Baku: Stimmung kann man nicht kaufen
Blog aus Baku, Tag 6: Viele internationale Fans, die den Song Contest sonst zu einem schrillen, bunten Spektakel machen, sind diesmal nicht gekommen.
Der Song Contest in Baku ist ordentlich organisiert. Es gibt eine Halle, die extra für die Veranstaltung gebaut wurde. Hunderte niegelnagel neue Taxis fahren zwischen Crystal Hall und Stadtzentrum hin und her (dass die Englisch- und Ortskenntnisse der Taxifahrer - gerüchteweise handelt es sich um Georgier - bescheiden sind, ist eine andere Sache). Ein riesiges Heer an Sicherheitsleuten und freiwilligen Helfern sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Freilich streng nach Vorschrift. Wenn man seine "accredidation card" am Arbeitsplatz liegen gelassen hat, bekommt man am Snackbuffet im Pressezentrum keine Nuss. Da könnte ja jeder kommen. Und ein britischer Journalist, der seine Karte verloren hat, darf nicht einmal den Bus besteigen, der zum Pressezentrum fährt. Merke: Wenn man sich an die Spielregeln hält, ist alles gut. Andernfalls wird der Ton schnell rüde.
An der Organisation der Veranstaltung gibt es nichts auszusetzen. Und hinter der TV-Show steht immerhin eine deutsche Firma; Brainpool hat schon den vorigen Song Contest in Düsseldorf produziert. Aber eines kann man um Geld nicht kaufen: Stimmung. Und die fehlt hier in Baku. Viele internationale Fans, die den Song Contest sonst zu einem schrillen, bunten Spektakel machen, konnten sich die Anreise nicht leisten. Man sieht kaum Fahnen oder Verkleidungen. Und die wenigen, die es geschafft haben, nach Baku zu kommen, wirken missmutig. Man kann hier nicht sein, wie man will, beschwert sich ein österreichischer Fan. Er beschreibt eine Szene, die er bei einer Party beobachtet hat: Ein DJ, der es gewagt hatte, ein armenisches Lied zu spielen, sei fast verprügelt worden.
"Man kann nicht sein, wie man will" - das gilt auch für die Gay-Community
"Man kann nicht sein, wie man will", das bedeutet unter anderem auch: Man kann nicht zeigen, dass man gay ist. In guten Jahren ist der Song Contest ein ausgelassenes, fröhliches Fest der Toleranz und Völkerverständigung. Eine Mischung aus internationalem Schulskikurs und Regenbogenparade. Das macht seinen - für externe Beobachter oft nicht nachvollziehbaren Reiz - aus. In Baku ist der Song Contest eine musikalische Großveranstaltung, die Aserbaidschan in Europa bekannt und beliebt machen soll. Punkt. Ein Propagandavehikel. Für die subkulturellen Nebenbedeutungen des Song Contests hat man kein Verständnis. Vor ein paar Tagen sollen Hacker auf einer Song-Contest-Seite im Internet einen schwulenfeindlichen Text veröffentlicht haben - kein Umfeld, in dem man gerne lacht und feiert. Wenn es nach den Fans geht, darf heuer wieder ein liberales Land gewinnen und damit den nächsten Song Contest ausrichten. Stockholm 2013 wäre, wenn man den Wettquoten glauben darf, durchaus realistisch.