Leben/Gesellschaft

Wie sich Blinde Schönbrunn ansehen

Wie vermittelt man Menschen, die nicht sehen oder hören können, die opulente Barockkunst der Habsburger? Berühren ist der Schlüssel dafür.

Da fällt dem Besucher aus Deutschland sofort auf, dass etwa beim aufwendig geschnitzten Schlitten aus dem 18. Jahrhundert die Rückenlehne fehlt. Restaurator Ernst Gregor erklärt, dass der Lenker – oftmals ein kaiserliches Familienmitglied – nicht saß, sondern auf den Kufen stand. "Der arme Prinz!" , entfährt es dem Gast.

Der Mann ist blind. Alle Teilnehmer dieser Spezialführung im Depot der Wagenburg von Schönbrunn haben ein Handicap. Einige sind gehörlos, manche taubblind. Eine Woche lang erkundeten sie, organisiert von den deutschsprachigen Blindenverbänden und "austria guides", mit ihren Begleitpersonen Wien.

"Es ist eine Herausforderung, ein passendes und informatives Programm auf die Beine zu stellen", sagt Mitorganisatorin Patricia Grabmayr. "Aber das Interesse und die Wissensbegierde dieser Gruppe sind etwas ganz Besonderes."

Geschichte begreifen

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Berühren, tasten, begreifen – das klingt einfacher, als es ist. In der Wagenburg sind historisch wertvolle Stücken ausgestellt, die mehrere Hundert Jahre alt sind. "Es waren zwar Gebrauchsgegenstände, aber es ist trotzdem höchste Vorsicht geboten", erklärt Gregor. Dünne Baumwollhandschuhe oder eine Spezialcreme, die Fettabdrücke auf dem alten Holz verhindert, sind Pflicht.

Mit seinem Kollegen Matthias Manzini hat Gregor zu restaurierende Exponate ausgewählt und im Depot der Wagenburg aufgestellt. "In einer Ausstellung wäre so eine Führung unmöglich, der Berührungsalarm ist sehr sensibel." Hier dürfen die blinden Gäste um die Exponate herumgehen, sich mit den Händen ein genaues räumliches Bild machen. Neben dem Schlitten steht eine imposante Barockkutsche, ein Prinzengalawagen, bereit. Ihre Dimensionen erspüren die blinden Teilnehmer etwa, wenn sie die imposanten Räder betasten.

Apfelstrudel backen

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Bei der zweiten Station in Schönbrunn ist die handfeste Berührung kein Schaden. In der Strudelbackstube erfühlen die blinden und gehörgeschädigten Menschen die richtige Konsistenz des Strudelteigs, ein Stück Teig geht von Hand zu Hand. Für die gehörlosen Teilnehmer werden die Erklärungen der Strudelbäckerin in Gebärdensprache übersetzt. Daher dauert die Show länger als üblich.

Und wie kommuniziert man mit Taubblinden, die das Geschehen am Backtisch weder visuell noch akustisch wahrnehmen können? Hier greifen die Dolmetscher zum sogenannten "taktilen Gebärden". Um etwa zu erklären, dass der Strudelteig ausgezogen, gefüllt und gerollt wird, ergreift der Übersetzer die Unterarme und Hände des Taubblinden und imitiert die jeweilige Tätigkeit. Manche der Übersetzer sind selbst taub und beobachten daher die Gebärden-Dolmetscher vorne am Pult genau.

SMS in die Hand tippen

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Eine andere Möglichkeit zum Kommunizieren ist Lormen (siehe Zusatzartikel). Damit übersetzt etwa Mark Brinkhaus dem taubblinden Ludger Ninhaus die Strudelshow. Schnell berührt er mit seinen Fingern verschiedene Stellen in Ludgers Handinnenfläche. "Das ist, als ob ich eine SMS in seine Hand schreiben würde – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort", erklärt er die Technik. Ludger, erfährt die Reporterin dank seinem Dolmetscher, ist ein Wien-Fan. Apfelstrudel isst er auch zu Hause gern. Hier in Wien schmeckt er aber besonders gut.

Während der Strudel-Vorführung gehört gelegentliches Murmeln dazu. Etwa wenn eine der Begleitpersonen erklärt, was eine andere Teilnehmerin der Reisegruppe gerade an der Backtheke macht. Sie ist als Helferin auserkoren worden. "Elisabeth hat eine Schürze umgebunden bekommen und eine Kochmütze aufgesetzt. Jetzt bestreicht sie den Strudel dick mit Butter." Elisabeth Auer, 64, aus Heidelberg, die als junge Erwachsene erblindete, wird im Anschluss stolz ihr Apfelstrudel-Backzertifikat entgegennehmen. Sie ist begeistert von der Reise.

"Es ist menschlich eine ausgesprochen schöne Erfahrung. Wir werden toll betreut und bekommen viele Informationen – es ist fast wie Sehen." Nachsatz: "Und was wir nicht sehen, erfragen wir."

Führungen

Die österreichischen Fremdenführer bieten auf Anfrage Spezialführungen. Infos zu den Spezialisierungen der Guides unter www.findaguide.at

Kunsthistorisches Museum

Unter anderem können drei Gemälde als Tast-Reliefs erfahren werden. www.khm.at

Naturhistorisches Museum

Ein Blindenpfad ermöglicht Sehbehinderten, ausgewählte Exponate selbstständig zu erkunden. www.nhm.at

Belvedere

Mit Tast-Führungen mit taktiler Unterstützung werden die Hauptwerke erlebbar. Multimedia-Guides in Gebärdensprache. www.belvedere.at

Schönbrunn

Führungen im Schloss mit Berührung ausgewählter Gegenständen auf Anfrage. www.schoenbrunn.at

Kunstsammlung MUSA

In der Sammlung für zeitgenössische Kunst der Stadt Wien gibt es Führungen in Gebärdensprache und ein taktiles Leitsystem. www.musa.at

Albertina

Für Menschen mit leichter und mittlerer Demenz wurde ein eigens Format geschaffen, um emotionales Erleben der Kunstwerke sowie Erinnerungen zu fördern. www.albertina.at

Burgtheater

Bei ausgewählten Vorstellungen übernehmen erfahrene Kommentatoren via Smartphone oder Radioempfänger die Beschreibung des gesamten Stücks. www.burgtheater.at