Hochsaison für Populisten
Tagebuch: Die Olympia-Pleite darf nicht verniedlicht, aber auch nicht zum Dauerthema für professionelle Nörgler werden.
Die olympischen Einschaltziffern waren nicht einmal halb so hoch wie jene bei der Fußball-EM zu Sommerbeginn. Trotzdem:
Den TV-Technikern gebührt für einzigartige Bilder eine symbolische Goldene. So eine wurde freilich von der deutschen Bild-Zeitung aus weniger schmeichelhaftem Grund auch an die ÖOC-Sportler vergeben.
"Unsere Dösi-Nachbarn schickten 70 Athleten nach London. Keiner holte eine Medaille. Darum gibt es Tapferkeitsgold von Bild", heißt es in einem Mini-Artikel.
Wer jedoch heimische Zeitungstitel wie "Die ganze Welt lacht über uns" ernst nimmt, der irrt; der überschätzt die sommerliche Bedeutung der Wintersport-Nation im Ausland.
Unbedeutend
Niemand außerhalb des deutschen Sprachraumes registriert die rot-weiß-rote Nullnummer. Niemand wird deshalb vor einem Urlaub in Österreich zurückscheuen.
Einerseits darf die Olympia-Pleite nicht verniedlicht, andererseits aber auch nicht zum Dauerthema für professionelle Nörgler werden. Mit Spott allein wird sich ebenso wenig Leistungssteigerung erzielen lassen wie mit populistischen Schuldzuweisungen.
Ungerecht
Sogar die Dauerdepp’n der Nation werden mittlerweile für den Olympia-Umfaller verantwortlich gemacht, zumal sie, die Fußballer, viele Toto-Mittel kassieren und es dann nicht einmal bis zum Turnier nach London schafften.
Dazu sollte der permanente Fußball-Kritiker, Ex-Leichtathlet und (erfolgreiche) Marathon-Veranstalter Wolfgang Konrad allerdings wissen,
... dass beim olympischen Fußballturnier, für das sich auch die Deutschen nicht qualifiziert hatten, nur vier europäische Fußball-Nationen zugelassen sind;
und dass, würde die Forderung, wonach nur noch Sportarten mit Medaillenchancen gefördert werden sollen, wortgetreu umgesetzt werden, nicht nur der Fußball- , sondern auch der Laufsport auf der Strecke bliebe.
Denn einen österreichischen Olympia-Sieg im Marathon oder 100-Meter-Sprint wird es bei allem Bemühen (allein schon genetisch bedingt) in den nächsten 20 Jahren ebenso wenig geben wie einen Fußball-Weltmeister Österreich.
Unersetzlich
Trotzdem sind Kicken und Leichathletik allein schon aus sozialen Gründen unerlässlich: Weil es sich um die billigste Art der Fortbewegung handelt. Und weil hoffentlich bald ähnlich viele Menschen laufen wie dabei zusehen werden. Dann geht’s aufwärts. Gleichgültig, ob mit oder ohne Ball.
wolfgang.winheim@kurier.at
-
Hauptartikel
-
Hintergrund