Leben/Gesellschaft

RunNa: VCM: Krämpfe, Durst und Tränen.

„Guten Morgen, Natascha! Der Himmel in Wien ist heute strahlend blau. Genieße die Sonnenstrahlen!“ Neuerdings weiß Facebook nicht nur, wer was wann wie und wo macht oder gemacht hat, sondern gibt beim Checken der megawichtigen Neuigkeiten auch Auskunft, wie denn das Wetter wird. Schöner geht nicht, hieß es am Sonntag, als ich mit Kaffeetasse beim Frühstück sitze. Und Facebook sollte recht behalten. 

Die Wetterprognose der letzten Tage vor dem Marathon wurde immer wieder korrigiert. Nach oben. Die vorhergesagten Temperaturen stiegen von Tag zu Tag und letztendlich sollten die, laut Veranstalter, rund 42.000 Läufer mit wohlig warmen 20 Grad beim Start rechnen. Und nicht nur Facebook sollte recht behalten, auch die Meteorologen hatten dieses Mal wirklich ins Schwarze getroffen. 

Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Vienna City Marathon (VCM) bereits gelaufen bin. Obwohl, halt. Eigentlich weiß ich es doch. Gar nicht. Ich bin noch nie die 42,195 Kilometer durch meine Heimatstadt gelaufen, habe immer quasi noch die Kurve gekriegt und bin ins Ziel abgebogen. Bisher also immer nur der Halbe. Auch dieses Jahr wieder nur die halbe G’schicht, auch wenn die Startnummer etwas anderes spricht. Quasi in letzter Minute hatte ich erstmals als schreibende Reporterin einen Startplatz vom Veranstalter bekommen. Erstmals betone ich an dieser Stelle. In den vergangenen Jahren war ich bereits immer Monate davor aus eigener Tasche angemeldet, weil ich bisher auch immer privat daran teilgenommen hatte. Dieses Jahr steht ein anderer Wettkampf im Vordergrund. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Bereits in der U-Bahn fallen mir die Blicke auf. Auch ich schaue mich um und erkenne: mit einer vierstelligen Nummer gehört man klar der Minderheit an. Die fünfstelligen, sprich Halbmarathonläufer, überwiegen. Dazu kommt ein Viertel der rund 16.000 gemeldeten Staffelläufer. „Welche Zeit hast du dir denn vorgenommen?“ Ein Läufer spricht mich in der U-Bahn an. „Keine. Ich lauf nicht auf Zeit und auch nicht den ganzen. Grundlagenlauf. Daher auch ohne Chip“, sage ich und deute auf meine Schuhe. Wir plaudern ein bisschen. Er möchte die 3:30 knacken. Dann heißt es auch schon „Vienna International Center“. Aussteigen.

Widerstand ist zwecklos

„Du darfst hier nicht rein. Das ist Block 3.“ Ein etwas bulliger Ordner versperrt mir den Eingang. „Aber ich möchte heute langsamer laufen, also möchte ich hier starten“, sage ich. „Nein, du kommst hier nicht rein. Du musst im Block 2 starten.“ Bei der Anmeldung hatte ich Block 2 angegeben, weil ich nicht wusste, ob ich nicht doch Vollgas die Sub 1:45 anpeilen werde. Daher also der schnellere Block 2. Beim Abholen der Startunterlagen habe ich dann gar nicht darauf geachtet, was oben steht. Für mich war klar, wenn ich langsamer laufen will, darf ich automatisch in einen langsameren Startblock gehen, ich behindere damit ja niemanden. 

Doch dass ich mir das Pickerl am Servicedesk auf der Messe nicht geholt hatte, war wohl doch keine gute Entscheidung. Der bullige Typ ist beharrlich. Ich merke, jeglicher Widerstand ist zwecklos. In all den Jahren, in denen ich nun schon den VC(H)M gelaufen bin, hatte ich es noch nie erlebt, dass tatsächlich die Startblöcke kontrolliert werden. Nun gut, einmal ist immer das erste Mal und bevor mich der Typ von einem anderen Ordner abholen lässt, gehe ich lieber mal weiter. Und siehe da: ein paar Schritte weiter ist das Absperrgitter offen und die Leute gehen hin und her wie es ihnen beliebt. Na bitte. Darf ich also doch langsamer starten. Der Typ zwanzig Meter weiter hinten bekommt von all dem nichts mit. 

