Meinung

Was der Kanzler vom Kardinal lernen könnte

Kardinal Christoph Schönborn gehört nicht zu jenen kirchlichen Würdenträgern, die permanent ins Licht der Öffentlichkeit drängen. Wenn sich Wiens Erzbischof für einen Medienauftritt entscheidet, dann nimmt er sich Zeit und legt Wert darauf, die Fragen breit und tief beantworten zu können. Dass sich das jüngst für das Medienhaus KURIER geführte Gespräch (auch zu sehen auf Schau-TV und kurier.at) zum überwiegenden Teil um Religion dreht, wäre bei einem Bischof nicht erwähnenswert. Auffällig ist aber, wie Schönborn sich ausführlich den KURIER-Fragen über Muslime stellt. Da ist kein Hauch von Unterton oder gar Häme gegenüber einer quasi konkurrierenden Glaubensgemeinschaft, sondern Empathie und Wohlwollen.

Sein Plädoyer gegen ein Kopftuch-Verbot wird wohl bei der Mehrheit der Katholiken auf Widerspruch stoßen. Doch Schönborn begründet historisch, warum er „gegen Zwang und für die Erziehung zur Freiheit“ ist.

Sätze wie dieser werden dem Kardinal auch in der größten Hitze nie über die Lippen kommen: „Wir leben hier in einem christlich geprägten Land. Wer das nicht akzeptieren möchte, ist gerne eingeladen, seine Lebensformen in einem islamischen Land auszuleben.“ Also sprach jüngst FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus.

Mit Verboten allein oder gar mit einer Politik unter der Parole „Da-ist-die-Tür“ werden sich Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft noch weiter auseinanderleben.

Sebastian Kurz hat seine Laufbahn als Integrations-Staatssekretär einst erfolgreich mit der Formel „Fordern & Fördern“ begonnen. Der christlich-soziale Kanzler sollte diese grundvernünftige Doppelstrategie auch bei seinen Regierungskollegen einfordern – und selber fördern.