Flammende Rede an die Sportnation
Offener Brief von Wolfgang Konrad als heftige Kritik am Sportminister und an der fehlenden Sportkultur.
Mag sein, dass Wolfgang Konrad einen leichten Fußballer-Komplex hat. Diesen teilt er mit sehr vielen "Randsportlern", denn so werden in Österreich praktisch alle Athleten bezeichnet, die weder in einem Formel-1-Auto sitzen noch Ski fahren noch Fußball spielen.
Vorbeugend: Ja, die Medien tragen einen beträchtlichen Teil der Schuld an dieser international unüblichen Einschätzung.
Konrad schießt gelegentlich mit seiner Kritik am Zustand des österreichischen Sports übers Ziel – das hat er auch schon als aktiver Sportler getan. Gut, das tun auch andere, die etwas verändern wollen, wie etwa vor 23 Jahren Peter Seisenbacher, jetzt der 23-jährige Dinko Jukic. Dazwischen taten dies auch ein paar andere.
Konrad hat eine gewisse Berechtigung, das zu tun: Seit zwanzig Jahren organisiert er den Vienna City Marathon, die größte Sportveranstaltung des Landes, die direkt und indirekt Zigtausende Menschen zu sportlicher Bewegung animiert. Wenn er also in die Rolle des Sportministers schlüpft, um eine fiktive Rede an die Sportler zu verfassen, dann hat das Gewicht.
Das Wort Fußball kommt in Konrads Rede überraschenderweise gar nicht vor. Er hatte sie allerdings verfasst, bevor ein gewisser Paul Scharner vom Fußball-Teamchef einen Fixplatz forderte.
Fixplätze
Olympia-Sportler, die inzwischen oft extrem hohe Limits erreichen müssen, um überhaupt an den immer professioneller werdenden Sommerspielen teilnehmen zu dürfen, können über diese Vermessenheit und Selbstüberschätzung irgendeines Kickers vermutlich nicht einmal lachen. Vielleicht haben sie trotzdem gelacht, sofern sie am Freitag Ö 3gehört haben:
Dort verlangte der Callboy als Paul Scharner von einem Bediensteten der Wiener Linien telefonisch einen Fixplatz in der Straßenbahnlinie 37. Die Antwort des erfrischend coolen Beamten: "Herr Scharner, einen Fixplatz gibt’s im Gasthaus oder beim Heurigen, aber doch nicht in der Straßenbahn."
Der zweite Teil der perfekten Antwort – umgelegt auf Sport: "... aber doch nicht bei Olympia oder im Nationalteam." Fixplätze gibt es übrigens auch bei Winterspielen nicht. Im Skifahren und Skispringen müssen Österreicher oft sogar durch beinharte interne Qualifikationen. Auch Leute, die das Limit locker erbracht haben.
Fixsterne
Trotzdem ist es nicht einmal richtig, wenn Österreich als Wintersport-Großmacht bezeichnet wird, wodurch alle sommerlichen Schwächen übertüncht würden: Im Eisschnelllauf, Eiskunstlauf, Curling, Shorttrack, Bob, Freestyle und genau genommen inzwischen auch im Langlauf ist Österreich genauso ein Entwicklungsland wie in den meisten Sommer-Sportarten.
Österreich ist als Ski-Nation ein Fixstern. Das ist ein Faktum. Österreich hält sich aus teilweise historischen, teilweise rätselhaften Gründen für eine Fußball-Nation, ohne jemals irgendein Turnier oder einen Pokalbewerb gewonnen zu haben. Aber Österreich hält sich ja auch für eine Motorsport-Nation, weil es einst Jochen Rindt, Niki Lauda und jetzt ein Team namens Red Bull gibt.
Und ab dann wird’s endgültig absurd.