Hofer besinnt sich seiner Wurzeln (2/2)
Klima-Blog, Woche 38: Sagt Ihnen der Name Hans Carl von Carlowitz etwas? Nein? Dabei hat er unser Leben nachhaltig beeinflusst.
Sagt Ihnen der Name Hans Carl von Carlowitz etwas? Nein? Dabei hat er unser Leben nachhaltig beeinflusst.
Wie im ersten Teil des Beitrags erwähnt, müssen wir exakt 300 Jahre zurückgehen, um den Begriff "nachhaltig" an der Wurzel zu packen und zu erforschen.
Das Jahr 1713. In Leipzig veröffentlicht der Sachse Hans Carl von Carlowitz ein Buch mit dem sperrigen Titel "Sylvicultura oeconomica, oder haußwirtliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht" . Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des heute als Klassiker der Forstwirtschaft geltenden Werks ist aus der persönlichen Lebensgeschichte Carlowitz' und der damals herrschenden gesellschaftlichen und ökonomischen Krise gut nachvollziehbar.
Zum einen ist Carlowitz' adelige Familie seit Generationen im "Holz-Management" tätig. Er selbst wird unter anderem Vize-Berghauptmann in Freiberg, und Holz ist bei der Gewinnung und Förderung der Erze von zentraler Bedeutung. Zum anderen ist die Rohstoff-Frage in den Jahrzehnten nach Ende des Dreißigjährigen Krieges hochbrisant.
Das Gespenst der Holznot ging überall in Europa um
Carlowitz wird 1645 geboren, drei Jahre später endet der Krieg. Europa: zerstört. Tod, Elend, Verwüstung prägen den Kontinent. "Das Gespenst der Holznot ging überall in Europa um", schreibt Ulrich Grober im Sammelband "Die Erfindung der Nachhaltigkeit", mit dem der Müncher oekom-Verlag Carlowitz zum 300-Jahr-Jubiläum würdigt.
Die Gründe: Holz wird zu jener Zeit nicht nur als Energieträger im häuslichen Bereich, sondern auch massiv in der frühen Phase der Industrialisierung eingesetzt. Überdies geht Wald für Weidefläche verloren, der Schiffsbau verknappt das Angebot zusätzlich. Kurz, Deutschland wird regelrecht entwaldet.
Carlowitz gibt sich nicht zufrieden mit dem Status quo, sucht Wege aus der (Ressourcen-)Krise und reist fünf Jahre lang quer durch Europa. Die in Schweden, Malta, Frankreich oder England gesammelten Erfahrungen nimmt er mit nach Hause ins Sächsische. Eindrücke wie die aufkeimende Industrialisierung, das Bevölkerungswachstum und zunehmende Gier in der Gesellschaft prägen ihn, heißt es.
In seinem 450 Seiten starken Folioband formuliert Carlowitz dann die Regel, "daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe." Er umreißt die Begriffe "continuirlich", "beständig" und "nachhaltend". Nachhaltigkeit zielt auf die Bildung von Reserven ab, man verzichtet auf sofortige Nutzung zugunsten späterer Nutzungen und Nutzer.
Carlowitz' Grundsätze hatten in Folge maßgebenden Einfluss auf den deutschen Waldbau.
Von der Forstwirtschaft zum universalen Prinzip
Dies war der Ausgangspunkt eines Exportschlagers, der den Begriff, aber nicht den Erfinder weltberühmt machte: 1951 ging die Idee in die Sprache der UNO ein, rund 30 Jahre später wurde "sustainable development" zu einem der zentralen Diskurse unserer Gesellschaft.
In Carlowitz' Denken wird das notwendige Zusammenspiel von Ökologie, Ökonomie und sozialer Gerechtigkeit skizziert, das auch heute grundlegend für eine Theorie der Nachhaltigkeit ist. Ein bekanntes, aber noch ungelöstes Problem ist, dass Schäden an der Umwelt keinen Eingang in die federführenden Kosten- und Nutzenrechnungen gefunden haben.
Konzerne denken von Quartal zu Quartal, aber das Wachstum der Natur - insbesondere eines Waldes - ist nur in längeren Zeiträumen zu fassen. Denn wie schreibt Ernst Ulrich Köpf im kürzlich erschienenen Sammelband so treffend: "Legt man heute Eichenkulturen an, könnten deren erfolgreichste Individuen ums Jahr 2300 als Furniereichen zur Verfügung stehen."
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