Alleinsein: Die Angst vor dem Beobachter
Gehen Sie alleine ins Kino? Wenn nein, Sie sollten es auf alle Fälle tun - und viel öfter.
Freitagabend, Ausgehzeit. Woche für Woche verabreden sich Menschen und unternehmen etwas zusammen. Sei es ein Kinobesuch mit dem obligatorischen Popcorn-Genuss oder ein romantisches Essen im neuen Restaurant um die Ecke. Zu zweit oder in der Gruppe, Spaß wird als das Ergebnis sozialer Aktivität empfunden. Es gibt aber auch jene Menschen, die sich am Wochenende auf der Couch wiederfinden. Versunken im Alleinsein.
Die geschilderten Szenarien sind nicht ungewöhnlich. Jeder hat einmal das Bedürfnis auszugehen oder verbringt den Abend alleine zuhause. Entscheidend ist jedoch das Motiv. Forscher haben herausgefunden, dass niemand gerne etwas alleine in der Öffentlichkeit unternehmen will. Doch wer sich überwindet, hat am Ende genauso viel Spaß wie ein Paar oder eine Gruppe.
Angst vor dem Beobachter
„Menschen entscheiden sich, Dinge nicht zu tun, weil sie es alleine tun müssten“, sagt Rebecca Ratner, Professorin an der Robert H. Smith School of Business. In ihrer Studie „Inhibited from Bowling Alone“, die im August im Journal of Consumer Research veröffentlicht wird, stellt sie fest, Menschen unterschätzen immer wieder, wie viel Spaß sie haben könnten, wenn sie etwas alleine unternehmen.
Basierend auf vier separate Experimente, in denen Menschen befragt wurden, welche Aktivitäten sie alleine bevorzugen und welche in Begleitung, hat die Forscherin vor allem zwei Dinge rausgefunden: Aktivitäten, die als „hedonistisch“ gelten, werden ungern alleine unternommen. Dazu gehören zum Beispiel der Kinobesuch, der Genuss eines Getränks in einem Café oder das Tanzen bei einem Konzertbesuch. Als Begründung gaben die Befragten an, sie würden sich in solchen Situationen unwohl fühlen, weil andere denken könnten, man habe keine Freunde gefunden, die einen begleiten wollen. Man vermittelt eine Verlierer-Aura, zitiert die Washington Post bereits vorab aus der Untersuchung.
Allerdings, und das ist die zweite wesentliche Erkenntnis dieser Studie, wird das Gefühl des Unwohlseins schwächer, wenn zum einen die Zahl der beobachtenden Menschen abnimmt und zum anderen die Aktivität nach außen hin nicht rein als hedonistisch wirkt. So lässt zum Beispiel das Lesen einer Zeitung im Café das Alleinsein im neuen Glanz erstrahlen. Man ist beschäftigt und es gibt einen vernünftigen Grund für die Aktivität, auch wenn man sie alleine unternimmt.
Spaß auch alleine
In einem fünften Experiment ging man anschließend der Frage nach, ob man tatsächlich weniger Spaß ohne Begleitung hat. Also wurden Menschen aufgefordert, eine Kunstgalerie zu besuchen. Einige kamen alleine, andere mit Freunden. Im Vorhinein wurden die Besucher befragt, wie viel Spaß sie sich von dem Ereignis erwarten. Tatsächlich schätzten diejenigen, die alleine waren, ihren Spaß weitaus geringer ein als die, die in Begleitung in die Galerie kamen. Nach dem Besuch waren alle, ob alleine oder in der Gruppe, gleich begeistert.
Ratner, die selbst zugibt, ungerne alleine auszugehen, empfiehlt abschließend noch zweierlei: Weil Menschen immer mehr arbeiten sowie weniger und kürzere Freizeitphasen für sich haben, sollten sie nicht wegen mangelnder Sozialität auf Spaß verzichten. Außerdem könne das Stigma des alleine-etwas-unternehmen aus der Welt geschafft werden, wenn Menschen damit anfangen würden.
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