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Also lange Rede kurzer Sinn, um 9:17 Uhr starte ich schließlich aus Block 3. Durch das dichte Feld und die pralle Sonne im Gesicht bildeten sich bereits beim Warten erste Schweißtropfen auf der Stirn. Bei Tropfen sollte es an diesem Tag nicht bleiben, gefühlte Bäche trieften meinen Körper entlang und bildeten salzige Krusten auf der Haut. 

Wasser, ich brauche Wasser

Während es in der Hauptallee noch reichlich Schatten gibt, ist auf der Schüttelstraße Schluss mit lustig. Pralle Sonne von hinten und für Wien ganz untypisch: kein Wind. Vorbei an der Urania geht es Richtung Oper. Die zweite Labe wird gestürmt als würde es ums Überleben gehen. Ich brauche lange, bis ich einen Becher erwische. Die meisten um mich herum nehmen mehrere, um sich nicht nur von innen, sondern auch um Kopf und Körper damit zu kühlen. Schwämme im Startersackerl und Bottiche mit Wasser zum Eintauchen auf der Strecke wären da von Vorteil gewesen.

 

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Während die Partystimmung entlang der Ringstraße gut von der Hitze ablenkt, fühlt sich die Linke Wienzeile an wie ein ausgelutschter Kaugummi. Keine Stimmung. Pralle Sonne, dieses Mal von vorne. Und Durst. Das erste Mal verspüre ich, wie meine Kehle trocken ist und irgendwie kann ich nur noch an eines denken: Bier. Ein kühles Bier. Oder noch besser ein kalter Radler. OMG! Ich verdränge den Gedanken wieder, denn dadurch bekomme ich noch mehr Durst

„Schneller, schneller. Geht scho‘!“ An der Gürtelkreuzung stehen ein paar Männer der Berufsfeuerwehr. „Das nächste Mal nehmt einen Schlauch mit!“, ruft ein Läufer neben mir. Ja, das wäre tatsächlich fein gewesen. Unterdessen geht die regelrechte Hitzeschlacht weiter. „Es ist so heiß“, ist mit Sicherheit der Satz, den ich am öftesten neben mir gehört habe. Drei Mal fährt die Rettung mit Blaulicht quer durchs Läuferfeld. Kollabieren habe ich an diesem Tag zum Glück niemanden gesehen. Laut Rotem Kreuz waren es mit 543 Einsätze mehr als in den vergangenen Jahren. Für 59 Läufer endete der VCM im Spital. Hauptsächlich wegen Flüssigkeitsmangel und damit verbundenen Kreislaufbeschwerden. 

 

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Ich hatte an dem Tag zum Glück keine Probleme. Aber wie gesagt, ich lief auch nicht auf Zeit, sondern absolvierte meinen langen Lauf im Wohlfühltempo. Dennoch bin ich froh, als ich nach zwei Stunden und fünf Minuten das Ziel beim Burgtheater erreiche. Mein erster Gedanke: Trinken! Jetzt! 

Während das kühle Bier meine trockene Kehle hinunterfließt, denke ich an „meine“ drei Marathon-Premiere-Helden: Renate, Michael und Heidi. Sie hatten sich erstmals an die 42,195 Kilometer gewagt. Renate, die Genussläuferin, wollte es auf Sub 4 anlegen. Michael, der Allrounder, hatte die Drei-Stunden-Marke im Kopf. Und Heidi, die Talentierte, wollte ebenfalls die drei Stunden bei ihrem Debüt unterbieten. Drei Läufer. Drei Geschichten. Ein Ziel: Marathon. Wie ist es gelaufen? Ihre Erzählungen:

Renate: Ein Video, das zu Tränen rührt

„Wir starteten vom Startblock 3 und es herrschte eine unglaublich tolle Stimmung. Vorfreude, Ergriffenheit ja sogar Dankbarkeit hier stehen zu dürfen. Die ersten 10 km auf Plan und dann begann mein persönliches Waterloo, immer auf der Suche nach einer Dixi-Box. Bei km 13 kam zum ersten Mal der Gedanke den Lauf zu beenden.

