Trotz Skandal: Der Mythos lebt, VW-Fans erinnern sich
Das Ende einer Karriere: Knapp vor seinem 80. Geburstag verkaufte Ferdinand Piëch seine Anteile an Porsche. Die Lust am Volkswagen bleibt. Sieben Menschen erzählen von ihrem ersten VW.
Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 17. April schrieb Ferdinand Piëch, Autopatriarch und Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, das letzte Kapitel seiner Jahrzehnte dauernden VW-Karriere. Er verkaufte seinen Anteil an der Porsche SE – immerhin 14,7 Prozent der Stammaktien – an seinen jüngeren Bruder Hans Michel (75). Ein Stück VW-Geschichte geht zu Ende. Das ändert nichts an den lebendigen Erinnerungen unzähliger Beetle-, Polo- und Passat-Fahrer.
VW-Geschichten, die das Leben schrieb
Fips, Würgli oder Sunshine-Express: Nein, das sind nicht die Namen von Hund, Katz’ oder einem Baywatch-Remake, sondern die sozialromantischen Bezeichnungen diverser Automobile, Marke VW. Wo es um den ersten Käfer oder den Golf geht, ist viel Sentiment. Mit Liebe zu vergleichen, die einmal war. Im ersten Käfer ging es endlich in die weite Welt hinaus, die damals am Wurzenpass begann. Mit dem ersten Golf wurde die Fantasie von Freiheit und Abenteuer ein Stück greifbarer.
Zudem galt gerade der Käfer nicht nur als günstig und zuverlässig, sondern als Sympathieträger, über dessen Aussehen der deutsche Designprofessor Lutz Fügener einmal sagte: "Diese gefällige wiedererkennbare Form, die freundlich ist. Das Kindchenschema mit großen Augen, das den Beschützerinstinkt weckt."
Mit über 21,5 Millionen Fahrzeugen war der Käfer bis zu seinem Produktionsende im Jahr 2003 das meistverkaufte Automobil der Welt, nur übertroffen vom VW Golf. Obwohl seine Geburtsstunde umschattet ist – die ursprüngliche Idee des "Volkswagens" kam von den Nationalsozialisten. Seine eigentliche Karriere begann aber erst nach dem Krieg, als die Käfer-Produktion in Wolfsburg begann. Den Namen hat er der US-Tageszeitung New York Times zu verdanken, die das rundliche Ding mit dem luftgekühlten Boxermotor "Shining Little Beetle" (glänzender, kleiner Käfer) nannte.
Was sieben Menschen über ihre erste VW-Liebe erzählen.
Helmut Gassner (87), Pensionist
Ich war Buchdrucker und Setzer und brauchte Mitte der 1950er-Jahre ein Auto. Der Käfer war damals ein Massenauto, das ich mir leisten konnte. Schön fand ich ihn nicht. Er hatte 30 PS, die charakteristische zweigeteilte Heckscheibe und war dunkelgrün. Beim Schalten musste man Zwischengas geben. Blinker hatte er keinen. Es wurde ein kleiner Winker ausgefahren, nachts leuchtete er. Und das Abblendlicht wurde mittels eines Knopfes neben dem Gaspedal per Fuß eingeschaltet. Meine Tochter Inge Schön-Srb (60, man sieht sie auf dem Foto oben) lebte die Liebe zum Käfer weiter. Ihren ersten kaufte sie sich im Jahr 1980. Er war Baujahr 1975, "babyblau" und sie taufte ihn "Würgli". Der Motor ging 1987, nach 180.000 Kilometern, ein. Auch sie war fasziniert vom Charakter des Käfers. Er war einfach, schlicht, zuverlässig und zäh. Und eigen. Die unausgewogene Beheizung im Fußraum etwa: Links reichte ein Badeschlapfen, rechts brauchte man einen Bergschuh, sagte sie.
Andreas Franek (51), VW-Käferclub-Obmann
Cornelia Patsalidis (61), Psychotherapeutin
Uschi Gross (57), Pensionistin
Achim Schneyder (50),Autor
Sabine und Robert Haider (48 & 53), Lehrer
Johanna-Isabella Awad-Geissler (62), Autorin
Autopatriarch Ferdinand Piëch
Ferdinand Piëch erging es ähnlich wie Krösus, dem legendären König der Lyder (Kleinasien) im 6. Jahrhundert vor Christus. Dieser hatte das Orakel in Delphi befragt, ob er in einem Krieg gegen die Perser siegen werde. Die Antwort: „Wenn du den Halys (Grenzfluss) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Was auch eintraf: Krösus verlor, sein Reich wurde zerstört.
Piëch, damals mächtiger Aufsichtsratschef des Volkswagen-Konzerns, zog im April 2015 gegen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn in den Krieg. Die öffentliche Kriegserklärung bestand aus einem Satz. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, hatte Piëch zu Spiegel online gesagt.
Der Schuss ging nach hinten los: Unter dem Druck des Porsche-Familienclans mussten Piëch und seine Frau Ursula – die Piëch zuvor als seine Stellvertreterin im Aufsichtsrat inthronisiert hatte – gehen. Piëch blieb nur noch Aufsichtsrat in der Porsche SE. Winterkorn konnte sich über seinen Sieg freilich nicht lange freuen: Kurz nach dem Bekanntwerden des Diesel-Skandals musste auch er im September 2015 den Hut nehmen.
