier Hauptforderungen. Erstens brauchen wir dringend humanitäre Hilfe. Dann bitten wir um die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa und in Österreich. Zudem soll eine humanitäre Schutzzone errichtet werden in der Region. Letztlich ist es wichtig, dass eine Untersuchungskommission die Ereignisse der letzten Wochen im Nordirak und insbesondere die Massaker an den Yeziden überprüft", meinte Alo Schwan, der Vertreter der Shingal Gemeinde, der aus Deutschland angereist war.

Massaker

Direkt von den Massakern betroffen zeigte sich der seit Ende 2010 in Deutschland lebende Studentenvertreter Rashid Masoud. "Ich habe mehrere Mitglieder meiner Familie verloren. Seit zwei Wochen essen wir kaum. Meine Mutter liegt seit vier Tagen im Krankenhaus. Nach Telefonaten mit dem Irak habe ich erfahren, dass die beiden Töchter meiner Onkels entführt wurden. Mein Appell ist daher, den Völkermord sofort zu stoppen", forderte er.

Birol Kilic, der Leiter der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich, schloss sich dem Appell an und meinte, dass er die Yeziden-Vertreter aus Europa eingeladen hätte, um den Journalisten deren Lage zu präsentieren. "Ich rufe alle Muslime auf, sich von der Terrorgruppe IS zu distanzieren und Jugendliche aufzuklären. Denn die haben mit dem Islam nichts zu tun. Vor allem die Menschen aus der Türkei müssen aufstehen und sagen, dass hier ein schrecklicher Genozid passiert", erklärte Kilic.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein Video von einem Mord veröffentlicht. Die jüngsten Bilder, die die Terroristen ins Internet gestellt haben, sollen die Enthauptung des US-Journalisten James Foley zeigen. Extremisten setzen Geiseltötungen vor laufender Kamera seit Jahren als Propagandamittel ein.

PAKISTAN, Februar 2002: Der US-Journalist Daniel Pearl wird vor laufender Kamera ermordet. Laut "Washington Post" ist auf einem Video zu sehen, wie ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Pearl hatte an einem Artikel über Terrorismus gearbeitet, als er entführt wurde.

IRAK, April 2004: Islamisten erschießen den Italiener Fabrizio Quattrocchi. Ein Film über den Mord wird ins Internet gestellt.

IRAK, Mai 2004: Der US-Geschäftsmann Nicholas Berg wird enthauptet. Das veröffentlichte Video nennen die islamistischen Täter "Abu Mussab al-Sarkawi schlachtet einen Amerikaner".

SAUDI-ARABIEN, Juni 2004: Ein Video zeigt die Enthauptung des entführten US-Bürgers Paul Johnson durch Al-Kaida-nahe Terroristen.

IRAK, Oktober 2004: Der britische Ingenieur Kenneth Bigley wird von seinen Entführern vor laufender Kamera enthauptet. Einen Monat später taucht ein Video auf, das die Erschießung der muslimischen Britin Margaret Hassan zeigt. Die Leiterin der Hilfsorganisation Care fleht darin vergeblich um ihr Leben.

PAKISTAN, Februar 2009: Extremisten filmen den Mord an einem polnischen Ingenieur. Das Video von der Hinrichtung des knienden Opfers wird in Auszügen vom TV-Nachrichtensender Duniya ausgestrahlt.

SYRIEN, Juni 2013: Der syrisch-katholische Mönch Francois Mourad wird nach Angaben von Radio Vatikan in der Provinz Idlib von Islamisten enthauptet. Nach Medienberichten umstehen mehrere Menschen das Opfer und filmen die Bluttat mit Handys.

SYRIEN, November 2013: Mit einer grausamen Hinrichtung warnt die Terrormiliz IS die Bevölkerung der Stadt Aleppo vor einer Zusammenarbeit mit dem Regime von Präsident Bashar al-Assad. Ein Video zeigt, wie IS-Kämpfer den Kopf eines vermeintlichen Assad-Anhängers durch die Straßen tragen.

IRAK, Juli 2014: Der IS filmt die Erschießung Dutzender Iraker. Laut "Spiegel" behaupten die Terroristen, die zivil gekleideten Opfer hätten für die irakische Armee gekämpft. Vermutlich wurde das Massaker in der Stadt Tikrit verübt.