Bis km 21 ging es doch weiter und dort fassten wir den Entschluss einfach auf Durchkommen zu laufen. Coach Stefan versorgte mich mit Wasser, Salztabletten und Motivation. Bei km 28 die ersten zaghaften Verkrampfungen im linken Oberschenkel, welche ich im gesamten Trainingsverlauf nie kennen lernte. Beim Lusthaus musste ich einige Schritte gehen, da meine Füße kurz „krampften“, auch das ging vorbei. Kämpfen, kämpfen – gib nicht auf! Bei km 36 lag ich kurz am Boden, weil mein linkes Bein vom Oberschenkel abwärts krampfte. Kurze Massage und weiter, weiter. Bei km 38 meinte Stefan: „Das bringen wir nach Hause!“ Er zählte einen km nach dem anderen herunter und beschrieb mir dazu die Bilder meiner Trainingsstrecke. 

Der letzte Kilometer. Ich wusste bei der 500m-Tafel stehen Freunde, Familie und Kollegin – und dann ging alles zu schnell. Mit einem Dauergrinser über den blauen Teppich und einem Befreiungsschrei war ich nach 4:19:15 im Ziel. Dort fiel ich, vor Freude, auch gleich noch einem völlig Fremden um den Hals. Keine Tränen, nur tiefe Dankbarkeit. 

 

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Das allerschönste Andenken hatte mein Trainer für mich: Ein Video von meinem Zieleinlauf. Ich habe es am Abend angesehen und angesehen und angesehen – und habe dabei ja, tatsächlich: geweint.

Resümee: Ein Wahnsinn. Ich wusste, dass es hart wird, aber mit soooo hart habe ich nicht gerechnet. Und ich hätte es ohne meinen best Coach ever nie geschafft!“

Michael: Perfekte Renneinteilung

„Die große Nervosität, die ich beim Frühstück und am Weg zum Startgelände noch verspürt habe, legte sich zum Glück je näher der Startschuss rückte. Zum einen konnte ich mit Freunden im Startblock noch etwas herumscherzen, zum anderen wusste ich, dass ich ganz gut vorbereitet war. Mein Plan stand fest. Aufgrund der Hitze wollte ich etwas konservativer starten, genügend trinken und ja nicht auf die Verpflegung vergessen, die in diesem Fall extra etwas salzhaltig war.

Nach dem Start wurde ich bis zur Hauptallee ziemlich durchgereicht, ließ mich allerdings nicht aus der Ruhe bringen und steigerte dann mein Tempo kontinuierlich. Die erste Stunde verging wie im Flug, da es im Teilnehmerfeld und entlang der Strecke genug zu beobachten gab und ich in einen guten Flow gekommen bin. Nach 17 km sah ich dann meinen kleinen Fanclub das erste Mal. "Schaut noch sehr gut aus", hörte ich wen rufen und genauso fühlte es sich auch an. Die Beine waren noch locker und ich war guter Dinge, dass es so weitergeht.

Selbst nachdem sich die Halbmarathonteilnehmer verabschiedeten und das Feld sich deutlich lichtete, lief es noch wirklich gut bei mir. Besser sogar, ich bekam einen richtigen Motivationsschub, denn es fiel mir zu dem Zeitpunkt sehr leicht die Pace rund um 4:15 zu halten. 

Ich war jetzt dauerhaft auf der Überholspur und mein Plan dürfte voll aufgegangen sein, denn viele mussten dem hohen Anfangstempo oder den hohen Temperaturen Tribut zollen und ich konnte im Endorphin-Rausch vorbeiziehen. Ich wurde sogar nochmal ein wenig schneller. Das ging bis Kilometer 35 gut. Dann merkte auch ich, dass die letzten zweieinhalb Stunden ihre Spuren hinterlassen haben. Ich musste das Tempo etwas drosseln und die Kilometer wurden von nun an immer länger. Die letzten drei taten dann wirklich weh. 

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Sämtliche Schmerzen waren aber in dem Moment, als ich an der 42 km Tafel vorbei war für 195 Meter nicht mehr zu spüren. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, die Atmosphäre vor dem Rathaus noch einmal aufzusaugen und das Überqueren der Ziellinie war dann unglaublich erleichternd.

