14.02.2017

Diese Tätowiererin verdeckt Narben häuslicher Gewalt

Narben als Folge häuslicher Gewalt © Bild: AP/Vadim Braydov

Yevgeniya Zakhar aus Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostan in Zentralrussland, will Frauen mit Tätowierungen helfen, missbräuchliche Beziehungen hinter sich zu lassen.

Hinter den Blumen, Ornamenten und Schmetterlingen, die Yevgeniya Zakhar ihren Kundinnen auf die Haut tätowiert, verbergen sich nicht selten Narben. Es sind die Folgen von häuslicher Gewalt. Vor einem Jahr postete die russische Tätowiererin auf ihren Social-Media-Seiten, dass sie missbrauchte Frauen gratis tätowieren wolle. Zuvor hatte sie von einer brasilianischen Tattoo-Künstlerin gehört, die das Gleiche anbietet.

In this photo taken on Sunday, Dec. 4, 2016, tattoo artist Yevgeniya Zakhar looks at the body of Lilya, a domestic violence victim, whose body is seen in a mirror in Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Große Nachfrage nach Tätowierungen

Schon bald wurde Zakhar mit Anfragen überflutet. Die Schilderungen der misshandelten Frauen waren für die 33-Jährige so schwer verdaulich, dass sie sich schon bald eine Grenze setzte, wie viele Frauen sie pro Woche tätowieren möchte. "Ich habe nicht erwartet, dass mein Angebot so gut angenommen wird", sagte Zakhar, die in der Stadt Ufa, rund 1200 Kilometer östlich von Moskau, arbeitet gegenüber ABC.

In this photo taken on Monday, Nov. 28, 2016 Viktoria lies on the bed at a tattoo artist's to get a tattoo done to conceal a scar from a domestic violence attack in Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Laut Statistiken des russischen Innenministeriums geschehen rund 40 Prozent der Körperverletzungen innerhalb von Familien. Der Spiegel schreibt, dass Experten davon ausgehen, dass in Russland jedes Jahr 600.000 Frauen geschlagen werden. Das Ergebnis einer Umfrage eines staatlich geführten Meinungsforschungsinstituts ergab, dass es 19 Prozent der Befragten akzeptabel finden, Ehefrau, Ehemann oder Kinder unter "bestimmten Umständen" zu schlagen. Ein Sprichwort lautet sogar: "Wenn er dich schlägt, heißt das, er liebt dich."

In this photo taken on Monday, Dec. 5, 2016 Guldar, a victim of domestic violence, left, cringes from pain as artist Yevgeniya Zakhar works on her tattoo in Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Umstrittenes Gesetz unterzeichnet

Frauenrechtlerinnen setzen sich seit Jahren für ein eigenes Gesetz gegen häusliche Gewalt ein. Bisher ohne Erfolg. Stattdessen hat Präsident Wladimir Putin vergangene Woche ein Gesetz unterzeichnet, das geringere Strafen für Gewalt gegen Familienmitglieder vorsieht, wenn das Opfer nicht schwer verletzt wurde oder der Täter zum ersten Mal auffällig wird (mehr dazu hier).

In this photo taken on Wednesday, Feb. 1, 2017 Katarina Golovkova shows a tattoo she had done over the scars from a domestic violence attack she sustained five years earliermin Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Dutzende Demonstranten haben in Moskau gegen ein neues Gesetz protestiert, das die Strafen bei häuslicher Gewalt in Russland künftig herabsetzt. Vertreter von Opferorganisationen und Studenten versammelten sich am Sonntag bei eisigen Temperaturen und Schnee in einem Moskauer Park, um ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalttäter zu fordern. Laut Unterstützern des neuen Gesetzes hätten Familien so die Chance, sich wieder zu versöhnen. Eine Animation zu Gewalt sei es hingegen nicht. Olga Batalina, Koautorin des Gesetzes, spricht in diesem Zusammenhang von emotionalen Konflikten ohne gravierende Konsequenzen.

In this photo taken on Tuesday, Dec. 6, 2016 tattoo artist Yevgeniya Zakhar works on a tattoo for Lyaysan, a victim of domestic violence, in Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Narbe als ständiger Begleiter

Zakhar erzählt, dass ihr die Frauen oft die Geschichte der Narben erzählen, weil es das letzte Mal sei, dass sie das tun. "Später sprechen sie nicht mehr darüber, weil sie über ihr schönes Tattoo sprechen werden, nicht die Narbe." Katarina Golokova, die sich ebenfalls von Zakhar tätowieren ließ, musste acht Stunden lang am Arm operiert werden, weil sie ihr Freund zuvor gegen ein Fenster geschmissen hatte. "Die Menschen haben mich immer wieder gefragt, woher die Narbe stammt", erinnert sich Golokova zurück. Sie habe schon länger darüber nachgedacht, die Narbe mit einer Tätowierung verdecken zu lassen, bis sie die Anzeige von Zakhar sah, habe ihr aber der Mut dafür gefehlt. "Es war eine ständige Erinnerung. Man sieht den Arm jeden Tag, es ist einfach da. Jetzt kann ich meinen Arm offen zeigen und den Leuten gefällt, was sie sehen."

In this photo taken on Tuesday, Dec. 6, 2016 Lyaysan, right, and tattoo artist Yevgeniya Zakhar look in the mirror at the tattoo Lyaysan had done to conceal a scar from a domestic violence attack, in Ufa, Russia. Yevgeniya Zakhar, a Russian tattoo artist from Ufa, a city about 1,200 kilometers (745 miles) east of Moscow, gives free tattoos to victims of domestic abuse, to cover their scars. The upper chamber of the Russian parliament last week passed a controversial bill decriminalizing some forms of domestic violence. (AP Photo/Vadim Braydov) © Bild: AP/Vadim Braydov

Zakhar hat seit ihrem Aufruf im vergangenen Jahr bereits über 1000 Frauen kostenlos tätowiert. Sie sagte, dass keine der Frauen, die den Vorfall gemeldet haben, von der Polizei Hilfe bekommen habe. "Die Frauen fragen sich dann: Warum sollte ich zur Polizei gehen, wenn sie mir nicht hilft?"