Berührende Botschaften eines sterbenden Vaters
Eigentlich hätte der US-Soldat Mark Weber in den Krieg ziehen sollen. Doch da kam die Diagnose: Krebs. Das Buch über sein Ableben wurde zum Bestseller.
Sein Marschbefehl nach Afghanistan war schon unterschrieben. Doch es kam anders: Der Feind des Soldaten lauerte nicht auf dem Hindukusch, sondern in seinem Bauch. Beim Gesundheitscheck diagnostizierten die Mediziner 15 verschieden große Tumore im Bereich des Zwölffingerdarms, bereits in fortgeschrittenem Stadium. Unheilbar. Prognose: Vielleicht werde er noch ein Jahr leben, aber gewiss nicht länger als zehn Jahre.
Daher begann Lieutenant Colonel Mark Weber, über seinen Kampf gegen den Krebs ein Buch zu schreiben. Tell my sons wurde im Vorjahr in den USA nicht nur ein Bestseller, es gab dazu auch viel Anteilnahme. Seit vergangenen Donnerstag ist die deutsche Übersetzung "Brief an meine Söhne. Das Vermächtnis eines sterbenden Vaters" in Österreich erhältlich (siehe unten).
De-facto-Todesurteil
Rückblende, Juni 2010: An den Moment, als ihm ein erfahrener Arzt sein De-facto-Todesurteil mitteilt, erinnert sich Weber genau. In seinem Buch, das er seinen drei Söhnen und seiner Frau Kristin gewidmet hat, schreibt er: "Nach der Magen-Darm-Spiegelung kam Dr. Matlock in mein Zimmer und hatte sein Pokergesicht aufgesetzt."
Der Angehörige der Minnesota National Guard will gerade die nächste Stufe auf einer steilen Karriereleiter in der U. S. Army nehmen. General David Petracus, zu jener Zeit Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan, bietet ihm an, in seinen Mitarbeiterstab zu treten. Was de facto eine Beförderung bedeutet. Weber fühlt sich geehrt, seine Frau ist nicht begeistert über die geplante Versetzung, weiß aber, dass er dem Ruf folgen muss. Auch hat ihn der Militärarzt bereits für einsatztauglich erklärt. Nach zwei massiven Dünndarmblutungen innerhalb von drei Jahren will er aber auf Nummer sicher gehen.
Seinen drei Söhnen nichts von der Krebsdiagnose zu erzählen, "war nicht möglich, da die Neuigkeit bereits durch Facebook geisterte wie eine verirrte Kugel". Womit der Soldat auch etwas über die Dynamik sozialer Medien erzählt. Seine geplante Operation in der Mayo-Klinik kann und will er nicht verheimlichen. Bevor der Vater vor seine Söhne tritt, um ihnen die traurige Mitteilung zu machen, ordnet er seine Gedanken auf Papier. So entsteht allmählich sein Buch.
Berührende Dialoge
Ob ihm das Schreiben geholfen hat? Gewiss. Er konnte damit seinen Söhnen vieles von dem, was er als Soldat gelernt hat, mit auf den Weg geben. Nichts Großartiges, aber gerade deshalb so berührend. Wichtig sind ihm Tugenden wie Ehrlichkeit und Bescheidenheit, Willenskraft, Tapferkeit, auch Liebe und Inspiration. Außenstehenden gibt sein Bericht tiefe Einsichten in eine Familie, deren Vater zu sterben beginnt. Lt. Col. Mark Weber, Mitglied einer nicht als zimperlich geltenden Armee, hat vieles aufgezeichnet, was er selbst erlebt hat. Mit manchem geht er bis an die emotionale Schmerzgrenze – hier ein Auszug aus seinem Dialog mit seinem Sohn Noah:
"Warum weinst du?", fragte ich behutsam. "Weil du stirbst", hast du geantwortet und dabei die Augen verdreht.
Eine Krankengeschichte wird so zur berührenden Familiensaga.
Schmerzen und Tränen
Einige Höhen, viele Tiefen: Nach der Operation im August 2010 ist das Loch in Webers Bauch so groß, "dass bequem zwei Fäuste hineinpassen würden". Doch er kämpft sich langsam ins Leben zurück, behält dabei immer seinen Optimismus. Irgendwann ist er sogar so weit, dass er wieder arbeiten kann. Es folgen weitere Rückschläge und die üblichen beinharten Therapien. Der Krebs breitet sich aus. Bald greift er auch die Leber an. Eine Sonde wird in seinen Magen eingeführt. Er hat Schmerzen, die Ärzte verdoppeln die Dosis seiner Medikamente, setzen einen Katheter, der danach nicht mehr entfernt wird. Es gibt zwischendurch auch gute Tage, an denen der Soldat Strategiepläne für seinen Arbeitgeber entwickelt, seine Söhne und seine Frau in die Arme nehmen kann und dabei starke Liebe empfindet. Und es gibt Tage, an denen er Blumen setzt oder mit Freunden und Kollegen die letzten gemeinsamen Stunden seines Lebens genießen kann.
Doch seine Krebsgeschwüre lassen sich davon nicht beeindrucken. Sind nicht zu stoppen, verursachen immer mehr Komplikationen und Beschwerden. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Kurz vor seinem Tod notiert Mark Weber: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich es versucht habe, so lange ich konnte." Er stirbt an einem Donnerstagnachmittag im Juni 2013, drei Jahre nach der Krebsdiagnose, nur wenige Tage vor seinem 42. Geburtstag. So wie es sein Wunsch war: im Kreise seiner Familie, mit Blick auf den geliebten Garten.