Leben/Reise

Belgien: Wer ist die Schönste im Flandernland?

Spätestens vor der gepflasterten Brücke, die zum märchenhaften Schloss in Bornem führt, wird klar: Der gute, alte Walt Disney – der sich von europäischen Schlössern inspirieren ließ – hätte seine Freude gehabt, etwa an den blauen Rundtürmen. Gleich wird Cinderella aus einem der unzähligen Fensterchen winken, aber nein – es ist Guide Anne, die willkommen heißt. „Meine Mutter war die erste Führerin hier, so um das Jahr 1990“, erzählt die Einheimische stolz. Denn der heutige Besitzer, Graf Johann II. de Marnix de Sainte Aldegonde, öffnete das Wasserschloss für die Öffentlichkeit. Eine gute Idee.

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Schlösser an der Schelde

Fünfundzwanzig Schlösser listet diese Region zwischen Westflandern und Limburg im Osten Flanderns auf, die alle öffentlich zugänglich sind, jedes davon liegt an einer Fahrradroute, oft auch an einem Wanderweg. Eine touristische Route verbindet seit 2022 sieben Schlösser entlang der Schelde zwischen dem Gravensteen in Gent und dem Steen (Stein) in Antwerpen. Mittendrin: das Schloss Marnix de Sainte-Aldegonde, wie Bornem mit ganzem Namen heißt (kasteelvanbornem.be).

Anne führt derweil in das Innere des Schlosses, über Stiegen geht es hinauf zu den Prunkräumen. Schloss Bornem kommt recht neo-gotisch – also im Stil des 19. Jahrhunderts – daher, dabei lässt sich die Geschichte des Ortes über tausend Jahre nachverfolgen. Schon im 11. Jahrhundert wehrte man sich hier gegen Einfälle der Wikinger, heute ist man hingegen über jeden internationalen Besucher froh (geöffnet zwischen 1. April und 15. November). Die Besitzer wechselten im Laufe der Jahrhunderte oft. Bis 1773. Seit jenem Jahr ist das Anwesen in Besitz der Familie des Grafen. Den man während des Rundgangs auf dem weitläufigen Gelände nicht zu Gesicht bekommt. Es wäre aber auch zu kitschig, wenn einen der Adel persönlich begrüßen würde. Dabei waren die Grafen Marnix „sehr volksnah“, sagt Anne. „Es gibt hier keine Schlosskapelle, die Marnix gingen im Dorf in die Kirche.“ Auch der Rittersaal existiert nicht mehr. Zu sehen gibt es dennoch genug: Die Räume sind unterschiedlich dekoriert, natürlich mit teuren Möbeln, historischen Gemälden, luxuriösen Deckengemälden, auch viel Porzellan steht herum, das gesammelt und vererbt wurde. Anne zeigt auf eine Vitrine: „Die kapuzinerbraune Farbe des Porzellans stammt vom Eisen.“

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John II. de Marnix ist seit 1968 der vierzehnte Graf von Bornem. Seine Vorlieben: Er sammelt Werke von Pieter Bruegel dem Älteren und – Kutschen. Letztere stehen zuhauf poliert im Lagerhaus.

Wie erhält man aber ein Schloss, ohne Familienporzellan verscherbeln zu müssen? Die Antwort: Es ist schwierig und die Summe vieler Teile. Anne zählt auf: Führungen, Fischzucht, Wälder, Verpachtung an Bauern für Vieh und zwei Burg-Lofts, die vermietet werden. „Und die Jagd war immer wichtig. Leute zahlen viel, um hier jagen zu können.“

Wieder vor dem Schloss, zeigt Anne auf die Oude Schelde direkt daneben. Als Kind, wenn sie ihre Mutter begleitet hat, sei sie auf dem Eis Schlittschuh gelaufen. Ja, man kann es sich gut vorstellen. Wie in einem Bruegel-Gemälde.

Anreise
Am besten klimafreundlich mit dem ÖBB-Nightjet nach Brüssel. oebb.at

Rundreise-Package
Raiffeisen Reisen bietet an drei Terminen zw. Juni und Okt. 2024 die 6-tägige Entdeckungsreise Flandern an. Einige Highlights: Grand Palace in Brüssel, Grachtenfahrt in Brügge, Schloss Marnix. Flug Wien–Brüssel – Wien, 5 N in 3*/4*-Hotels mit F, Transfers und Ausflüge lt. Plan. Inkl. Flug ab 1.399 € p.P. im DZ (EZ-Zuschlag 390 €). Termine und Details: In allen Raiffeisen- und GEO Reisebüros,
Tel.: 0800 / 665574, info@raiffeisen-reisen.at, bestfortravel.com

1773 Seit diesem Jahr ist  Schloss Bornem in Besitz der aktuellen Grafen-Familie

Auskunft visitflanders.com

Sammler von Oudenaarde

Ebenfalls an der Schelde, südlich von Gent, trägt sich in der Stadt Oudenaarde eine weitere bemerkenswerte Geschichte zu. Es geht ebenso um den Erhalt alter Gemäuer – und noch um viel mehr: um Familie, um Liebe, um Leidenschaft.

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Julien Fornari empfängt im Huis Beaucarne. Kein Palast, aber ein Palais, seit über 250 Jahren in Familienbesitz. Straßenseitig erstreckt sich eine spätbarocke Fassade, die nicht erahnen lässt, dass sich dahinter ein (noch) wilder, ungezähmter Garten erstreckt. Zudem ein Innenhof und eines der ältesten Gewächshäuser Belgiens, das gerade renoviert wird, Baustellenlärm dringt aus dem Inneren. Julien ist ein junger Kunsthistoriker, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Lena ist er vor wenigen Jahren in dieses Huis seiner Großmutter gezogen, um es wieder zum Leben zu erwecken.

Mit Führungen sowie Tee und Kuchen im Innenhof finanziert man die Renovierung Stück für Stück. Das Kuriose sind vor allem die unzähligen Kleinode in Küche, Bibliothek, Musikzimmer oder Schlafgemach. Darunter befinden sich alte Spielsachen, einzigartige Spiegel, Stiche, ausgestopfte Tiere und viel mehr. Das junge Paar macht Jahrhunderte per Familiengeschichte lebendig.

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Fotos oberhalb: Gent - Antwerpen - Schloss Bornem

Schlossluft kann man auch wunderbar in den flämischen Städten schnuppern. In Gent ist die imposante Grafenburg (Gravensteen), die Burg der Grafen von Flandern, einen Abstecher wert, allein wegen des wirklich witzigen Audioguides. Gegenüber gibt es ein Schokoladencafé und ein Biergeschäft. Ideale Orte, um zu entdecken, dass es nicht um die Schönheit eines Schlosses, sondern um die Leidenschaft der Menschen dahinter geht.