Auch am Tag danach habe ich noch keine passenden Worte, nur einen wahnsinnigen Muskelkater in den Beinen und bin aber verdammt froh das Ding gestern so durchgezogen zu haben. Außerdem bin sehr stolz auf meine Disziplin bei der Einteilung des Rennens, da ich für die zweiten 21,2 km um nur genau 29 Sekunden länger gebraucht habe, als für die erste Hälfte. Das macht eine Gesamtzeit von 03:03:57, mit der ich wirklich zufrieden bin.“

Heidi: Selbsterfahrung auf 42,195k 

„Die ersten 21km waren für mich in der von mir angepeilten Zeit insgesamt gut machbar, es war auch noch nicht so heiß. Dann habe ich auf der Wienzeile schon bald die Hitze gespürt. Über die Mariahilfer Straße ging es mir auch noch recht gut, ich habe natürlich gemerkt, dass der Durst immer größer wurde, aber insgesamt bin ich einen ordentlichen Schnitt gelaufen und es ging mir auch wirklich gut. Die kommenden km war es dann schon härter. Gerade die Strecke entlang des Donaukanals, auch mit wenig Schatten, hatte es in sich. 

Die Hauptallee war da schon wieder eine Erlösung, aber die 180 Grad Kurve beim Stadion haute mir in das Tempo rein, weil man aus dem eigenen Tempo rausgerissen wird. Dazu kam, dass auch dieser Abschnitt direkt in der Sonne lag und als ich dann wieder auf der Hauptallee Richtung Lusthaus unterwegs war, hat mein Bauch endgültig zugemacht. Es war so ein heftiger Krampf, scheinbar wegen Dehydration, dass ich eine Pause einlegen musste. 

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Dann bin ich weiter und die Beine wurden immer schwerer und ab km 39 war es dann nur noch ein Kampf mit mir selbst. Ich war wirklich am Ende meiner Kräfte, wollte aber nicht aufgeben und habe dann angefangen, mir einzureden, dass es mir sehr leichtfällt und dass es leicht geht. Ich habe auch immer mehr Druck auf den Ohren gespürt und muss sagen, dass ich die Menschen an der Strecke immer weniger wahrgenommen habe. 

Die leichte Steigung am Ring, die mir noch am Anfang so machbar erschien, wurde mühsam. Mein Blutdruck muss sehr hoch gewesen sein, da ich meine Atmung auch enorm hoch ging. Ich habe auch gemerkt, dass ich angefangen habe zu frieren und Gänsehaut zu haben obwohl ich de facto ja enorm geschwitzt habe. Als ich durchs Ziel gelaufen bin und mein Freund mich aufgefangen hat, habe ich erst gemerkt, dass ich wirklich gar nicht mehr konnte. Die Zeit von 03:01:03 war für das Wetter und die Hitze ein tolles Ergebnis, auch wenn ich dadurch nicht unter den magischen drei Stunden gelaufen bin. Insgesamt bin ich wirklich glücklich, durchgelaufen zu sein und auch noch den 12. Platz bei den Frauen gemacht zu haben. 

Der restliche Sonntag bestand erst einmal aus viel trinken, erholen, Obst essen und nudeln, Nudeln, Nudeln und natürlich haben wir auch angestoßen auf unserer kleinen "ithinkweshouldrun-Party". Schön war‘s, unvergesslich und ich muss sagen, dass ich erst jetzt wirklich nachempfinden kann, was Marathon laufen - auch für Leistungssportler wie meinen Freund Valentin Pfeil - bedeutet. Diese Entwicklung, die man die 42km über mitmacht, das ist ganz was Eigenes. Was man über sich selbst erfährt, ist das Rennen auf jeden Fall wert!“

5431 liefen bis ins Ziel

8304 Läufer waren beim diesjährigen 35. VCM für den Marathon angemeldet. Renate, Michael und Heidi waren drei von insgesamt 5431, die es tatsächlich bis ins Ziel schafften und nicht schon vorher wie ich beim HM abgebogen oder erst gar nicht erst angetreten sind. War es ein einmaliges Erlebnis oder werden sie trotz aller Schwierigkeiten zum Wiederholungstäter? Renate verrät: Beim nächsten Mal weiß ich, was da auf mich zukommt.“ Michael gibt sich zufrieden und sagt: „Alles in allem eine sehr geglückte Premiere und bestimmt nicht mein letzter Marathon.“ Und Heidi? „Irgendwie würde ich gerne noch einen laufen, aber jetzt steht erst einmal im Vordergrund, dass ich mich erhole. Dann mache ich mir dazu konkret Gedanken.“

 

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