Letztes Kapitel
Vor wenigen Tagen hat der fast 80-jährige Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche – Ferdinand Piëch wird am 17. April 80 – das letzte Kapital in seiner Jahrzehnte dauernden VW-Karriere abgeschlossen. Er verkaufte seinen Anteil an der Porsche SE – immerhin 14,7 Prozent der Stammaktien – an seinen jüngeren Bruder Hans Michel, der nun 25,1 Prozent an der Porsche SE hält. Die Holding hält rund 52 Prozent der VW-Stammaktien und damit die Mehrheit der Stimmrechte beim weltweit größten Autobauer. Ein Teil der Anteile wurde innerhalb des Porsche/Piëch-Clans weiterverkauft, um das heikle Gleichgewicht zwischen den großen Eigentümer-Familien aufrecht zu erhalten. Kolportierter Wert des Aktienpakets: 1,14 Milliarden Euro.
Nötig hat Piëch diesen Geldregen nicht. Neben den Aktien des Konzerns hat der ehemalige VW- Patriarch mit Hauptwohnsitz Salzburg ein umfangreiches Immobilienvermögen. Weitere Vermögenswerte sind in einer „Anstalt“ in Liechtenstein geparkt.
Privatleben
Dipl. Ing. Dr.h.c.Ferdinand K. Piëch beschäftigte sich bereits im Studium mit Autos: 1962 promovierte er an der ETH Zürich mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren. 1972 wechselt Piëch in den Vorstand von Audi, im selben Jahr wurde Audi von VW übernommen. 1968 wird Piëch Audi-Chef, 1993 löst er Carl Hahn als Vorstandsvorsitzender bei VW ab. Unter seiner Führung kauft VW 1998 Lamborghini und Bentley, die Übernahme von BMW scheitert am Einspruch der BMW-Aktionärsfamilie Quandt. 2002 zieht sich Piëch als Vorsitzender in den VW-Aufsichtsrat zurück. Piëch ist verheiratet und hat laut eigener Aussage zwölf eheliche und uneheliche Kinder von vier Frauen.
Pleiten und Pannen bei VW
Am 18. September 2015 wurde die Welt der Autofahrer massiv erschüttert. Nach monatelangen Untersuchungen platzte der Skandal um die Abgasmanipulationen bei Dieselfahrzeugen des VW-Konzerns. Die US-Umweltbehörden gingen mit ihren verheerenden Testergebnissen an die Öffentlichkeit, weil sie sich von den VW-Managern hinters Licht geführt fühlten. VW hatte in der Motorsteuerung der Baureihe EA189 eine illegale Abschaltevorrichtung eingebaut, die bei Tests den Stickoxid-Ausstoß (NoX) massiv runterfährt. VW musste schließlich zu Kreuze kriechen und den groß angelegten Abgasbetrug mittels Schummelsoftware gestehen.
Dieselautos
Weltweit sind zehn Millionen Dieselautos betroffen. Angesichts des frechen Verhaltens von VW statuierten die US-Behörden ein hartes Exempel. VW muss 500.000 „Clean Diesel“ in den USA zurückkaufen und mehr als 20 Milliarden Euro Schadenersatz und Strafe zahlen. Auch in Kanada mussten die Wolfsburger tief in die Tasche greifen. 105.000 kanadische Kunden werden mit fast zwei Milliarden Euro entschädigt.
In Europa sind die Abgasvorschriften nicht so streng wie in den USA, aber auch hier wurden die Abgaslimits jahrelang schamlos überschritten. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt deshalb gegen die VW-Führung.
Zugleich läuft ein Rückruf der betroffenen Fahrzeuge. Sie müssen für ein Motorsteuerungs-Update in die Werkstatt kommen. In Österreich geht es um 388.000 Autos der Abgasnorm Euro 5.
Zulassung
„Ihr Fahrzeug entspricht nicht der beim Neukauf angegebenen Euro-Klasse und befindet sich daher nicht in einem genehmigungskonformen Zustand“, heißt es in einem Schreiben des Verkehrsministeriums an einen VW-Besitzer. „Sie müssen daher der Rückrufaufforderung nachkommen, damit der genehmigungskonforme Zustand hergestellt werden kann.“ Sollte der Autobesitzer dem nicht nachkommen, heißt es weiter, „könnte Ihnen die Zulassung entzogen werden“.
Es gibt aber Autobesitzer, die VW deshalb vor Gericht zerren. Sie verlangen die Rückabwicklung des Autokaufes, sprich, sie wollen ihr Geld zurück, weil ihre Fahrzeuge nicht der Euro-5-Norm entsprechen. In zwei Fällen liegt der Ball laut Anwalt Michael Poduschka nun beim OGH. Einen erhöhten Stickoxidausstoß vor Gericht zu beweisen, gelang den Kunden bisher nicht. „Da VW den Quellcode der Schummelsoftware nicht herausgibt, können wir den erhöhten NoX-Ausstoß nicht nachweisen“, sagt Poduschka. „Ohne Quellcode würde ein Nachweis laut Sachverständigen sehr viel Geld kosten.“
Indes hat VW 2016 einen Verkaufsrekord von 10,3 Millionen Autos erzielt und den Konkurrenten Toyota überflügelt. Das hat zwei Gründe: VW gewährt saftige Rabatte und VW-Fahrer sind traditionell sehr treue Kunden.