Meinung

Gespenster

Sie wollte alles schaffen, aber irgendwann begann ihre Welt zu kippen.

Barbara Kaufmann
über Gespenster.

Es ist schon seltsam mit der Dunkelheit. Dass man sie erst dann bemerkt, wenn es langsam wieder hell wird. Mitten in der Nacht sitzen wir am Balkon meiner Wohnung, meine Freundin und ich. Es ist ein kleiner Balkon, zu schmal für einen Tisch und Stühle, aber breit genug für den alten, grünen Plastiksessel, der quer steht und eingeklemmt zwischen dem rostigen Geländer und der schweren Glastür. Er hat schon ein paar Kerben links und rechts, so wie wir.

Meine Freundin hockt auf der Lehne, die Knie angezogen und ich vor ihr auf der Sitzfläche, den Kopf an ihr rechtes Knie gelehnt, die Beine achtlos ausgestreckt über das Geländer. Als wäre es schon wieder Sommer und nicht eine kühle Jännernacht und wir eingepackt in unsere Steppjacken, eine Mütze auf dem Kopf, um nicht zu frieren. Der Mond scheint. So hell, dass er uns blendet. Fast zu hell für unsere Gespräche. Er wirft sein Licht auf die Wolken, die schnell vorüber ziehen, weil der Sturm sie durch die Nacht jagt. Wir teilen uns eine Flasche Bier. Sie nimmt einen Schluck, ich den nächsten und jede von uns hält die Flasche gerade so lang bis die Finger wehtun von der Kälte. Wir reden nicht viel.

„Weißt du“, sagt sie schließlich in die Stille, „ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich es nicht schaffe.“ Dabei hat meine Freundin immer alles geschafft. Als das Kind kam kurz vor dem Ende des Studiums, als sie umziehen musste, Arbeit suchen und einen Kindergartenplatz, alles im selben Monat, wenn es nicht sogar dieselbe Woche war. „Ich wollte kein Mitleid“, sagt sie mitten in meine Gedanken hinein. Niemand hat es je mit ihr empfunden. Respekt, ja, Bewunderung. Manchmal Sorge. Die sie meist sofort wegwischte. „Ach“, sagte sie damals lachend und das Lachen klang gepresst, „du siehst Gespenster.“

Mitten in der Nacht

Nur dass sie die auch sah. Mitten in der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte, weil das Kind krank war, weil sie am nächsten Tag in der Arbeit nicht fehlen durfte, weil sie oft nicht mehr wusste wie sich alles ausgehen sollte. Dann wurde ihre Mutter krank, richtig krank. Und meine Freundin teilte sich auf zwischen Kind und Mutter, bis manchmal nichts mehr von ihr übrig blieb. Und aus den Gespenstern wurden Dämonen.

Zuerst zuckte ihr linkes Auge und dann irgendwann drehte sich alles und ihre Welt begann zu kippen. Also blieb sie stehen, am Gang in der Agentur, an der Straßenbahnstation, am Weg vom Kindergarten nach Hause. Hielt sich an Verkehrsschildern an, bis der Schwindel vorüber war. Am Kopiergerät und einmal an einer fremden Frau, die sie besorgt fragte: „Geht es Ihnen nicht gut?“ Da wusste sie, dass sie sich das selbst schon viel zu lange nicht gefragt hatte. Es ist nicht einfach, Hilfe zu finden.

Erst recht nicht, wenn die Politik sagt, dass dein Unglück hausgemacht ist. Dass es sie nichts angeht. Dass du alles schaffen musst. Alleinerzieherinnen und pflegende Angehörige haben keine Lobby.

Ich drücke meine Wange an das Knie meiner Freundin und bin froh, dass es ihr wieder besser geht. Sie nimmt ihr Handy aus der Manteltasche und macht ein Foto vom Mond, der in dieser Nacht so hell scheint. Fast zu hell für unsere Gespräche. Es ist schon seltsam mit der Dunkelheit.

barbara.kaufmann@kurier.at